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Vom Schatten ins Licht by Simone Knauss | 5. Juli 2015 | Travel

Moderne Architektur, junges Design, hippe Läden und entspanntes Leben am Wasser – lange konnte Madrid nicht mit Barcelona mithalten. Doch die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die spanische Hauptstadt. Scheinbar unbeeindruckt von der Krise entsteht hier derzeit eine lebendige Design- und Kulturszene. Und frisches Grün am Fluss gibt’s neuerdings auch.

Im Herzen von Madrid geht die Sonne auf. Mitten im Zentrum der spanischen Hauptstadt steht die „Puerta del Sol“, das Sonnentor, und genau hier befindet sich der berühmte Nullpunkt, von dem alle großen Straßen des Landes ausgehen wie weit verzweigte Sonnenstrahlen. Doch nicht die Sonne war es, die Marre Moerel von New York nach Madrid gelockt hat, sondern die Sehnsucht. „Ich war auf der Suche nach etwas völlig Neuem, nach einer frischen Inspirationsquelle und der Möglichkeit, das Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen“, erzählt die gebürtige Niederländerin mit den weiß gefärbten „Frau Antje“-Zöpfen. „Und weil ich Madrid überhaupt nicht kannte, dachte ich mir, dass ich dort wahrscheinlich fündig werde.“

Sie sollte Recht behalten. Seit fast dreizehn Jahren wohnt und arbeitet die international bekannte Designerin nun schon in ihrem kleinen Studio im Stadtteil Malasaña – und die Ideen sprudeln bis heute ungebremst. Skurrilitäten aus Porzellan haben es ihr besonders angetan. Angeregt von der üppigen Auslage einer benachbarten Metzgerei fertigte sie Abdrücke von Schweinefüßen, Rinderhoden, Kuhherzen und anderen tierischen Organen. Das Ergebnis: ihr Geschirr „Food on the Table“. Weniger exzentrisch, aber ebenfalls vom spanischen Essen inspiriert, sind Marre Moerels „Hilo“-Vasen, die nach dem Vorbild barocker spanischer Wasserkrüge geformt und mit langen Keramikschnüren verziert sind. Diese entstehen mithilfe einer einfachen Spritztülle und erinnern an das traditionelle spanische Schmalzgebäck „churros“. „Madrid ist eine moderne, weltoffene Stadt, die sich aber trotzdem ihre Eigenheiten und ihre spanischen Traditionen bewahrt hat. Das finde ich bis heute faszinierend“, so die Designerin. Doch sie gibt zu, dass sie manchmal das Heimweh nach New York und die Lust auf einen ordentlichen Burger packt. Die stillt sie dann in der „Home Burger Bar“ in Chamartín, deren Interior sie selbst entworfen hat. Die Bar befindet sich am Paseo de la Castellana, jener berühmten Prachtstraße, die sich durch die spanische Hauptstadt zieht, an der die schiefen Zwillingstürme der Architekten Philip Johnson und John Burge die „Puerta de Europa“ bilden. Im Bauboom der Neunzigerjahre als Zeichen für Aufbruch und Moderne errichtet, gelten sie seit dem Platzen der Immobilienblase 2008 jedoch eher als Sinnbild für die Schräglage der spanischen Wirtschaftt.

Krise? Welche Krise?“, will man da sofort fragen, denn wenn man heute durch die Stadt läuft, bemerkt man davon nichts – zumindest nicht auf den ersten Blick. Auf den Straßen herrscht Trubel, die Straßencafés und Geschäfte sind voll wie eh und je und nachts wird in Clubs, Restaurants und Rooftop-Bars gegessen, getrunken und getanzt, als wäre nichts gewesen. Kein Wunder: Die Madrilenen sind Meister darin, das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen zu feiern, auch wenn die Arbeitslosenzahlen nach wie vor hoch sind, viele Lokale und Geschäfte schließen mussten und Wohnungen leerstehen. Okay, der Lack von einst ist ab oder doch zumindest ziemlich zerkratzt, aber wozu ist man schließlich kreativ? Und wo der Wohlstand sich verabschiedet, entsteht Raum für Neues. So sehen das auch viele junge Kollegen von Marre Moerel, die sich neuerdings gegen das hippe (und teure) Barcelona und für Madrid entscheiden. „Die Ma­drilenen sind offen und herzlich – ich habe mich hier sofort zu Hause gefühlt“, erzählt Jorge Penadés aus Málaga, der zwar in Barcelona studiert, dann aber in der spanischen Hauptstadt sein Designstudio eröffnet hat. Barcelona sei nach wie vor sehr angesagt, ergänzt er, aber es gäbe auch sehr viele Codes, die man als „Hipster“ beachten müsse. In Madrid dagegen sei alles viel entspannter.

