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KÖNIGIN der Wüste by Steffi Kammerer | 31. August 2018 | Personalities

Es ist ein Ort, den keiner vergisst, der einmal hier war. An den man in Gedanken zurückkehrt. So eindrücklich sind die Stille, die Farben der Wüste, die majestätischen Felsen, Millionen Jahre alt, Zeitkapseln aus Stein und Sand. AMANGIRI heißt das Resort in der Wüste von Utah. Luxus bedeutet hier vor allem: Reduktion. Das Haus ist die betongewordene Vision des Unternehmers Christoph Henkel.

Man könnte es leicht verpassen. Ein verwittertes Holzschild am Rand des Highways, kaum einen Meter breit, darauf in schmalen schwarzen Buchstaben das Wort „Amangiri“ und ein Pfeil. Dann am Ende eines langen Weges, der nur ins Geröll zu führen scheint: ein verrostetes Gatter, wie für ein Tiergehege. Dass dieses zu einem der spektakulärsten Resorts der Welt führt, in dem die Zimmerpreise selbst in der Nebensaison bei 1.500 US-Dollar pro Nacht losgehen, das verrät höchstens die Sprechanlage neben dem Gatter. Es wird nämlich genau nachgefragt, wer im Wagen sitzt und passieren möchte, wer nicht angemeldet ist, kommt hier nicht weiter. Fünf Stunden dauert die Autofahrt ab Las Vegas durch die Wüste an diesen Flecken in Utah. Wer kann, und das gilt für etliche der Gäste, der reist im Privatjet an. Angelina Jolie, Brad Pitt, Drew Barrymore, der Kardashian-Clan, Gwyneth Paltrow, George Clooney, sie alle waren schon hier. Das kann man in der Zeitung lesen, das Hotel aber würde es niemals verraten, Diskretion ist hier oberstes Gebot. Diskret auch die Farben: Sand-, Schlamm- und Ockertöne in allen Schattierungen, ganz wie die Wüste es vorgibt, innen und außen, Gestein und Beton verschmelzen. Jedes einzelne der vielen Fenster: ein Bilderrahmen für die überwältigende Landschaft. Es ist ein Ort, an dem man innehält. Den eigenen Kurs überdenkt, auf Ideen kommt. Das machen die stille Weite, die Felsen, hoch wie Wolkenkratzer, aber auch das Gebäude mit seinen klaren Formen. Im April twitterte Kanye West: „We need to Amangiri the world“ und ja, das wäre kein schlechter Anfang für eine bessere Welt. Die Geschichte des Hauses beginnt im Jahr 1999. Damals hatte der deutsche Investor Christoph Henkel hier die ersten 40 Hektar gekauft, gemeinsam mit seinem ehemaligen Geschäftspartner Bernt Kuhlmann. Eigentlich mit dem Plan, hier Immobilienprojekte zu entwickeln. „Aber je länger wir da waren, desto mehr dachten wir: Es ist so schön, es muss gar nicht zivilisiert werden“, erzählt Henkel. Irgendwann fiel ihnen auf: Was wirklich fehlte, war ein High-End-Hotel. Davon nämlich gab es hier auf der Strecke zwischen Grand Canyon und Monument Valley kein einziges. Die beiden hatten gemeinsam mit Henkels Ehefrau Katrin schon einmal ein ziemlich verrücktes Projekt im amerikanischen Westen umgesetzt: in Colorado. Da haben sie in der Nähe von Telluride ein verlassenes Goldgräber-Camp in ein einzigartiges Luxus-Resort verwandelt: „Dunton Hot Springs“. In Utah gaben sie eine Marktstudie in Auftrag. Die zeigte, dass auf dem Highway, an dem heute das „Amangiri“ liegt, jährlich rund zwei Millionen Autos entlangfahren, eine genügend hohe Zahl, um auf solvente potenzielle Gäste schließen zu können. Vor zwei Jahren übrigens wurde die Studie wiederholt, da waren es bereits 12,5 Millionen Autos. Es sind auch immer mehr Amerikaner, die in den Westen reisen, um ihr eigenes Land zu entdecken. Das Besondere an Henkels Stück Wüstenland waren bestehende Wasserrechte. Und einen nahe gelegenen Ort mit einer Infrastruktur gab es auch. Sonst aber fehlte alles. Es gab keine Telefonleitungen und keine Straßen. Am Anfang operierten sie aus mongolischen Jurten heraus. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ein Europäer mit dem fremden Blick diesen Wüstentempel gebaut hat. „Natürlich bin ich wie viele Deutsche als junger Mensch von Karl May infiziert worden“, sagt Henkel. „Und hatte, so wie mein damaliger Partner und meine Frau, diese verklärenden Bilder des amerikanischen Westens im Kopf. Wir fahren da durch und denken, gleich kommt Old Shatterhand um die Ecke.“ 34 Suiten gibt es im „Amangiri“ heute, mit Innenwänden und Böden aus nacktem Beton, alles reduziert und luxuriös gleichermaßen. Manche haben einen eigenen Pool, zu jeder gehört eine Terrasse mit Feuerstelle. Morgens und abends kann man hier sitzen und zusehen, wie dramatisch das Sonnenlicht die Berge verfärbt, in allen Stufen von rosa bis blutrot. Ein tägliches Schauspiel, das so wenig langweilig wird wie der tiefklare Sternenhimmel bei Nacht. Vielleicht hoppelt noch ein Wüstenhase vorbei. Der Weg ins Resort führt über eine dramatische Treppe. Sobald es dunkel wird, säumen flackernde Kerzen den Weg, Dutzende werden allabendlich angezündet. Oben angekommen öffnet sich ein nicht minder dramatischer Riesenraum: darin Rezeption und Bibliothek, eine offene Küche, Esstische, tiefe Sofas, Kamine mit offenem Feuer. Die bodentiefen Fenster weisen in die Wüste und zum Swimmingpool, um den herum das „Amangiri“ angelegt ist. Der Pool ist selbst nur Kulisse: für einen prähistorischen Felsbrocken, der ins Wasser ragt wie ein riesiger Wal. 165 Millionen Jahre ist er alt.

