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Der Zimmer-Mann by Michaela Cordes | 28. April 2015 | Personalities

Vor 27 Jahren zog Rémi Tessier noch mit seinen Handwerkskumpanen durch Frankreich und klopfte an diverse Türen, die ihm zunächst verschlossen blieben. Heute gilt der Interior Designer mit seinem Studio in Paris als eine der ersten Adressen, wenn es um das Einrichten von Häusern und Superyachten geht. Die ungewöhnliche Karriere eines Mannes, der es mit Loyalität, Fingerspitzengefühl und Entschlossenheit bis ganz nach oben geschafft hat.

Vielleicht sind es seine fünf Töchter, die Rémi Tessier eines der wichtigsten Attribute schenken, das der Designer für seinen Job am dringendsten braucht: Sensibilität. „Die Fähigkeit, mich in meine Kunden hineinzuversetzen. Zu verstehen, wie sie aufwachen möchten. In welche Welt sie von mir transportiert werden möchten. Das ist immer wieder die größte Herausforderung“, erklärt der französische Interior Designer, der mit seinem Fingerspitzengefühl und seiner Leidenschaft für Handwerk und zeitgenössische Kunst schon einige der reichsten Unternehmer von den USA bis in die Arabischen Emirate überzeugt hat.

Dunkles, oft hochglänzend poliertes Holz, weiße Sofas, die so leicht aussehen, als würden sie schweben, und in denen man dennoch versinken möchte, gepaart mit glänzendem Chrom – diese Kombina­tion gehört zu Tessiers Erkennungszeichen. „Ein Zuhause, aber noch viel mehr das Innere einer Yacht einzurichten, ist ein enorm privater Prozess. Ich lerne meine Kunden dadurch sehr intensiv kennen. Sie gehören alle zu demselben ,Club‘ und kennen sich untereinander. Exklusives Design steht sogar in meinem Vertrag. Mich selbst zu kopieren wäre daher der größte Fauxpas!“, erklärt Tessier, der gerade mehrere Häuser in London fertigstellt, sich aber vor allem mit dem glamourösen Einrichten von Superyachten einen Namen gemacht hat.

Sein Studio, das er mit 15 Angestellten nur wenige Minuten von der Avenue de Champs-Élysées betreibt, gilt zurzeit als eine der Top-Adressen. Unmittelbar über der Pariser Dependence des legendären US-Galeristen Larry Gagosian entwickelt Rémi Tessier seine spektakulären Projekte auf höchst diskreter Ebene. Seine Kunden sind berühmte Internetmilliardäre oder auch America’s-Cup-Gewinner – aber ihre Namen würde er niemals preisgeben. Das ist eine Selbstverständlichkeit und die Voraussetzung dafür, dass aus einem guten Kontakt eventuell über die Jahre eine Freundschaft wird und schließlich weitere Projekte wachsen können. „Man vermutet das vielleicht nicht. Aber Loyalität und Zuverlässigkeit werden gerade in diesen Sphären besonders großgeschrieben. Ich habe sogar einmal ein bedeutendes Projekt abgesagt, weil sich der neue Kunde mit einem Mann im Zwist befand, für den ich schon mehrere Projekte fertiggestellt hatte. Da muss man Flagge zeigen. Die Beziehung ist am Ende wichtiger als das Geld und das Geschäft. Auch wenn so eine Entscheidung zunächst nicht leichtfällt – es war die einzig richtige. Im Nachhinein gesehen hat sie mir sogar Respekt auf beiden Seiten verschafft. Drei Jahre später rief derselbe Kontakt wieder an, und da die Unstimmigkeiten verflogen waren, konnte ich schließlich die Einrichtung seiner 80-Meter-Motor­yacht mit gutem Gewissen übernehmen.“

„Ich bin niemand, der in die Zukunft plant. Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass ich heute Vater von fünf Töchtern sein würde – ich hätte es nicht geglaubt…“ Rémi Tessier

