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Way Too Good by Eva Steidl | 16. September 2014 | Personalities

Interior, Möbel, Mode: Faye Toogood lässt sich nicht in Schubladen stecken. Disziplinen wechselt die britische Designerin so selbstbewusst wie Stile. Und dabei ist sie so konsequent und überzeugend, dass ihre eigenwillige gestalterische Handschrift international hoch im Kurs steht.

Faye Toogoods Arbeitsplatz im Norden Londons wirkt wie ein großes Wohnzimmer: Offenes Dachgebälk, in der Mitte des Raums ein großer Holztisch mit frisch geschnittenem Grün, daneben ein Sofa, viel Licht und Ausblick auf die umliegenden Backsteingebäude und den Regent’s Canal. 2008 hat die Designerin ihr eigenes Studio gegründet – damals zu Hause. Sechs Jahre später arbeiten nun insgesamt zwölf Mitarbeiter an Projekten für Kunden wie Vivienne Westwood, Alexander McQueen und Hermès. Faye Toogood hat sich in der Designwelt längst einen Namen gemacht. Die warme und persönliche Atmosphäre aus den Gründungstagen ist hier jedoch noch immer spürbar. Dass Besprechungen auf dem Sofa abgehalten werden, ist nur augenscheinlich leger; der Raum ist voller Betriebsamkeit und konzentrierter Energie. „Ich habe weder ein Büro noch einen Schreibtisch, sonst würde ich nicht vorankommen.“ Viel lieber kreist Faye Toogood um den großen Arbeitstisch, setzt sich zu den Kreativen, um mit ihnen zu experimentieren. Das Handwerkszeug ihrer Mitarbeiter, sie sind ausgebildete Designer, Architekten, Fotografen, schätzt und braucht Faye Toogood. Sie selbst hat nie Design studiert.

Mit 21 Jahren, damals Kunsthistorikerin, wurde sie von der Chefredakteurin der „World of Interiors“ als Stylistin entdeckt. Ihr Bewerbungsschreiben: ein Koffer voller Fundstücke wie Tapetenfetzen, Holzabschnitte, Steine und Skizzen. Zehn Jahre lang inszenierte sie für das Magazin Wohnwelten und Stil-Leben, sammelte Erfahrungen und vor allem jede Menge Gegenstände. „Ich habe mich dann selbstständig gemacht, weil ich nicht nur zweidimensio­nal arbeiten, sondern Objekte entwerfen wollte,“ erinnert sich Toogood. „Ich wusste nicht einmal, dass ich Designerin werden wollte.“ Heute ist ihr das klar, auch wenn viele sie als Künstlerin sehen. „Ich bin Designerin, weil ich es mag, mit einem Briefing und mit Kunden zu arbeiten, Einschränkungen und Limits zu haben. Und nicht zuletzt Objekte und Räume zu entwerfen, die Menschen benutzen können.“

„Ich bin Designerin, um Objekte und Räume zu entwerfen, die Menschen nutzen können.“ Faye Toogood

So wagte sich die 36-Jährige vor zwei Jahren an ein Experiment, das sie mit ihrer jüngeren Schwester Erica, die gelernte Schneiderin ist, begann und im vergangenen Jahr auf der Pariser Fash­ion Week erfolgreich präsentierte. „Mode zu machen war neu für mich, die Annäherung an ein Thema und der Prozess, wie ich arbeite, sind aber immer dieselben“, sagt Faye Toogood, während sie die zahlreichen Schnittmuster und Materialproben, die von der Studiodecke hängen, zeigt. Sieben Mäntel umfasst die erste Kollektion der Schwestern, unisex und „made in Britain“. Die wohlklingenden Modellnamen wie „Bienenzüchter“, „Milchmann“ und „Chemiker“ beschreiben die Programmatik der exzentrischen Kleidungsstücke. Denn die Schnitte sind aus der Berufskleidung der jeweiligen Arbeiter abgeleitet. „Wir wollen zeitgenössische Formen schaffen, die kleidsam sind, und vor allem wollen wir die Grenze zwischen weiblicher und männlicher Kleidung aufheben.“ Die Designerin erklärt, dass sie diejenige sei, die vor allem Fantasie und Vorstellungskraft in das Projekt einbringe, während ihre Schwester das Ideengebilde aus zweidimensionalem Stoff in dreidimensionale Kleidungsstücke formt. „Ich bin kein Handwerker, meine Stärke ist das Editieren. Dabei verlasse ich mich voll und ganz auf meine Intuition“, fasst sie ihre Arbeitsweise zusammen. Mit dem eigenen Modelabel Toogood hat Faye Toogood das Studio um einen dritten Bereich erweitert. Ihre Schwester hat übrigens als Einzige einen eigenen Raum, das Schnittzimmer. Alle anderen arbeiten im großzügigen Hauptraum. Gerade werden dort zwei Objekte fertiggestellt, die für ein neues Interior-Projekt vorgesehen sind. In akribischer Handarbeit webt eine Mitarbeiterin einen wollweißen Überwurf, während nebenan 17.000 Nägel in die „Armour Bench“, ein bojenförmiges Sitzobjekt, geschlagen werden.

