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Cornelia Guest by Claudia Steinberg | 27. August 2015 | Personalities

Als blaublütige Streiterin gegen Konventionen eroberte Cornelia Guest in den Achtzigerjahren die Klatschkolumnen, die Turnierreiterin mit der Künstlerentourage wurde zur Ikone der partyfreudigen Ära. Zuletzt erfand sie sich als Tierschützerin neu. Mit einem veganen Kochbuch und Mode aus Kunstfasern kämpft sie gegen Tierquälerei. Natürlich mit Charme und besten Manieren.

„Sei höflich, nimm jeden zur Kenntnis und amüsiere dich blendend“ – mit diesem Ratschlag entsandte die legendäre Gesellschaftsdame C. Z. Guest ihre Tochter Cornelia als Teenager in die amerikanische High Society. Zu den weisen Worten gehörte ein acht Hektar großer Landsitz in Old Westbury an der sogenannten Goldküste von Long Island, wo sich seit der Jahrhundertwende Aristokraten und Plutokraten wie die Vanderbilts, die Roosevelts und die Woolworths ansiedelten. Mit seinen Pferdeställen, Parcours, Gewächshäusern, Tennisplätzen, dem blassblau schimmernden Swimmingpool und dem Topiary-Garten des britischen Landschaftsarchitekten Russell Page steht der 20er-Jahre-Palast den noblen Nachbaranwesen im altenglischen Stil in nichts nach.

An den Wänden der 28 Zimmer mit ihrem nonchalant verblichenen Grandeur hängen die Porträts illustrer Vorfahren. Cornelias Vater war der Polochampion Winston Frederick Churchill Guest, Sir Winston Churchills Vetter, Enkel des 7. Herzogs von Marlborough und Erbe des gigantischen Phipps Stahl- und Immobilienvermögens, die Mutter, geborene Lucy Douglas Cochrane, entstammte einer prominenten Bankiersfamilie.

Zur Ahnengalerie gesellen sich ebenso viele Ölbilder geliebter Hunde und Pferde, letztere oft mit der leidenschaftlichen Reiterin Cornelia auf dem Rücken. Das Tiermotiv setzt sich nicht nur mit fellbezogenen Fauteuils und leopardengemusterten Teppichen, sondern auch mit einem Paar imposanter Elefantenzähne fort, die der Großwildjäger Guest als Trophäe aus Afrika heimbrachte. Cornelia protestierte hingegen schon mit neun, als sie am liebsten im Stall bei ihrem Pony übernachtete, durch die Verweigerung jeglicher Nahrung gegen den Konsum von Fleisch und Fisch. Nur unter Androhung eines vorzeitigen Todes konnte der Hausarzt den mehrtägigen Hungerstreik brechen. Es sollten jedoch fast vierzig Jahre vergehen, ehe sich Cornelia Guest zu einem veganen Lebenstil entschied. Schon immer hatte sie wenig Verlangen nach tierischem Protein, doch als ihre Mutter in den Neunzigerjahren an Krebs erkrankte, begann sie die gesundheitlichen Vorteile pflanzlicher Ernährung zu erforschen. Ebenso wichtig wie ihre Einsichten in das lebensverlängernde Versprechen, das der Verzicht auf Fleisch und Molkereiprodukte in sich birgt, war die Erkenntnis, „was Tiere erleiden müssen, um auf meinem Teller zu enden“. Seither beginnt sie ihre Tage mit einem potenten giftgrünen Saft, sie bringt ihre eigenen Snacks mit ins Flugzeug und selbst ihre Hunde haben gelernt, Obst und Gemüse zu lieben. Nicht zuletzt aber war es für die Tochter der großen Gastgeberin C. Z. Guest von Bedeutung, dass sich auch mit rein veganen Zutaten ein elegantes Bankett zusammenstellen lässt. Zunächst tastete sie sich 2009 mit einem Catering-Service und Plätzchenrezepten in die Gourmet­welt vor, ehe sie vor drei Jahren ihre vegane Bibel „Simple­ Pleasures“ veröffentlichte – mit Fotos von Bruce Weber, einem alten Freund der Familie, der Cornelia schon als „wildes Kind“ kannte.

