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Die heimlichen Stützen von Rom by Ulrich Clewing | 8. Januar 2016 | Travel

Die Schönheit der sogenannten Ewigen Stadt ist überwältigend, aber auch fragil. Der Staat allein kann die Bau- und Kunstwerke nicht erhalten. Ohne das millionenschwere private Engagement von großen italienischen Familien wie den Fendis oder Bulgaris, aber auch die Zuwendungen ausländischer Mäzene könnten die imposanten Bauten nicht überleben.

Rom ist einzigartig. Und es zerfällt. Langsam, aber sicher bröckeln die prächtigen Fassaden, verblassen in den Kirchen die ehedem so kräftigen Farben an den Wänden. „In Italien gibt es so viele Kunstschätze, dass der Staat sie unmöglich alle erhalten kann,“ sagt Paolo Bulgari, „deshalb müssen wir privaten Unternehmer ihm dabei helfen.“ Den Worten hat der Enkel des Gründers des gleichnamigen Luxuskonzerns Taten folgen lassen. Mit einem Millionenbetrag finanzierte Bulgari im letzten Jahr die Restaurierung der zwischen 1723 und 1725 erbauten Scalinata di Trinità dei Monti. Die wohl bekannteste Freitreppe der Welt, besser bekannt als Spanische Treppe, führt in einem spektakulär eleganten Schwung von der Kirche Santa Trinità dei Monti hinunter zur Piazza di Spagna, benannt nach dem mächtigen spanischen Botschafter am Vatikan, der dort seinen Palazzo hatte.

Bulgari ist mit seinem Mäzenatentum nicht allein. „Es ist unsere Pflicht, der Stadt Rom die Ehre zu erweisen“, findet auch Silvia Venturini Fendi, „wir verdanken ihr so viel.“ Von all den notleidenden Bauten ihrer Heimatstadt hat sich die Designerin eine echte Ikone ausgesucht. Deren Sanierung fördern sie und ihr Modeunternehmen, das 1925 in Rom gegründet wurde, nun mit gut zwei Millionen Euro. Eigentlich gehört die Filmszene auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes, so sehr hat sie sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben: Wie in Fellinis „La dolce vita“ die blonde Anita Ekberg im trägerfreien schwarzen Abendkleid spät nachts ein spontanes Bad im Trevi-Brunnen nimmt – und dem armen Klatschreporter Marcello Rubini, gespielt von dem grandiosen Marcello Mastroianni, damit komplett den Kopf verdreht.

Der monumentale Brunnen – er ist rund 26 Meter hoch und etwa 50 Meter breit –, ein Werk des Spät­barock mit zahlreichen allegorischen Figuren, Fantasie-Wasserwesen und eigener, vor den Palazzo Poli vorgeblendeter Kulissenfassade, wird gegen­wärtig generalstabsmäßig wieder hergerichtet. Dabei zieht Fendi, anders als die staatlichen Stellen, alle Register der kreativen Privat­wirtschaft. Das ambitionierte Projekt hat eine eigene Website mit Informationen, Computeranimationen und Videos. Zu dem Anlass ist sogar ein Buch erschienen, mit aufwendig gedruckten Schwarz-Weiß-Fotos von Karl ­Lagerfeld, dem langjährigen Fendi-­Designer. Und das bürgerschaft­liche Engagement von Fendi reicht sogar noch weiter: Mehrere hunderttausend Euro hat das Unternehmen bereitgestellt, damit gleichzeitig auch die sanierungsbedürftigen Quattro Fontane auf dem Quirinalshügel res­tauriert werden können. Die 1588 errichtete Brunnenanlange besteht aus vier Einzelbrunnen an den Ecken der Kreuzung von Via del Quirinale und Via delle Quattro Fontane, die die Flussgötter von Arno und Tiber sowie die Göttinnen aus der römischen Mythologie Diana und Juno zeigen.

