Filter View All PersonalitiesTravelOfficesPrime Properties
E-MagazineGG AbonnementAboutMediadatenImpressumDatenschutz

Lebens-Kunst by Jeremy Callaghan | 2. September 2016 | Personalities

Bei dem Paar hinter dem Pariser Fashionlabel Zadig & Voltaire dreht sich alles um Unterschiede. Cecilia Bönström ist Schwedin, Thierry Gillier Franzose, sie sind so entspannt wie schick. Mit ihren vier Kindern leben sie in einem Apartment aus dem 19. Jahrhundert, umgeben von einer beeindruckenden Sammlung zeitgenössischer Kunst. Doch trotz Jean-Michel Basquiat an den Wänden: die Kinder dürfen hier unbeschwert spielen.

Morgens früh geht es trubelig zu bei Thierry Gillier und Cecilia Bönström, wie wohl in allen Haushalten mit vier Kindern und berufstätigen Eltern. Allerdings:  Hier wird das Frühstück – verkleckerte Milch und andere kleine Malheure inklusive – Tag für Tag auf einem Möbelstück serviert, für das Sammler Unsummen zahlen würden. Die Familie geht nüchtern an die Sache heran, und so ist ein Tisch – selbst wenn er von Charlotte Perriand ist – eben ein Tisch. „Mein Lieblingsstück im ganzen Haus“, sagt Cecilia. Er sei schön und praktisch. „In vielerlei Hinsicht erinnert er mich an einen schwedischen Tisch. Wir mögen sehr schlichte Dinge, die für sich selbst sprechen.“ Gemälde werden hier so oft umgehängt und hin- und hergeschoben, bis sie ihren richtigen Platz gefunden haben. Manchmal hingen sie an der Wand, aber oft stünden sie einfach auf dem Boden: „Es geht hier nicht um Dekoration, sondern um Kunst als Lebenseinstellung.“ Thierry Gillier ist Gründer und Cecilia Bönström Kreativdirektorin von Zadig & Voltaire, dem Label, das Kaschmir cool gemacht hat und das widerborstig genug war, dem Mode-Establishment mit seinem Rock Chic entgegenzutreten.

„Wir lieben Reibung und Kontrast. Die Spannung zwischen männlich und weiblich.“ Cecilia Bönström

Cecilia, ehemaliges Model aus Schweden, war oft an einem Gebäude im fünften Arrondissement von Paris vorbeigefahren, hatte die Glyzinie bewundert, die sich an der Fassade hochrankte, die unbändige Lebenskraft, mit der sie sich um die Fenster wand und durch die Balkone kletterte. Und im Stillen hatte sie sich gefragt: Wer mag hier wohnen? Ursprünglich hatte das Haus Baron Haussmann gehört, dem Architekten, den Napoleon III. ausgewählt hatte, um Paris zu modernisieren; er nutzte die Residenz aus dem 19. Jahrhundert als „Garçonniere“, als Junggesellendomizil. „Es war so ein fantastischer Anblick. Und dann“, fügt sie hinzu, „25 Jahre nachdem ich nach Paris gezogen war, wurde es mein Zuhause.“

Das Apartment mit seinen fünf Schlafzimmern war nicht nur wegen seiner Größe bemerkenswert – „es ist nicht leicht, in Paris einen Platz zu finden, wo man mit vier Kindern leben kann“, sagt Cecilia –, sondern auch wegen der verbliebenen historischen Elemente. Dazu gehört ein schmuckvoll kassettierter Musiksalon mit Deckenfresken, auf denen Engel im Barockstil prangen, benannt nach Mozart, Bach und Beethoven. „Alles war schwarz und braun, und es gab viel mehr Wände“, beschreibt sie die Wohnung vor der Renovierung. „Jede Menge dunkles, schweres Holz überall. Und so entschieden wir uns, das meiste davon zu entfernen.“ Zur Mitstreiterin des Paars wurde die Architektin Isa­belle Stanislas von der Pariser Firma So-An, die schon für die Läden von ­Zadig & Voltaire weltweit im Einsatz gewesen war. Zu dritt bildeten sie das Team, um einen Ort zu schaffen, der kompromisslos zeitgemäß sein sollte, ohne die geschichtsträchtige Vergangenheit zu leugnen. Es wurde großer Wert darauf gelegt, „zu bewahren und zu modernisieren“, wie Stanislas es ausdrückt. Das galt für die Holzarbeiten, die teilweise weiß übermalt wurden, oder für das Fresko, das nach einer Reinigung beachtlich aufgehellt war. Eine Glastrennwand zwischen Küche und den Hauptwohnbereichen ließ Licht in die Tiefe nach innen fluten und sorgte für einen loftähnlichen Kontrast. „Jedes Element des Apartments wurde unter die Lupe genommen – es ist, als sei es neu geschaffen worden, von Grund auf.“

