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Aus der Glut geboren. Glanzstücke fürs Bad. by Tina Schneider-Rading | 18. April 2015 | Offices

Vom Moskauer Kreml bis zum „Mandarin Oriental“ in Paris, von der Botschaft Saudi-Arabiens in Kairo bis hin zu Mega-Yachten: Die Design-Armaturen von THG kommen international immer dann zum Einsatz, wenn es um hochwertige Badausstattung geht. Doch was steckt hinter dem grandiosen Erfolg des Unternehmens aus Béthencourt-sur-Mer? Traditionelle Handwerkskunst, viel Familiensinn – und die nie versiegende Leidenschaft für Ästhetik.

Die kleine Kindergestalt hockt rittlings auf einem vergoldeten Wasserhahn und reckt die Fäustchen in die Luft, in jeder hält sie einen Trommelstock. Dieser Putto sieht aus, als warte er auf seinen Einsatz – dabei hat er die Herrschaft längst übernommen. Und zwar nicht nur hier, im Badezimmer der „Regina d’Italia“. Die berühmte 51-Meter-­Yacht gehört zum Besitz der Modedesigner Domenico Dolce und Stefano Gabbana. Und eine Armatur wie die „Amour de Trianon“ von THG ist der barocke Liebling der Kreativen ebenso wie von Königsfamilien. Zu den Kunden der Franzosen zählen der Moskauer Kreml, das Sieben-Sterne-Haus „Burj al Arab“, das Pariser „Ritz“ – und mit ihnen die teuersten Hotels weltweit. Die Kundschaft lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Wo Glamour zu Hause ist, glänzen höchstwahrscheinlich die Armaturen, Duschköpfe und Handtuchhalter von THG im Badezimmer.

Das mittelständische Unternehmen mit Sitz in Béthencourt-sur-Mer, etwa 150 km nördlich von Paris gelegen, trägt die Initialen seiner Gründer im Namen. Die Werkzeugmacher André Tetard und Julien Haudiquez taten sich in den Fünfzigerjahren mit Alexandre Grisoni zusammen, Ende der Achtzigerjahre übernahm dann Tetards Tochter Laurence das Ruder – und brachte ihren Lebenspartner mit ins Unternehmen: Michel Gosse.

„Wir haben Kunden in allen Ecken der Welt – und wir haben für wirklich jeden einzelnen von ihnen die passende Armatur.“ Michel Gosse

Es ist etwa ein Dutzend Jahre her, da musste der neue Firmenchef, ein gelernter Automechaniker, beim französischen Kristallriesen Lalique noch um einen Termin betteln. Michel Gosse stand der Firma erst ein paar Jahre vor, die Konkurrenz aus Deutschland und Italien setzte dem Unternehmen zu. Nicht ursprünglich vom Fach, brachte Gosse zwei unbezahlbare Talente mit: Neugier und Entdeckergeist. Der Mann ist ein Tüftler, er interessierte sich unter anderem für neue Materialkombinationen. Also besorgte er Kristallelemente von Lalique und begann zu experimentieren. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Griffe von Armaturen üblicherweise aus Metall, manchmal aus Porzellan, einen kristallinen Knauf konnte sich kaum jemand vorstellen – außer Monsieur Gosse. Mit seiner natürlichen Kreativität machte er die Tradi­tionsfirma schließlich fit für den internationalen Erfolg: „Die Kooperation mit Lalique war unser Durchbruch und mein schönster Moment im Unternehmen“, sagt er heute. „Eine internationale Premiummarke, die ihre Kristalle einem kleinen Armaturenhersteller anvertraut. Diese Zusammenarbeit hat uns zu weltweitem Erfolg verholfen.“