Häufig entstehen Faye Toogoods Möbelentwürfe wie diese im Rahmen eines Raumgestaltungsprojekts oder einer Installation, manchmal wird aber anders herum auch aus einem Galerieobjekt eine Idee für ein Interior. Egal ob Sitzmöbel, Shop oder Fashionshow, Faye Toogoods Entwürfen sieht man an, dass sie stets mehr sein wollen als Räume oder Objekte. Oft erzählen sie fantastische Geschichten, die mal eine Hippiewelt und kurz darauf ein Punkuniversum streifen. Die Desi­gnerin mag Extreme, Motive aus der Kunst und vor allem Inspirationen aus der Natur. „Ich bin ein Mädchen vom Lande und verbringe viel Zeit draußen, so beginnen meine Projekte meist mit Beobachtungen von Landschaften und Formen aus der Natur.“ Während sie das sagt, bricht draußen ein Gewitterregen vom Himmel, kurz darauf schiebt sich die Sonne wieder in den Vordergrund. „Und dann suche ich nach etwas komplett Gegensätzlichem.“ Meist sind es Materialien oder Herstellungstechniken aus der Industrie, mit denen sie markante Kontraste schafft. Oder aber viel allgemeinere Themen, die Faye Toogood auf ihre ganz eigene Weise in Bezug setzt: urban und ländlich, männlich und weiblich, veredelt und unbearbeitet, hart und weich.

Ihre jüngste Möbelserie ist von Fiberglas und natürlicher Wolle geprägt. Und, da ist sie selbst überrascht, von ihrer Tochter. „Indigo ist jetzt fast zwei Jahre alt und beeinflusst meine Arbeit mehr als ich dachte“, Toogood lacht, „die Formen meiner Möbel sind runder und voller und ausgewogener geworden.“ Und nicht nur das, produktiver sei sie geworden, „dabei war ich vom Gegenteil ausgegangen, ich wollte etwas Tempo rausnehmen.“ Davon kann aktuell wirklich keine Rede sein – Faye Toogood entwirft und editiert, führt und steuert mehrere Projekte gleichzeitig. Das immense Pensum schafft sie mit einem präzisen Blick für die kreativen Potenziale ihrer Mitarbeiter, doch es geht auch stets darum, die Organisation ihres Studios im Blick zu haben. „Am Anfang hatte ich nicht gedacht, dass ich eine Unternehmerin werden würde, doch das Management ist jetzt ein großer Teil meiner alltäglichen Arbeit. Es ist aber überhaupt keine Last, sondern im Gegenteil ein großes Vergnügen.“ Faye Toogood ist Frau, Mutter, Geschäftsfrau und Designerin. Und man staunt, wie lustvoll, spontan und bedacht zugleich sie diese Rollen und Disziplinen wechselt. Etwa einem Mantel einen dynamischen Anstrich verpasst und eine Wand in ein textiles Gewand hüllt. Dass sie sich als Frau in der von Männern dominierten Designerwelt behaupten muss, stört sie dabei nicht. „Ich nutze diese Tatsache einfach zu meinem Vorteil. Sei es durch die Art, wie ich kommuniziere, oder mittels der Motive in meinen Arbeiten.“ Ihr Nachname ist übrigens so treffend, dass man meinen könnte, es wäre ein Künstlername, „Toogood“ – zu gut. ES

IssueGG Magazine 04/14
City/CountryLondon/ United Kingdom
PhotographyMark Seelen