Zielstrebig, sehr talentiert, jemand der genau weiß, was er will. Eine starke Persönlichkeit. So wird Rémi Tessier gern beschrieben. Vermutlich ist sein ungewöhnlicher Karriereweg daran nicht ganz unschuldig. „Seit meinem 13. Lebensjahr ist mir klar, dass ich mit Holz arbeiten möchte“, erinnert sich Rémi Tessier. In Paris geboren, aber in St. Etienne aufgewachsen, erklärte er seinen Eltern (sein Vater war ein passionierter Maler) mit 15 als jüngstes von insgesamt fünf Kindern, dass er sein Elternhaus verlassen würde, um sich den Handwerksgesellen, den „Compagnons du devoir et du tour de France“ anzuschließen. Sieben Jahre reist der junge Rémi mit der Vereinigung, die es seit dem Mittelalter in Frankreich gibt, durch das Land und lernt das Tischlerhandwerk. „Bis ich eines Tages wusste, ich muss damit aufhören, um weiterzukommen. Ich hatte nur einen Monatslohn, keine Kontakte. In gehobenen Designstudios lehnten sie mich mit meinen dreckigen Händen und ohne Studium oder Portfolio ab. Mir blieb daher nichts anderes als die Straße.“ Mit viel Mut spricht der junge Handwerker Ladenbesitzer an. „Ein Blumenladen war mein erster Auftrag. Ich versprach, ihn mit wenigen Mitteln viel größer zu gestalten, hängte überall Spiegel auf und verdiente so mein erstes Gehalt als Selbstständiger.“

Durch Freunde hört er schließlich von einem größeren Job in Südfrankreich, wo ein Promotion-Auftrag für einen neuen Wohnkomplex vergeben wird. „Ich reiste nach Juan-les-Pins. Man sagte mir, wenn du in drei Wochen lieferst, hast du den Job!“ Der Name des jungen und zuverlässigen Rémi Tessier spricht sich schließlich so schnell herum, dass er sich in Lyon sein erstes Studio einrichtet, 15 Mitarbeiter engagiert und in den ersten fünf Jahren nach zahlreichen Aufträgen in Lyon, Genf und Saint Tropez für kommerzielle Projekte auch die ersten Aufträge von privaten Kunden erhält. „Das fand ich sofort viel interessanter. Ich unterhalte mich viel lieber mit Menschen als mit Marketingstrategen. Wahrscheinlich, weil ich mich immer sehr engagiere und stets meine ganze Seele mit in das Projekt einbringe, meinen Instinkt. Ich muss das Projekt fühlen, auch die Person, wie weit wir uns verstehen.“ Und wie geschah dann der nächste entscheidende Schritt von privaten Wohnungen zum Einrichten von großen Yachten? „Einer meiner Kunden, für den ich schon ein Haus in Genf gebaut hatte, wollte sich 1999 ein Segelboot bauen. Eigentlich dachte er an einen großen Namen wie zum Beispiel Philippe Starck. Aber eines Tages klopfte der Bauherr an meine Tür, und obwohl ich noch nie ein Boot gebaut hatte, nahm ich die Herausforderung an. Es war nicht leicht. Perini Navi hatte bis zu dem Zeitpunkt noch nie mit einem Designer gearbeitet, der nicht aus dem eigenen Haus kam. Ich lernte durch das Projekt unendlich viel und stieg so intensiv in den Prozess ein, dass ich quasi das Management des gesamten Neubaus übernahm. Zunächst fand man das bei Perini nicht so toll. Aber als die Yacht ,Squall‘ schließlich fertig war, waren alle begeistert. Und für mich stellte sich he­raus, dass der Job endlich all meine Stärken und Fähigkeiten, die ich mir über die Jahre angeeignet hatte, zusammenbrachte. Bis heute ist es unsere größte Stärke, dass wir den gesamten Service leisten. Unsere Kunden sind fast süchtig danach!“

Mehr als 20 Boote hat Remi Tessier in den letzten 14 Jahren designt. Zurzeit arbeitet er an seinem bisher größten Projekt. „Eine 170-Meter-Motoryacht – Exterior und Interior. Der Kunde stammt aus dem Mittleren Osten. Als er mich kontaktierte, bat er mich darum, mein Portfolio zu schicken. Tut mir leid, antwortete ich, entweder ich komme persönlich oder gar nicht. Nach meiner zehnminütigen Präsentation in Doha bat er mich, doch noch zum Essen zu bleiben. Ich nenne mich selbst Handwerker-Designer und schätze das Wort persönlich. Ich mache immer noch viele Dinge selbst. Jedes Projekt behandle ich so, als wäre es mein eigenes.“ MC

IssueGG Magazine 02/15
City/CountryParis/ France
PhotographyMark Seelen
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