Filter View All PersonalitiesTravelOfficesPrime Properties
E-MagazineGG AbonnementAboutMediadatenImpressumDatenschutz

Leinen los! by Frank Sistenich | 21. März 2015 | Travel

Kreuzfahrten bieten viel mehr als nur Entschleunigung. Fernab der klassischen Routen etablieren sich Marktnischen, die sich dem Erlebnis widmen. Ob Maxi-Yachten, Expeditionsschiffe, Windjammer oder Flusskreuzer – warum Ferien auf einem Schiff noch nie so gefragt waren wie jetzt.

Mit dem Schiff sind die Winkel des Globus zu entdecken, die sonst keinem anderen Verkehrsmittel offen stehen. Es sind Orte, an denen die Natur noch sich selbst überlassen ist, Flughäfen, Autobahnen, Bahnhöfe: Fehlanzeige. Ob mit dem Expeditionsschiff in die Antarktis, mit dem Segelschiff zu unbewohnten Inseln in der Karibik oder im Mittelmeer oder mit Zodiacs auf den Seitenarmen des Amazonas – immer stehen hier Individualität und Naturerleben im Vordergrund.

Kreuzfahrten sind noch immer der Deutschen liebstes Kind, kaum ein anderes Segment der Reisebranche kann Wachstumsraten von rund fünf Prozent jährlich vorweisen. Und der Trend scheint ungebrochen. Doch meiden nicht wenige das Kreuzen auf See, meist aus Sorge, das Idealgewicht nicht halten zu können, gilt die Verpflegung an Bord doch als ausgesprochen gut. Dabei haben sich in den letzten Jahren einzelne Marktnischen fernab der großen Schiffe he­rausgebildet, die so gar nicht dem Klischee entsprechen mögen und ein hohes Maß an Aktivität, Individualität und Einzigartigkeit bereithalten wie kaum eine andere Reiseform.

Expeditionsschiffe verfügen mit ihrem speziell verstärkten Rumpf, den mitgeführten Schlauchbooten, sogenannten Zodiacs, einem geringen Tiefgang von unter fünf Metern und einer übersichtlichen Passagierkapazität von etwa 150 Betten über eine Sonderausstattung, die eine komfortable und sichere Reise bis in die nördlichsten oder südlichsten Regionen ermöglicht: Eisbären, Walrosse und Elfenbeinmöwen in der Arktis oder Pinguine in der Antarktis lassen sich nur mit solch kleinen Schiffen aus nächster Nähe authentisch beobachten. Je nach Attraktivität der Landschaft ankert das Expeditionsschiff dicht an der Küste und mit den Zodiacs können die Gäste auf individuelle Erkundungstour gehen. Expeditions-Perlen wie das Franz-Josef-Land oder das Svalbard-Archipel im Norden oder die antarktische Halbinsel im Süden stehen aktuell hoch im Kurs. Ein weiterer Pluspunkt der Expeditionsschiffe sind die Naturkundler an Bord. In populärwissenschaftlichen Präsentationen bringen sie dem interessierten Publikum historische oder landschaftliche Bezüge näher. Flora und Fauna des bereisten Gebietes professionell erklärt zu bekommen, ist tatsächlich ein ausgesprochener Gewinn solcher Reisen.

Für all jene, die das Ufer gern noch im Blick behalten, sind Flusskreuzfahrten eine geeignete Alternative. Seit einigen wenigen Jahren ist erkennbar, dass sich diese Branche sprichwörtlich zu neuen Ufern aufmacht. Neben dem tradierten Kerngeschäft in ­Mitteleuropa (Rhein, Main, Donau) gilt es nun, neue Kontinente zu entdecken und Reisen auf dem Amazonas und dem Orinoco in Südamerika oder dem Mekong, dem Irrawaddy oder dem Chindwin in ­Asien gelten als Highlights. Reisen auf dem Amazonas sind zumeist in zwei Teilstrecken unterteilt. Zum einen von Belém im Mündungsdelta an der Atlantikküste hinauf bis Manaus, die Stadt mit dem wunderschönen historischen Theater, in dem einst Klaus Kinski drehte und Christoph Schlingensief Regie führte. Der zweite Streckenabschnitt verläuft weiter westwärts ab Manaus über Kolumbien bis zur End­station Iquitos in Peru, denn nur bis zu dieser Stadt ist der Fluss befahrbar. Der besondere Reiz einer solchen Flussfahrt liegt in den versteckten Seen und Seitenarmen des Flusses, die oft zu Indianerdörfern führen. Für die Freunde Asiens bieten Reisen von Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam über ­Phnom Penh, die Hauptstadt Kambodschas, bis nach Siem Reap und zu den Tempelanlagen von Angkor Wat aus dem 12. Jahrhundert einen unvergleichlichen kulturellen Überblick über die Geschichte Indochinas. Wer möchte, kann diese Reisen auch für einige Tage in ­Phnom Penh unterbrechen, um sich der französischen Kolonialarchitektur oder dem Stu­dium der jüngeren politischen Vergangenheit des Landes zu widmen. In Afrika sind Angebote auf den Flüssen Chobe, Gambia oder dem Nil attraktiv. Ein Geheimtipp ist hier eine Reise auf dem Nassersee, dem südlich gestauten Nil, zwischen Assuan und Abu Simbel mit den historischen Tempelanlagen von Ramses II. Einzelne Reisen beinhalten sogar Safaris, um die Tierwelt Afrikas erleben zu können.

Eine ganz eigene Klasse an Abenteuern versprechen Segeltörns. Klein aber fein kreuzen die Boote mit dem Wind und suchen nach einsamen Stränden in der Ägäis, dem westlichen Mittelmeer oder der Karibik. Wer Kuba umrunden und die Antillen für sich entdecken möchte oder den Matrosen an der Reling gern bei ihrem Tun zusieht, findet hier die spannendsten Reisen. Die Sorge, dass bei Flaute die Reise ins Stocken gerät, ist unbegründet. Alle Segelschiffe sind mit starken Motoren ausgerüstet, um im Zweifel unter Dampf Strecke zu machen und den anvisierten Hafen rechtzeitig zu erreichen.

All jenen, denen der Service-Aspekt an Bord ein besonderes Anliegen ist, sind etwas größere Schiffe anzuraten. Auf Maxi-Yachten mit einer Kapazität von bis zu 400 Gästen vereinigen sich viele der attraktivsten Attribute einer Kreuzfahrt. Denn auch diese sind oft mit einzelnen Zodiacs ausgestattet und ein paar Naturkundler reisen ebenfalls mit, auch wenn der Expeditions­charakter hier nicht im Vordergrund steht. Aber im Gegensatz zu den kleineren Schiffen erinnert die Menüfolge in ihrer Güte an ein Sterne-Restaurant. Selbst All-inclusive-Angebote sind zu finden und diese Yachten bieten, wenn bei transatlantischen Überquerungen das Fahrtgebiet gewechselt wird und längere Streckenabschnitte mit wenig Landprogramm anstehen, besondere Events an Bord, wie die Einladung von Gaststars oder die Ausrichtung von Kochkursen mit renommierten Sterneköchen. Eine Kreuzfahrt kann ein echtes Abenteuer sein, muss es aber nicht. Es lohnt sich, Routen und Angebote genau zu studieren, damit sich die eigenen Vorstellungen mit dem gewünschten Cruise-Charakter decken, bevor es heißt: „Leinen los!“ FS

IssueGG Magazine 02/15
City/CountryCruises
PhotographyPress Images