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Update für einen Klassiker: Meissen by Tanja Pabelick | 20. Juni 2014 | Offices

Sie hat sich einst erfolgreich mit China gemessen und soll nun die ganze Welt erobern: Die sächsische Porzellanmanufaktur Meissen fertigt Möbel, Schmuck und seit der letzten Saison sogar edle Couture. Mit dieser Strategie soll sie in Zukunft endlich auf Augenhöhe mit internationalen Luxusmarken agieren. Geschäftsführer Christian Kurtzke hat das Traditionsunter­nehmen in den vergangenen sechs Jahren in neue Fahrwasser gelotst.

Als Letztes werden sie auf dem Boden aufgetragen, dort, wo eigentlich keiner hinsieht: vier feine, gekreuzte Striche. Sie gelten als das älteste Markensymbol der Welt und sind das Zeichen des Unternehmens Meissen. Dessen einmalige Geschichte lässt sich in Rekorden erzählen: 1710 in Sachsen gegründet, ist die Porzellanmanufaktur die erste und heute älteste Europas. Bis Anfang des 18. Jahrhunderts ist China als Erfinder und Hüter des Herstellungsverfahrens Platzhirsch in Sachen Porzellan und nutzt das zu seinen Gunsten. Kostbares Tafelgeschirr, Vasen und figurative Dekoration lassen sich die Händler direkt in Gold aufwiegen. Mit Eifer bemüht sich der Adel deshalb, das „weiße Gold“ in den eigenen Werkstätten nacherfinden zu lassen. Es gelingt in Dresden. Johann Friedrich Böttger sollte am Hof August des Starken eigentlich Gold herstellen. Weil das einfach nicht gelingen wollte, widmete er sich bald dem immerhin ähnlich wertvollen Porzellan, um den König, der nach eigener Aussage an einer Krankheit namens „maladie de porcelaine“ leidet, zufriedenzustellen.

Böttger entwickelt ein an Schokolade erinnerndes Steinzeug und findet kurz darauf mit dem feinen Kaolin in Meißens Grund die letzte fehlende Zutat für die blendend weiße Feinkeramik nach chinesischem Vorbild. Die Manufaktur wird gegründet und ein Kaolin-Bergwerk eröffnet, das mit seinen zwei Mitarbeitern heute Deutschlands kleinstes ist. Die in Sachsen gefertigten Porzellane übertreffen die chinesischen recht bald in Schönheit und Gestalt, das zumindest befindet die damalige Gesellschaft. Bis heute steht Meissen für höchste Qualität. Sammler zahlen mehrere Millionen Euro für seltene Figuren und die größte Fangemeinde hat die Manufaktur – Ironie des Schicksals – mittlerweile in Asien. Und dann geht ein Ruck durch Meissen. Die bisher eher stille Traditionsmarke macht einige Jahre nach der Jahrtausendwende plötzlich mit unzähligen Innovationen auf sich aufmerksam.

Dahinter steht er: Christian Kurtzke, ehemaliger Manager bei Boston Consulting. Gerade einmal 39 Jahre ist er alt, als er 2008 als neuer Kopf an die Spitze des Unternehmens tritt. Diese dynamische Verjüngungskur hat einen aktuellen Auslöser, der von vielen kurz die Porzellankrise genannt wird. Symptome sind Single-­Haushalte, Coffee-to-go-Becher sowie der Abschied von Sonntags-­Geschirr und Aussteuer. Es ist so: Kaum jemand kauft noch ein 12- teiliges Teeservice. Eine ganze Branche muss sich umorientieren oder neu erfinden. Meissen ebenso wie die Wettbewerber. Doch der Staatsbetrieb des Landes Sachsen verschließt sich länger als andere den gesellschaftlichen Veränderungen. Und dann, als die Kassen leer sind, muss es plötzlich schnell gehen, um die jährlichen Verluste im zweistelligen Millionenbereich abzufangen. Erfreulicherweise entdeckt der neue Geschäftsführer Christian Kurtzke sofort mehr als das Rot in den Rechnungsbüchern. Da sind zunächst ein unerschüttertes Renommee und dann die nicht ausgeschöpften Reserven. Und er macht deutlich: Die Manufaktur Meissen ist keine Markenhülse, sondern lebt von ihren Inhalten, der besonderen handwerklichen Qualität, dem Unikat-Gedanken, der Geschichte. Wie die Konkurrenz in Asien zu fertigen und große Rendite zu fahren, kommt für ihn nicht infrage. Sich neben ihr zu behaupten schon. Dabei besinnt sich Christian Kurtzke auf die besonderen Potenziale der Manufaktur, die in den Händen der Künstler liegen – und bei Meissen auch im Keller. In den Archiven des Unternehmens findet er seine Inspiration für den angestrebten Wandel: Muster und Motive aus vergangenen Zeiten, dazu Farbpaletten und historische Gussformen.

