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Das Fest der Sonnenkönige by Martin Tschechne | 2. September 2016 | Travel

Am Ende geht alle Kunst in Flammen auf und kosmische Stille legt sich wieder über die Wüste. Vorher, für acht Tage Ende August, ist im Black Rock Desert von Nevada die Hölle los. Dann versammeln sich Tausende zum Burning Man Festival – Raver und Rapper, Stars und Spinner, Aktionskünstler, Freaks, Milliardäre und Hippies. Und feiern unter sengender Sonne das heißeste Happening des Planeten.

Niemand kehrt aus der Wüste zurück, ohne etwas dort gelassen, niemand auch, ohne etwas mitgenommen zu haben. Und nichts ist am Ende dieser Tage, was es vorher war. Du hast Tausende Menschen getroffen, mit ihnen getanzt und geteilt, geschrien und geschmust. Du hast dich selbst verloren und wiedergefunden, heiser, schwindelig und mit Staub bedeckt. Die Augen brennen, der Schädel brummt. Die Haut juckt und spannt sich, die Ohren sind taub, das Herz schlägt hoch. Irgendwo da draußen in der gleißend weißen Weite liegt das Hemd, das du dir vom Leib gerissen hast, als das Feuer aufschoss und die Hitze explodierte. 45 Grad und mehr im Schatten. Aber Schatten, den gibt es hier gar nicht.

Black Rock Desert, Nevada. Wenn der Sommer seinen Höhepunkt erreicht hat, Ende August, liegt kein Ort so fern der Zivilisation wie die Wüste knapp vier Autostunden nördlich von Reno. Ein Salzsee von gewaltigem Ausmaß, vor Urzeiten ausgedörrt unter sengender Sonne, umzingelt von schroffen Bergen, ausgebreitet unter einem riesigen Himmel voller Sterne: Das ist der Punkt, an dem irdische Schmerzen und kosmische Stille einander berühren und eins ins andere fließt, der Punkt, an dem vor vielen Jahren eine Gruppe junger Männer die Einsamkeit und die spirituelle Tiefe für ihr Ritual der Reinigung und des Neubeginns fanden. Eine mächtige Holzfigur hatten sie herbeigeschleppt, eine Gestalt, die einer von ihnen, der liebeskranke Kalifornier Larry Harvey, als Abbild seines Nebenbuhlers dem Feuer übergeben wollte.

Begonnen hatte er mit dem Voodoo-Zauber vier Jahre zuvor, 1986, am Baker Beach zu Füßen der Golden Gate Bridge in San Francisco. Aber was ist schon ein Strand? Ein profaner Ort! Keine Aura und keine Dimension für die Begegnung mit den Geistern der Ewigkeit. Auch hatte die Polizei wiederholt Einwände gegen das pyrotechnische Risiko vorgebracht.

Als Harvey sein alljährliches Ritual in die Wüste verlegte, war der Liebesschmerz wohl weitgehend abgeklungen. Dafür kamen immer mehr Freunde hinzu. Das Feuerspektakel erweiterte sich zum Fest der Magie und der Meditation – zu Burning Man, einer gigantischen, immer schrilleren und immer abgefahreneren Party. Für acht Tage formieren sich Wohnmobile, Zelte und offene, nur von einer Plane gegen die Sonne geschützte Lager zu einer streng gezirkelten Stadt auf Zeit. Immer neue, kühnere Holzkonstruktionen erheben sich über den Wüstenboden: riesige Schiffe auf Wogen aus Sand, Tempel und begehbare Köpfe, orientalische Paläste und gotische Kathedralen, abstrakte Strukturen zum Klettern und Schaukeln und Staunen. Monströs aufgemotzte Karossen kreuzen dazwischen, rollende Raumkapseln, feuerspeiende Kampfwagen und sechsachsige Haifische. Sie halten an, du kletterst hinauf und fährst mit. So einfach geht das. Im vergangenen Jahr waren es 70.000 Besucher. Die Schlange der Trucks und Vans und Camper staute sich quer durch Nevada. 1998 kam auch der Fotograf NK Guy aus Kanada, angelockt vom Ruf einer Orgie aus Lebenslust und Kreativität. Und er kehrte immer wieder zurück. In 65.000 Bildern hielt er seither fest, was in den Jahren auf ihn einprasselte – er brauchte Zeit und Wiederholung, um Sinn und Tiefe zu erfassen hinter diesem Stakkato aus Witz und Wärme, Pomp und Pop und einer Leichtigkeit des Seins, die wahrscheinlich nur hier zu erleben ist.