Heute heißen die Partner von THG Bernardaud, Baccarat, Daum oder Christofle. Von der Porzellanmanufaktur bis zum Kristallatelier, es sind die jeweils besten ihrer Art in Frankreich. Und auch die Designer stehen Schlange: Alberto Pinto, das Studio Putman, Olivier Gagnère. Die über hundert Kollektionen des Labels gehören zur Haute Couture fürs Badezimmer. Schon die Griffe: handgearbeitete Meisterstücke, verziert mit Horn oder von innen beleuchteten Kristallknäufen, aus feinstem Porzellan oder formschön versilbert. Oder es sind taillierte, mit Schleifen verzierte Korsettchen, wie die der Lingerie-Designerin Chantal Thomass. In der „Baroque“-Kollektion locken Wasserhähne als Löwenköpfe und Schwanenhälse aus gebürstetem Silber, mattem oder strahlendem Gold. Der Pariser Showroom ist im noblen Boulevard Haussmann untergebracht und längst ein Anziehungspunkt für Interior-Blogger und -Stylisten. Denn dort sind die Armaturen von THG in ihr exklusivstes Umfeld eingebettet: Badezimmer mit gravierten Wandfliesen aus Kristall, Waschbecken aus geschliffenem Marmor. Und Wannen, die mit feinstem Hermès-Leder ummantelt sind. Erst im letzten Jahr eröffneten Gosse und seine Frau einen Showroom in Shanghai. Der chinesische Markt floriert ohnehin: Hier stehen unter anderem die Fünf-Sterne-Hotels „The Peninsula Shanghai“ und das „Waldorf Astoria“ in Peking auf der Kundenliste.

Bevor er die Fabrik übernahm, durchlief Michel Gosse alle Abteilungen. So ist er heute nicht nur mit der Tochter des Gründers, sondern mit der ganzen Firma verheiratet. Ihr „Patron“ ist für die rund 230 Angestellten, von denen 200 in der Produktion arbeiten, ein Chef auf Augenhöhe. Einer, dem das „Wir“ wichtiger ist als ein wirtschaftlicher Egotrip. „Wenn wir eine neue Kollektion entwerfen“, so Gosse, „behalten wir unsere Kundschaft in all ihren Facetten im Blick. Sie unterscheidet sich sehr – in ihrer Kultur, Religion, in ihren Gewohnheiten und Mentalitäten.“ Die Modelle mit Halbedelsteinen sind vor allem in Russland beliebt, auch Bäder in Yachten werden oft damit ausgestattet. Im Mittleren Osten dagegen haben Männer und Frauen jeweils eigene Badezimmer. Hier versorgt THG die Waschräume für Herren mit maskulinen, geradlinigen Armaturformen, die Damenbäder fallen verspielter aus. Die amerikanischen Kunden lieben die Retro­linie, Bestseller in den Staaten ist ein eleganter Industrial-Entwurf mit Hebeln statt drehbarer Knäufe. Gosse selbst schätzt vor allem die Kreationen seines Landsmanns Pierre-Yves Rochon. Als Star unter den Innenarchitekten stattete dieser viele Fünf-Sterne-Hotels aus: Seine Serien „Faubourg“, „Frivole“ und „Froufrou“ stehen für zeitlose Eleganz, eine typisch französische Art des Savoir-vivre. „Rochon vereint die Komponenten Metall und Porzellan besonders harmonisch miteinander. Das macht seine Armaturen international erfolgreich – und das ist eine echte Seltenheit in unserer Branche.“

Von der Herstellung des Prototyps bis zur Endmontage – bei THG wird alles unter einem Dach produziert. Welche Station ist die wichtigste? „Für mich eindeutig die Arbeit in der Gießerei“, sagt ­Gosse. Es ist ein harter, schmutziger Job in der Metallschmelze, wo die Messinglegierung, eine Mischung aus Kupfer und Zink, flüssigglühend über die Kelle schwappt. Das Messing wird in die vorbereiteten Formen für die Wasserausläufe gegossen. Sobald die Metallschmelze erstarrt, bildet sich die Legierung. „Diese Arbeit verlangt extrem viel Fingerspitzengefühl und erfordert gleichzeitig Kraft und Fachwissen.“ Am Ende entsteht daraus Perfektion. Das Atelier für Oberflächenveredelung ist Gosses Lieblingsplatz im Unternehmen: „Hier werden die Armaturen legiert – mit Gold oder rhodiniertem Silber, mit Kupfer oder Nickel. Der Glanzpunkt der Firma also“, schmunzelt er. Und der Ort, wo mit 40 unterschiedlichen Legierungen eine weltweit einzigartige Oberflächenvielfalt entsteht.
Die Kunstfertigkeit der Firma wurde unlängst mit einem Gütesiegel der Pariser Regierung ausgezeichnet, dem „Entreprise du Patri­moine Vivant“. Die Kreationen von THG stünden für „lebendiges Handwerk“ und gehören damit nun ganz offiziell zum französischen Kulturgut. Im Grunde formt sich nach dem Besuch in Béthencourt-sur-Mer aber vor allem die eine Erkenntnis: Ein Badezimmer, das ist und bleibt – Familiensache. TSR

IssueGG Magazine 02/15
City/CountryBéthencourt-sur-Mer/ France
PhotographyPress Images THG