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Von ganz besonderem Kaliber by Siems Luckwaldt | 20. März 2014 | Offices

2014 feiert die Uhrenmarke Patek Philippe ihren 175. Geburtstag – und bleibt sich und ihrem hochkomplizierten Erbe weiterhin treu. Das bewies jüngst eine fantastische Werkschau in München. Siems Luckwaldt war für GG dabei und sprach mit Patek-Präsident Thierry Stern.

Als Thierry Stern, Präsident der Zeitmesser-Manufaktur Patek Philippe, im Herbst zur wohl gelungensten Uhrenausstellung der letzten Jahre lud, fanden über 430 Exponate für zwei Wochen eine streng bewachte Heimat in der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung. Zu den Höhepunkten gehörten zweifelsohne die Uhrmachermeister, Graveure und Emaille-Malerinnen, die live an mehreren Stationen Einblicke in ihr magisches Können en miniature gaben. Und natürlich die musealen und hochaktuellen Exponate selbst. Darunter eine Halsuhr in Dosenform von circa 1530 und eine Patek-Taschenuhr mit Tourbillon von 1924.

Weitere Attraktionen: ein funkelndes Quarzmodell der Damenlinie Twenty-4, besetzt mit über 720 Diamanten, mit einem Gesamtgewicht von 36,3 Karat. Und: die legendäre Star Caliber 2000, eine einzigartige Taschenuhr mit beidseitigen Zifferblättern und der schönsten Mondphasen-Darstellung, die es gibt. 21 Komplikationen – neudeutsch Features – stecken in dem Meisterstück mit ewigem Kalender und wohlklingendem Westminsterschlag und machen es damit zur drittkompliziertesten Uhr der Welt. Auf den zwei vorderen Plätzen? Auch Modelle von Patek Philippe. Ebenfalls in München zu sehen waren aktuelle Modelle der Linien Travel Time, Calatrava, Gondolo, Nautilus und Aquanaut, teils in aufwendigen Sondereditionen.

Thierry Sterns Eröffnungsrede war ein Mix aus Deutsch, Französisch und charmantem Schweizer Understatement – und das bei einem Umsatz von circa 744 Millionen Euro in 2012. Doch sich vor Publikum verbal auf die Schulter zu klopfen, ist Sterns Sache nicht. Lieber erinnert er sich an 1996 und den ersten Besuch in der damals neuen Genfer Firmenzentrale. „Mit meinem Vater dort im Rohbau zu stehen, wo bald wir und unsere 1.600 Kollegen arbeiten würden, war ein unvergessliches Erlebnis. Der Beginn einer neuen Ära.“

Stern wohnt mit seiner Frau Sandrine, Kreativdirektorin der Marke und Tochter eines Juweliers, sowie den zwei Söhnen nur fünf Minuten entfernt. Die Familie ist nicht nur emotional ein wichtiger Rückzugsort für den Manager, sie ist gleichzeitig echte Marktforschung: „Wir verkaufen zwar mit 65 Prozent vor allem Männeruhren, wissen aber genau, dass Frauen bei den Kaufentscheidungen ihrer Männer mitsprechen. Kinder übrigens auch“, erklärt er.

Einblick in die Welt der wichtigen Winzigkeiten, an denen die Uhrmacher von Patek Philippe sich abarbeiten, gibt die Uhr mit der Referenz 5200, vorgestellt in diesem Jahr auf der Branchenmesse Baselworld. Trotz energiezehrendem Kalender mit Datum und Wochentag verfügt die Uhr über eine Gangreserve von acht Tagen. Möglich wird das durch das Zusammenspiel eines Doppelfederhauses und der von Patek entwickelten ölfreien Silinvar®-Hemmung. Kaum Reibung, geringe Maße und eine mit vier Hertz hohe Tick-Frequenz zeichnen diesen in Fachkreisen als „revolutionär“ bejubelten Zeitmesser aus.