Nicht alle Geister hatten große Distanzen zurückzulegen. War doch San Francisco seit den Sechzigerjahren aufgeblüht als Traumziel der Hippies und Blumenkinder. Poeten wie Allen Ginsberg, Autoren wie Ken Kesey und das Künstlerkollektiv der Merry Pranksters hatten einen Lebensstil entwickelt, der die halbe Welt provozierte, empörte und faszinierte. Sex, Drugs und dieser unglaublich entspannte Sound der Westcoast: Kaum ein ausrangierter Schulbus von hier bis Kansas City, der nicht bunt bepinselt den Auftritten von Bands wie Grateful Dead und Jefferson Airplane hinterherzuckelte, kaum ein Musikfestival, über dem nicht Wolken von Marihuana schwebten und in freier Liebe die Moral der puritanischen Eltern auf die Probe gestellt wurde.

Keine zwanzig Jahre vergingen, bis Burning Man das alles aufgriff, es um neue Bilder und Charaktere erweiterte und im Glutofen der Wüste von Nevada neu interpretierte: Die da feiern und alle Schwere der bürgerlichen Welt hinter sich lassen, sind also die Kinder, spätestens die Enkel der Hippie-Generation – und niemand hätte diese Nähe sinnfälliger belegen können als Oscar-Preisträgerin Susan Sarandon, die bei ihrem Auftritt im vergangenen Jahr gerade Großmutter geworden war. Als brächte sie den Geist der Väter an seinen Ursprung zurück, platzierte sie ein paar Asche­krümel des 1996 gestorbenen Drogen-Gurus Timothy Leary in einem kunstvoll errichteten Schrein, um das Ganze am Ende erneut dem Feuer preiszugeben; so geschieht es hier mit allen Bauten und Tempeln und Gerüsten des Festivals und schließlich dem Burning Man selbst, das ist die Tradition. Nichts darf bleiben, wenn das Fest vorüber ist. „Er hätte es geliebt“, sagte die Schauspielerin zu ihrem spirituellen Happening. „Er hätte das alles hier als eine Huldigung empfunden.“

Keine Bands, nur Begegnung. Aber überall Tanz und Rave und spontan improvisierte Sessions. Keine allzu strenge Drogenkontrollen, dafür schrille Verkleidung, Monster, Märchenfeen oder rollende Cupcakes mit Zuckerguss. Die Eintrittspreise sind saftig, zwischen 390 und 1.200 Dollar pro Person. Darüber hinaus bringt jeder mit, was er oder sie braucht, Verpflegung, Kostüm, Musik, Ego. Und jeder hat etwas zu verschenken, lädt Fremde ein und bietet Gastfreundschaft. Nichts wird hier verkauft, Smartphones finden keinen Anschluss. Davon lebt das Festival: vom Hier und Jetzt und seinem Genuss mit allen Sinnen.

Ein paar Fürsten aus dem Silicon Valley, Larry Page, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos, ziehen sich neuerdings mit ihrer Entourage in bewachte Wagenburgen mit Klimaanlage und Privatkoch zurück und wetteifern um den Titel des Sonnenkönigs. Das ist vielleicht cool. Aber das Fest hast du erlebt, wenn du am Morgen nach der letzten Feuernacht dem Alltag entgegentaumelst. Staubig und müde, erschöpft, beschenkt – und glücklich.

IssueGG Magazine 04/16
City/CountryNevada/ U.S.
PhotographyNK Guy/TASCHEN GmbH
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