Versuche, Henkel das Mammutprojekt auszureden, gab es genug. Lass das sein, sagten Freunde und Bekannte, ein Luxushotel im Niemandsland, es würde niemals funktionieren. Sie nahmen seine Frau zur Seite: „Der Christoph hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.“ Aber ans Aufgeben dachte er nie. „Ich war immer voller Optimismus. Und beseelt von der großen Idee, da was zu machen.“ Die Wüste, „diese große leere Leinwand“, das war es, was ihn herausgefordert hat, sagt er und fügt lachend hinzu: „In Tirol kann man sich das nicht vorstellen.“ In den österreichischen Alpen ist er aufgewachsen, von dort kommt seine Liebe für die Berge. Irgendwann wurde ihm klar: Er musste sich mit einer richtig großen Marke zusammentun. Sein heutiger Geschäftspartner Homi Vazifdar stellte den Kontakt her zu Adrian Zecha: dem visionären Gründer der Aman-Gruppe, die minimaoistische Luxushotels an den schönsten Orten der Welt betreibt. Zum ersten großen Treffen verabredeten sie sich in Wyoming – ausgerechnet am 11. September 2001. Die dramatischen Nachrichten von der Ostküste verfolgten sie vor dem Fernseher. Als klar war, sie konnten an diesem Tag nirgendwohin fliegen, setzten sie sich ins Auto und fuhren los in Richtung Wüste. Als sie ankamen, deutete Zecha auf exakt jene Stelle, an der heute das „Amangiri“ steht: Könnte man da nicht bauen? Genau dieses Stück Land aber gehörte nicht Henkel, sondern dem Staat. In einem jahrelangen Manöver konnte er den Zipfel Land schließlich gegen einen anderen tauschen, außerdem kaufte er noch zusätzliche Flächen dazu. Heute umfasst das Gelände 242 Hektar. Zecha jedenfalls schlug ein; das Hotel wird auch heute von Aman gemanagt, es gehört Christoph Henkel gemeinsam mit anderen Investoren. 2009 wurde das „Amangiri“ eröffnet. Nach zehn langen Jahren, Schamanen kamen mit Weihrauch. Den Weg dahin fasst Henkel so zusammen: „Geld, Schweiß, Beinahe-Herzattacken.“ Dass die Geschichte gut ausging, sei deutlich nicht sein Verdienst allein, das ist ihm wichtig. „Das Rezept hat viele Köche. Das fängt schon bei den Banken an, die das Projekt mitfinanziert haben. Das Ganze ist wie eine große Filmproduktion und ich bin so etwas wie der Produzent.“ Allein über den Architekturplänen haben sie Hunderte Stunden gebrütet. Viele Entwürfe verworfen. Henkel wollte ein modernes Ensemble, das sich einpasste: „Es war unser Ziel, zurückhaltend zu sein. Trotz des ganzen Betons, der ja durchaus etwas Monumentales hat.“ Möglichst wenig sollte von der großartigen Kulisse ablenken. Das Ergebnis sieht aus, als hätte man das „Amangiri“ aus den Felsen geschlagen. Zuständig waren drei Architekten, davon Rick Joy aus Tucson federführend. Das Innere des Hotels hat die renommierte Architektin Annabelle Selldorf geprägt, eine alte Freundin der Henkels. Sie hat auch eine frei stehende Villa gebaut, oberhalb des Hotels. Hier können sich Gäste einquartieren, die wirklich von niemandem gesehen werden wollen. Irgendwann würden weitere Villen hinzukommen, aber dafür gibt es keine Eile, sagt Henkel. „Wir sind nicht unter Druck. Es soll organisch wachsen.“

