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Cindy Sherman – Wunderbar Wandelbar by Martin Tschechne | 5. Oktober 2014 | Personalities

Mal ist sie Hausfrau, mal Fitnesstrainerin, dann Native American, eine Lady oder ein Clown. Für ihre Kunstwerke schminkt, verkleidet und fotografiert sich die Amerikanerin Cindy Sherman stets selbst und kreiert immer wieder neue, auch mal verstörende Identitäten. Kunstexperte Martin Tschechne über einer der erfolgreichsten Künstlerinnen der Gegenwart.

Hure und Heilige, Unschuld vom Lande und aufblasbare Lustpuppe: Cindy Sherman ist alles schon gewesen. Popstar, geprügelte Hausfrau und große Dame. Verträumte Studentin, gütige Amme, sogar als Mordopfer ist die amerikanische Künstlerin wieder auferstanden. Vor zwei Jahren feierte das New Yorker Museum of Modern Art ihre auf Fotos dokumentierten Selbstinszenierungen in einer großen Retrospektive. Die Ausstellung wanderte durch die wichtigen Museen der USA – San Francisco, Dallas, Minneapolis – und jede Vernissage war ein Fest der Verkleidungen: Gäste kamen in festlicher Gala, mit Schmuck behängt und schrill frisiert; sie trugen Kimono, Turban oder Tigermaske. Eine Besucherin ließ Bananen und Trauben aus ihrem Dekolleté quellen…

Cindy Sherman, schmal und blond, stand ganz in Schwarz inmitten der prallen Lustbarkeiten. Ihr Gesicht, ungeschminkt, ließ wie immer viel Raum zur Deutung. Ein Beobachter nannte sie eine „Virtuosin des Verschwindens“. Im Januar wurde sie 60, eine der einflussreichsten und berühmtesten Künstlerinnen der Welt. Und sicher eine der teuersten: 3,9 Millionen Dollar brachte eine Arbeit aus der Reihe „Centerfolds“ vor drei Jahren im Auktionshaus Christie’s – damals Weltrekord für eine Fotografie! Den Anstoß zur Serie hatten 1981 die Ausklappbilder weiblicher Lustobjekte in Männermagazinen gegeben. Auch jüngere Arbeiten kosten leicht eine Viertelmillion, etwa in der New Yorker Galerie Metro Pictures. Noch nie hatte das New Yorker MoMA einer lebenden Künstlerin eine derart große Retrospektive gewidmet.

„Wenn es eine Sache gibt, die ich immer schon wusste, ist es, dass die Kamera lügt.“ Cindy Sherman

Begonnen haben ihre Experimente zur Wandelbarkeit der eigenen Identität wie bei vielen kleinen Mädchen mit einem Koffer voller alter Kleider und einem Schminkkasten. Aber anders als viele wollte Cindy sich nicht hübsch machen – sie erkundete die Möglichkeiten in entgegengesetzter Richtung: „Ich habe mich verkleidet“, sagt sie, „um hässlich, alt und wie ein Monster auszusehen.“ Flucht? Spielte damals sicherlich eine Rolle. Das Leben als jüngstes von fünf Geschwistern, die großen fast 20 Jahre älter als sie, kann sehr einsam sein. Trotzdem: Bis zu den „Untitled Film Stills“, den schwarzweißen Standfotos zu fiktiven Filmen, mit denen sie Ende der 1970er-Jahre die Kunstwelt im Sturm eroberte, war noch eine Menge Nachdenken über die eigene Person, ihre Wirkung und die Einflüsse von außen zu erledigen. Warum sonst glauben immer noch so viele, sich selbst, ihre eigene Traumwelt in den 69 unbetitelten Szenen wiederzuerkennen? Eigentlich waren es doch belanglose Momente, die an belanglose Filmchen der Vergangenheit erinnerten; und die Frau, die an Audrey Hepburn oder Sophia Loren im Bild erinnerte, war immer: Cindy Sherman.