Ein Blick zurück: Am 1. Mai 1839 gründeten die polnischen Einwanderer Antoine Norbert Graf de Patek, ein Kaufmann, und François Czapek, ein Uhrmacher, in Genf die Firma „Patek, Czapek & Cie“. Czapek versuchte später allein sein Glück, den zweiten Teil des aktuellen Markennamens steuerte 1851 Pateks neuer Partner Jean-Adrien Philippe bei. Zwei echte Teufelskerle der Horlogerie, die durch die Erfindung der Aufzugskrone den bis dato benötigten Schlüssel obsolet machten. 1932 wurde die Firma von den Genfer Zifferblattfabrikanten Charles und Jean Stern erworben. Seither ist die „Patek Philippe S. A.“ in Familienbesitz, derzeit in vierter Generation. 1953 folgte die erste Armbanduhr mit automatischem Rotor-Aufzug – und weitere 80 Patente sowie die bis heute komplizierteste Taschenuhr der Welt, die Caliber 89 mit 33 Komplikationen und 1.728 Einzelteilen. Oder die Sky Moon Tourbillon Ref. 5002 zum Preis von circa 700.000 Euro.

Während sich mancher Konkurrent in seiner Geschichte die eine oder andere Pause gönnen musste – man denke an die fernöstliche Quarz-Offensive der 1980er-Jahre –, blieb Patek Philippe als Manufaktur mit Uhren der Modelle „Komplikationen“ und „Grandes Complications“ am Markt aktiv. Und unabhängig! Der Verkauf an ein internationales Konglomerat wie Richemont oder die Swatch Group ist kein Thema, das stellte Patek-Präsident Thierry Stern, der die Geschäfte 2009 von seinem Vater, Patek-Ehrenpräsident Philippe Stern, übernahm, erst kürzlich in einem Interview klar: „Einmal im Jahr kommt jemand mit einem Angebot auf uns zu. Dann sage ich höflich ,Nein, danke‘ und wir haben wieder Ruhe.“ Diese Freiheit, langfristig zu denken und bei der Qualität keine Kompromisse für den Shareholder-Value eingehen zu müssen, ist Thierry Stern äußerst wichtig.

Im besten Wortsinne konservativ lenkten die Sterns auch ihr Engagement in Fernost. So blieb die Marke dem China-­Hype fern, der manch euphorischen Mitbewerber zum riskanten Einstieg in den begehrten Boom-Markt bewog. Die Konkurrenz hielt das bedächtige Abwarten für fatal. Bei Patek blieb man gelassen. „Für mich ist der Service, den wir unseren Kunden über die volle Lebensdauer ihrer Uhr bieten, der größte Luxus“, betont der 43-Jährige im Gespräch. Also zog man in China nicht eine Boutique nach der anderen hoch, sondern eröffnete 2012 mit der Maison Patek Philippe in Schanghai eine ebenbürtige Dependance zum Salon Patek Philippe in Genf. Es folgte ein Service-Center mit 30 Mitarbeitern und das Patek Philippe Institute Schanghai, das sich um den Uhrmachernachwuchs kümmert. In zwei Ausbildungsjahren absolvieren hier Studenten insgesamt 3.500 Kursstunden und lindern durch ihren Fleiß die Nachwuchssorgen der Branche.

Ob seine Söhne, zehn und zwölf Jahre jung, ihm einmal ins Unternehmen folgen werden, darüber macht sich Thierry Stern (noch) keine großen Gedanken. Auch die allumfassende Digitalisierung unseres Lebens lässt ihn nicht schlaflos werden. Uhren mit Automatikwerk, Hunderten kleiner Rädchen, Gravuren und hochkomplizierten Raffinessen – ein belächelter Anachronismus? Stern beantwortet die Frage mit einer familiären Anekdote: „Vor einigen Jahren kam einer meiner Söhne zu mir, deutete auf eine Uhr auf meinem Schreibtisch und fragte ,Papa, wo steckt man bei der den Stecker rein?‘ Da habe ich ihm geantwortet: ,Das ist das Tolle: Die braucht keinen Strom.‘ In dem Moment wusste ich, dass es Uhren, wie Patek Philippe sie macht, noch sehr lange geben wird.“ SL

IssueGG Magazine 02/14
City/CountryMunich/ Germany
PhotographyPress Images Patek Philippe