Er plant das Unternehmen mit neuen Produkten breit aufzustellen und zur internationalen Lifestylemarke aufzubauen. Dafür gründet das Unternehmen neue Departments, lässt für den Bereich Accessoires Seidentücher produzieren, lanciert eine Schmuck- und Uhrenkollektion und präsentiert eine ganze Interieurlinie vom Möbel bis zur Wandbekleidung. „Das Ziel ist es, Meissen Home als führenden deutschen Anbieter für das Interieur zu positionieren“, sagt Christian Kurtzke. „Dabei denken wir an die ganze Welt des Interieurs, vom Boden bis zur Decke, Bäder-, Küchen- und Wohnwelten.“ Das Bestandsvokabular wird kurzerhand in neue Zusammenhänge gebracht. Aus dem Teller wird eine Kachel, aus dem Platinrand eine Oberflächenbeschichtung. Meissen ist nicht mehr nur Tisch und Tafel, sondern auch Schal und Robe, Schrank und Fliese. Geschickt wird mit Tradition und Moderne jongliert, wenn durch Amethyst, Quarz und Bergkristall eines Schmuckanhängers aufwendig handbemalte Porzellanplatten mit Drachen oder Streublumen schimmern. Alle Innovationen, so weit entfernt von der Keramik sie auf den ersten Blick auch scheinen, stützen sich mindestens auf eine der drei Säulen ­Meissens: das Porzellan und die Kunsthandwerker, die Farb- und Musterarchive und das Markensymbol.

Kein ganz leichter Weg für den Sanierer, denn die Tradition empfängt Neuerungen nicht unbedingt mit offenen Armen: „Es ist nicht so, dass man auf mich gewartet hätte. Da meint keiner: Wunderbar, dass jemand alles verändert.“ Dabei ist vieles, was Kurtzke umsetzt, gar nicht so neu. Als der Alchimist Böttger einst statt der Formel fürs Gold die für braunes Porzellan erfunden hatte, ließ er für August den Starken daraus zuerst Schmuckstücke fertigen. Und auch Mobiliar fand sich schon einmal im Portfolio der Manufaktur. „Zur Weltausstellung 1893 nach Chicago hatte Meissen Möbel im Materialmix geschickt: Stoffe, Bronze, Holz und Porzellan“, stellt Christian Kurtzke richtig.

Jetzt schickt er sie nach Hongkong, wo gerade ein neuer Showroom eröffnet wurde, oder in die Via Montenapoleone nach Mailand, die als eleganteste Straße einer sowieso schon eleganten Stadt gilt. Hier liegt die Villa Meissen, in der Kurtzke sich zuletzt doch noch als Pionier in bisher von der Firmengeschichte unberührte Bereiche gewagt hat. Im Garten der Villa und im Rahmen der Mailänder Fashion Week präsentiert Meissen erstmals Couture. 17 Abendkleider mit bauschigen Röcken, aufgesetzten Blumen und funkelndem Strass, die in ihrer zarten Kleinteiligkeit unmittelbar an die historischen Figurinen denken lassen. „Von Anfang an war das ein Traum von mir: in die Archive zu gehen und daraus Haute Couture zu machen. Und jetzt ist es ist spannend zu sehen, wie die Menschen Meissen ganz anders erleben“, resümiert Kurtzke. Und er kann neuerdings sein gutes Gefühl für die Sache auch in Zahlen ablesen. Im neuesten Ranking für deutsche Luxusmarken ist Meissen in die Top Ten aufgestiegen. TP

IssueGG Magazine 03/14
City/CountryMeissen/ Germany
PhotographyPress Images Meissen