Zeitgleich zum „Amangiri“ gründete Henkel mit dem erfahrenen Kletterer Mike Friedman die Firma Adventure Partners. Deren Bergführer bringen Gäste in die letzten versteckten Winkel der Wüste. Und auch in die Höhe. Wenige Minuten vom Hotel entfernt beginnen Touren für den ultimativen Adrenalinkick: Man kann versteinerte Sanddünen erklimmen und durch enge Schluchten kraxeln, die Wind und Wasser da geformt haben, wo vor Urzeiten der Ozean tobte. Zu diesem Zweck haben die Abenteuer-Unternehmer ein halbes Dutzend „Via Ferratas“ gebaut, was soviel heißt wie „eiserne Straße“. Die Italiener haben sich das im ersten Weltkrieg ausgedacht: Metalltritte sind stabil im Felsen verankert, genauso Stahlseile, an denen man sich mit Karabinerhaken sichert. „Wir ermöglichen Menschen, die sich nie in einer vertikalen Umgebung bewegt haben, den Weg ganz nach oben“, sagt Christian Seamans, der die Bergführer koordiniert und all die „Via Ferratas“ geplant hat, jede einzelne ihrer Stufen. „Viele unserer Gäste haben sich nie träumen lassen, so einen Aufstieg zu meistern. Sie fangen an zu überlegen: Wenn ich das schaffen kann, was geht sonst noch im Leben?“ Das Einsteigermodell ist die „Hoodoo Via Ferrata“, an deren Ende eine weitere Herausforderung wartet: eine Hängebrücke, nur 45 Zentimeter breit, über einer 180 Meter tiefen Schlucht. Seitlich ein paar Stahlstreben, ansonsten nur freie Sicht in den Abgrund; besonders bei Wind schaukelt es gehörig. Hier standen schon Top-Manager, denen vor Angst die Knie schlotterten. Das Hotel bietet Tages-Komplettpakete an, etwa „Desert Fire“: Yoga, „Via Ferrata“ samt Hängebrücke, später Hydrotherapie, Thai-Massage und Klangbad – rund 1.500 Dollar. Zum Trost ist die Minibar kostenlos. Aber: Wer an diesen Ort gereist ist, der muss nicht streng rechnen. Worum es vielmehr gehe, seien „transformative Erfahrungen“, sagt Julien Surget, der Manager des Hotels. „Unsere Gäste wollen die Umgebung spüren.“ Und da lässt sich das „Amangiri“ nicht lumpen: Yoga bei Vollmond oder bei Sonnenaufgang, wenn es noch spezieller sein soll, kann man auch vom hoteleigenen Helipad aus per Hubschrauber zum Yoga aufbrechen: Auf einer Anhöhe, gut 300 Meter über dem Lake Powell, breitet man seine Matte aus, garantiert ungestört. Ein romantisches Dinner? Kann man sich ganz privat am sogenannten Sunset-Trail in der Wildnis servieren lassen – das Personal schleppt vorher Stühle und Speisen den Berg hinauf. Wer wissenschaftlich interessiert ist, der darf Paläontologen beim Ausgraben von Dinosauriern behilflich sein. Von denen nämlich gibt es hier in der Gegend so viele wie fast nirgends sonst, ständig werden neue Spezies entdeckt. Und dann gibt es spezielle Angebote für Kinder: Kochkurse, Yoga, Ausritte durch die Wüste. Kinder ab sechs Jahren können eine Mini-„Via Ferrata“ besteigen, 15 Meter steil den Felsen hinauf. Dazu vier unterschiedliche Hängebrücken, über die kleine Bergsteiger balancieren dürfen, die stolzen Eltern mit dem Fotoapparat dabei. Und: ein täuschend echt aussehendes Saurierskelett, das mit kleinen Schaufeln ein bisschen freigebuddelt werden darf; das Hotel ließ die 1:1-Nachbildung eines echten Skeletts aus gefärbtem Gips formen. Es ist zunächst schwer vorstellbar, dass im „Amangiri“, diesem leisen exklusiven Ort, Kinder und Babys nicht nur geduldet werden, sondern erwünscht sind. Aber es ist ein wachsender Markt. Gäste mit Geld werden jünger, viele kommen aus Los Angeles oder dem Silicon Valley. Oft sind es auch Großeltern, die mit ihren Enkeln anreisen, besonders an den Feiertagen und im Sommer. Hochsaison ist im „Amangiri“ von März bis November, dann ist das Haus ausgebucht, trotz Temperaturen bis zu 45 Grad. Angst vor Brüllkindern, die andere Gäste verschrecken könnten, hat er nicht, sagt Hotelmanager Surget, es gab bisher nie Probleme: „Unsere Gäste sind versierte Reisende, die wissen selbst, wann sie mit ihren Kindern besser mal rausgehen.“

IssueGG Magazine 04/18
City/CountryUtah / USA
PhotographyAman