Cornelia Guests Kochbuch ist nicht ihre erste Veröffentlichung. Bereits 1986, im Alter von nur 18 Jahren, brachte sie ihre ersten Memoiren, einen Ratgeber für Debütantinnen, mit der Co-Autorin Carol McD Wallace heraus. Wenige Monate zuvor hatte sie mit ihrem ersten Auftritt in einem spektakulären Carolina-Herrera-Gewand auf dem Parkett der gesellschaftlichen Elite im „Waldorf Astoria“ den Titel der „Celebutante“ kreiert, den später Mädchen wie Paris Hilton und die Courtin-Clarins-Cousinen für sich in Anspruch nehmen sollten. „Mit Geld und einem guten Namen kann man tun, was man will“, riet sie ihren Leserinnen und hielt sich auch selbst an ihr Konzept. Als Dauer­gast im „Studio 54“ und „Xenon“ avancierte Cornelia, die schon mit 15 dem feinen Foxcroft-Internat in Virginia entflohen war und stattdessen zur Turnierreiterin wurde, zum berühmtesten Partygirl der 80er-Jahre – die glamouröse, aber disziplinierte Mutter trieb sie morgens mit dem Gartenschlauch aus dem Bett. Schließlich hatte Cornelia Ambitionen, wagte sich sogar nach Hollywood. Eine Filmkarriere war ihr nicht vergönnt, wohl aber eine Affäre mit Sylvester Stallone und andere Abenteuer, über die sie schweigt. Templeton, das elterliche Landgut, war immer für sie da. Das 14-köpfige Rudel aus Chihua­huas, Westies und Neufundländern folgte seiner Alphahündin nach ihrer Rückkehr treu durchs Haus, die Pferde warteten auf ihren Ausritt und der hauszahme Esel auf seine Karotte, nur die Riesenschildkröte Sokrates blieb stoisch.

Die letzten beiden Jahre vor dem Tod ihrer Mutter 2003 verbrachte Cornelia fast ausschließlich auf Long Island. Nie hatte sie sich an einen Mann gebunden und ihre Menagerie zog sie Kindern vor. C. Z. spielte eine zentrale Rolle in ihrem Leben: Von der Mutter, die nicht nur den frivolen Beruf der Schauspielerin gewählt hatte, sondern kurzfristig gar als Ziegfeld-Showgirl auf der Bühne stand, die sich von Warhol und Dali malen ließ und sich skandalöserweise für ein Porträt von Diego Rivera auszog, die zum Entsetzen ihrer Standesgenossinnen eine Kolumne für das Magazin „House & Garden“ verfasste und Kleider entwarf, erbte Cornelia den Hang zum Unkonventionellen. Für C. Z. war es selbstverständlich gewesen, ihre Tochter mit in Warhols Factory zu nehmen (er sollte auch sie später malen – topless), denn was kann einem Mädchen, dessen Paten der Duke und die Duchess of Windsor waren, das zu Hause mit Nurejew und Yves St. Laurent, aber auch mit den Reagans dinierte, schon passieren? Nie bezweifelte C. Z., dass sie ihre Tochter zu einem jener „Schwäne“ erziehen würde, zu dem ihr bester Freund Truman Capote sie erkoren hatte. Und es war ihr anderer guter Freund Halston, der Cornelia beibrachte, sich graziös in Abendgarderobe zu bewegen.

Doch mächtige Mütter werfen lange Schatten, und erst nach C. Z.s Tod fand Cornelia ihre neue Identität als Tierrechtlerin, Autorin und Designerin von Kleidung und Accessoires, die ohne Tierquälerei kreiert wurden. Ein Porträt des Fotografen Stephen Colhoun zeigt C. Z. 1956 in einer eng taillierten Zobeljacke, doch für Cornelia ist Pelz „eine Sache der Vergangenheit“ und „Freundlichkeit ist chic“. Für die Kampagne der Tierschutzorganisation PETA mit dem Titel „I’d rather go naked than wear fur“ legte sie gern ihre Kleider ab. Zwar trug sie selbst lange Zeit Pumps aus Echsenleder und Krokotaschen, doch ihr neuestes Projekt ist eine Modekollektion aus innovativen Kunstfasern, die sie in China aufspürt. Ihre Handtaschen aus artifiziellem Leder, für deren Design sie ihren Freundinnenkreis in eine Fokusgruppe verwandelte, waren binnen einer Woche bei Bloomingdale’s ausverkauft. Es ist höchste Zeit für den zweiten Band ihrer Memoiren. cs

IssueGG Magazine 04/15
City/CountryLong Island/ U.S.
PhotographyDouglas Friedman/Trunk Archive