Aber Fragen drängten sich auf. Worin unterscheidet sich das wirkliche Leben von seinen Abbildern? Wie viel Vorbild steckt in einem Abbild? Und überhaupt: Was war zuerst da, die Bilder oder die Wirklichkeit? Einen Blick auf die Methoden der Künstlerin bieten die Porträts nach Gemälden aus Renaissance und Barock: Madame Pompadour, der Bußprediger Savonarola, der Bacchus nach Caravaggio oder die Figur des Frühlings nach Botticelli – kurioserweise mit dem abgeschlagenen Haupt des Holofernes in der Hand, das eigentlich zur biblischen Geschichte der Judith gehörte: alles nachgemacht, nachgestellt, kopiert. Die Künstlerin selbst hält die Serie nicht für ihre stärkste, aber die New Yorker Kuratorin Eva Respini zitiert sie als besonders anschaulichen Beleg. Denn genau das sei wichtig, betont sie: Sherman studiert nicht die Originale, um sich ihnen anzunähern. Sie nutzt ganz bewusst das Abbild, um daraus ihre eigenen Bilder zu destillieren. Reproduktionen von Reproduktionen, Fake, Talmi, Oberfläche; die große Nase soll ja gerade aufgesetzt wirken, die Brüste sollen sich als Attrappen aus Gummi zu erkennen geben. Irgendwie steckt in alledem schon eine Menge Aussage über unser Verhältnis zur Wirklichkeit. Cindy Sherman zuckt dazu mit den Achseln. „Ich war immer das Kind, das fernsah“, sagt sie, „und dazu andere Dinge tat.“ Oder: „Ich wusste von Anfang an, dass die Kamera lügt.“

Solche Bilder lassen sich vereinnahmen. Das Mädchen im zerwühlten Bett: Ist sie nicht ein eindeutiger Verweis auf eine Gesellschaft, die Frauen zu Sexualobjekten degradiert? Der verschmierte Lippenstift: drastisches Symbol für Missbrauch und Vergewaltigung; die zerknüllte Zeitungsseite mit Kontaktanzeigen: Abhängigkeit. Die dick aufgespritzten Lippen und Wangen, das falsche Karottengelb nach einer überambitionierten Bräunungskur: Noch immer streiten Frauenrechtlerinnen darüber, ob Shermans Entblößungen ihrer Sache eher genutzt oder geschadet haben. Klagen die Bilder an? Oder bestätigen sie, ermutigen gar? Setzen sie sich zur Wehr gegen die gewohnheitsmäßige, bedenkenlose, oft gar lustvolle Erniedrigung der Frau in einer von Männern dominierten und definierten Welt? Oder weisen die brutalen Bilder von Verletzung – angetaner und selbst zugefügter – erst auf eine allgemeine Verletzlichkeit der Frauen hin? Dann wären sie gefährlich. Susanne Weingarten schrieb im „Spiegel“, die Künstlerin sei eine „zarte, smarte Frau mit einem Kopf voller Provokationen“. Und der New Yorker Kunstprofessor Kenneth Silver meinte: „Cindy Sherman hat die Macht, mit der Welt zu reden.“

Cindy Sherman hält sich da heraus. Ihren Arbeiten gibt sie Nummern, aber keine Titel, die irgendeine Deutung nahelegen könnten. Denn genau diese Unsicherheit ist es, die aus ihrer Arbeit sprechen soll, die vielschichtige Verschränkung von Abbild und Realität, die Posen, Gesten, Inszenierungen, Klischees und Illusionen. Was ihr eigenes, wirkliches Leben angeht – da geht sie lieber mit Freunden tanzen. Oder sie zieht sich in ihr Haus in Sag Harbor zurück, das ganz ohne ihre Werke auskommt: „Ich kenne meine Bilder so gut, ich muss sie mir nicht immer angucken“, sagt Sherman. „Lieber schaue ich mir die Bilder von anderen Leuten an.“ Der Kontrast zwischen ihrer Arbeit und dem um 1840 errichteten Gebäude könnte kaum größer­ sein. Bei der Renovierung ließ Sherman Wände einreißen und offene Räume entstehen, die nun in fröhlichen Farben leuchten oder mit romantischen Blümchentapeten beklebt sind. Ein paar Antiquitäten, Möbel aus England oder von einem Flohmarkt in Paris, ergänzen den Countrylook. Sie wolle nichts zu Wertvolles in diesem Haus haben, denn immer wieder kommen Besucher mit sandigen Füßen vom Strand herein, da will sich die Perfektionistin lieber nicht aufregen… mt

IssueGG Magazine 04/14
City/CountryU.S.
PhotographyJason Schmidt/Trunk Archive