Hier lebt man einfach wie und wo es einem gefällt: die einen im eleganten Bezirk Salamanca mit seinen teuren Geschäften rund um die Calle Serrano nördlich des Retiro-Parks herum, die anderen – wie etwa Marre Moerel – im unkonventionelleren Malasaña oder in La Latina mit seinen alten malerischen Gassen, in denen jeden Sonntag der bekannte Flohmarkt „El Rastro“ stattfindet. Das eine kreative Viertel gibt es nicht, die vielen Künstler, Designer und Architekten aus aller Welt sind über die ganze Stadt verstreut. „Madrid kommt mir manchmal vor wie ein Dorf“, erzählt Marina Casal und lacht. „Die Kreativen kennen sich fast alle untereinander.“ Zusammen mit ihrem Freund Andrés Gallardo kam die Grafik- und Textildesignerin zum Studieren nach Madrid. Seit 2011 entwerfen die beiden unter dem Label Andrés Gallardo üppigen Schmuck aus Porzellan, Metall und Leder. Was die beiden an „ihrer“ Stadt am meisten reizt? „Die Kontraste! Zum einen gibt es hier so fantastische Museen wie den Prado oder das Reina Sofia und gleichzeitig eine ausgeprägte Underground- und Streetart-Kultur, die ebenfalls einen hohen Stellenwert hat und zum Beispiel in der ‚Fresh Gallery‘ in Serrano gezeigt wird.“

Museen und Galerien sind aber nicht alles, was Madrid an Kunst und Kultur zu bieten hat. Ende Febru­ar erst fand die jährliche ARCOmadrid statt, die als besucherstärkste Kunstmesse der Welt gilt. Und fast zeitgleich bot die Just Mad Emerging Art Fair jungen Nachwuchskünstlern ein Podium. Außerdem gibt es seit ein paar Jahren das „Matadero Madrid“, ein Kulturzentrum im ehemaligen Schlachthof von Arganzuela, das wechselnde Ausstellungen, Konzerte und Bühnenstücke im Programm hat und nicht zuletzt wegen seiner Architektur absolut sehenswert ist. Auch Álvaro Catalán de Ocón schaut hier regelmäßig vorbei. Der in Madrid geborene Industriedesigner ist nach 14 Jahren in Mailand, London und Barcelona in seine Heimatstadt zurückgekehrt. „Ich bin begeistert, was sich hier getan hat, und zwar nicht nur kulturell gesehen. Es ist viel grüner als früher!“ Damit meint er die gigantische Parklandschaft „Madrid Río“, an deren einem Ende sich das Matadero befindet und die so erst seit 2011 existiert.

Wo sich früher die mehrspurige Ringschnellstraße M-30 entlangschlängelte und die Ufer des Flusses Manzanares verschandelte (heute verläuft sie unterirdisch), trifft man auf wunderschön angelegte Grünflächen, alte und neue Brücken, ein paar Spiel- und Sportplätze, unzählige Cafés, viele Bäume – und Fahrräder. Lange als Zeichen von Armut verpönt, gewinnt das Radfahren seit der Krise mit ihren explodierenden Bus- und U-Bahn-Preisen immer mehr Liebhaber unter den Madrilenen, ist aber außerhalb des autofreien Parks immer noch ein lebensgefährliches Unterfangen. Modedesigner Baruc Corazón geht deshalb lieber zu Fuß. „Mein Lieblingsort in Madrid ist die Plaza de Oriente mit ihren Bäumen und den akkurat gestutzten Hecken. Hier bin ich schon als Kind mit meinen Eltern spazieren gegangen. Der Blick auf den Königspalast und die Sierra de Madrid ist immer wieder überwältigend.“ Und auf die Sonne, die hinter den Bäumen des Parks Casa de Campo untergeht. sk

IssueGG Magazine 03/15
City/CountryMadrid/ Spain
PhotographyPress