Diese Beispiele machen Schule. Erst kürzlich wurde bekannt, dass einhundert Ferrari-Besitzer, die sich mit ihren automobilen Kost­barkeiten zum jährlichen Treffen auf den Trajansmärkten versammelten, danach den Klingelbeutel herumgehen ließen. 200.000 Euro ­kamen so zusammen, die man für die Erhaltung des letzten unter den großen römisch-antiken Kaiserforen verwenden will. Die mit Abstand höchste Summe der vergangenen Jahre stiftete allerdings Tod’s-­Inhaber ­Diego della Valle. Stattliche 25 Millionen Euro lässt sich der Firmenchef aus Casette d’Ete in der Region Marken die Sicherung des Kolosseums kosten. Die bei laufendem Betrieb schrittweise durchgeführten Arbeiten werden bis ins Jahr 2016 andauern. Nach ihrem Abschluss soll das größte jemals errichtete Amphitheater größer sein denn je: Bislang waren etliche der historischen Gänge auf den Tribünen und in den Katakomben aus Sicherheitsgründen geschlossen – sie sind dann erstmals dem Publikum zugänglich.

Aber nicht nur vermögende Einheimische ergreifen solche verdienstvollen Initiativen. Mehr und mehr finden auch wohl­habende Ausländer mit einem Faible für Rom Gefallen da­ran mitzuhelfen, die Zeugnisse der – im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtigen – Historie der jahrtausendealten Stadt am Tiber zu retten. Eines davon ist das Grabmal des Volkstribuns Gaius Cestius Epulo, der zu Zeiten von Kaiser Augustus lebte. Es liegt an der Straße nach Ostia in unmittelbarer Nähe der eindrucksvoll wehrhaften Porta San Paolo und fällt dadurch auf, dass es die Form ­einer perfekt regelmäßigen ägyptischen Pyramide aufweist. Auf zwei Millionen Euro belief sich die Restaurierung, die im vergangenen Dezember nach knapp einjähriger Bauzeit abgeschlossen werden konnte. Die Summe stammte von einem einzelnen Gönner, einem japanischen Mode­unternehmer, Yugo Yagi aus der Me­tro­pole Osaka. Ein anderer Mäzen, der in Rom von sich reden machte, ist Alischer ­Usmanov, russischer Oligarch usbekischer Herkunft (und Anteilseigner des FC Arsenal London). Er unterstützt die Herrichtung des Saals der Horatier und Curiatier im Konservatorenpalast und spendete auch, wie der bereits erwähnte Club der Ferrari-Fahrer, für das um 100 n. Chr. erbaute Trajansforum insgesamt ebenfalls zwei Millionen Euro.

Und manchmal greifen sogar auslän­dische Regierungen ein, um bestimmte Gebäude zu erhalten. Ein Beispiel dafür ist die Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-­Institut für Kunst­geschichte, eine außer­universitäre Forschungseinrichtung mit Sitz im ­Palazzo Zuccari sowie drei weiteren benachbarten Gebäuden in Rom. Da sich Statik und Brandschutz des in den Sechzigerjahren entstan­denen Neubaus im ehemaligen Garten des Palazzo Zuccari für die etwa 250.000 Bände der Bibliothek als nicht ausreichend erwiesen, wurde 2001 das Gebäude des Architekten Silvio Galizia abgerissen und an seiner Stelle ein neues Bibliotheksmagazin mit Lesesaal nach dem Entwurf von Juan Navarro Baldeweg errichtet. Mit dem neuen Bibliotheksbau, eingeweiht im Januar 2013, stehen die Bestände von Bibliothek und Fotothek wieder Forschern aus aller Welt offen. Die Kosten übernahm Deutschland, verwendete dafür öffentliche sowie private Fördergelder.

In keiner anderen Stadt gibt es so viel Pracht, haben die größten Künstler Europas so atemberaubende Bauten und Kunstwerke hinterlassen. Und so muss niemand befürchten, als Mäzen in Rom nicht mehr zum Zuge zu kommen. Dafür hat die Stadt zu viel zu bieten – an Schönheit, die auf den Schutz und die Pflege durch Kunstlieb­haber aus aller Welt angewiesen ist. uc

IssueGG Magazine 01/16
City/CountryRome/ Italy
Photography-