Die wahre Herausforderung war es, die Wohnung zu einer Heimat für Gilliers bedeutende Kunstsammlung zu machen. „Wir haben ungeheuer viel Arbeit geleistet, um sicherzustellen, dass die Ausleuchtung richtig ist“, sagt Stanislas. Ihre Lösung: eine maßgefertigte Miniaturleuchte von knapp drei Zentimetern Länge, so in die Decke eingelassen, dass sie praktisch unsichtbar ist. Thierry ­Gillier, der am Bard College in den USA studierte, hat über die Jahre eine Sammlung sehr beeindruckender Kunstwerke zusammengetragen, darunter solche von Cy Twombly, Dan Flavin, Jean-Michel Basquiat und Damien Hirst. „Für mich ist dieses Apartment ein Loft, gemacht, um moderne Kunst zu beherbergen“, sagt Gillier, „aber sein historischer Kontext sorgt dafür, dass das Gebäude immer die erste Geige spielt.“

„Wir lieben Reibung und Kontrast. Die Spannung zwischen männlich und weiblich“, erklärt Cecilia Bönström, deren Glamrock-Stil und Handschrift den einzigartigen Erfolg von Zadig & Voltaire befeuert haben. „Wir wollen eine Frau auf eine Art kleiden, die sexy, aber nie vulgär ist. Sexy auf eine maskuline Art“, hat sie es einmal genannt. „Es ist wichtig, cool zu bleiben und nicht in Richtung Girlie zu gehen.“ Ihr Funktioniert-immer-Tipp: Das Hemd des Boyfriends über einem Paar enger Jeans. Bei ihren Entwürfen hat sie Frauen wie Kate Moss und Charlotte Gainsbourg im Sinn. Mit ihren Kollektionen zollt sie Stil­ikonen wie Carolyn Bessette-­Kennedy, Mick Jagger oder Jimi Hendrix Tribut. Sie lässt sich auch von Passanten auf der Straße inspirieren, die sie beobachtet, wenn sie in Pariser Cafés sitzt. Das Resultat all dieser Einflüsse: ein Mix aus Seide und Spitze und Spaltleder – unangestrengte Sexiness. Und sehr französisch. „Es ist ein unverfälschter Lebensstil, und er spiegelt sich in unserer Arbeit wider. Es ist unterbewusst. Wir haben eine Weniger-ist-mehr-Einstellung.“ Für ihr Apartment bedeutet das: nicht so viel Mobiliar, nicht so viele Dinge auf dem Tisch. „Wir lassen es pur. Die Kunst und die Architektur sprechen für sich selbst.“ Und die beiden bringen es fertig, dass der Mix aus zeitgenössischer Kunst und Familienleben funktioniert. Ihr Dreijähriger etwa hat noch nie auf einem Kunstwerk herumgemalt, und obwohl Fußbälle im Haus herumliegen, hat tatsächlich noch keiner davon eine Leinwand durchschossen.

Obwohl die Familie in ihrer Freizeit nicht etwa herumsitzt und Vor- und Nachteile des jüngsten Ankaufs diskutiert, glaubt Cecilia, dass die reine Präsenz von Kunst ihr privates und berufliches Leben beeinflusst. „Ich liebe das Leben mit Kunst und mit einem Kunstsammler, der so eine coole Einstellung und eine Vision hat, wenn es um zeitgenössische Kunst geht. Wissen Sie, das hier ist kein Museum. Kunst sollte wirklich Teil des Lebens sein.“ Und sie ist wirklich allgegenwärtig in diesem Apartment, angefangen von den Kinderschlafzimmern bis hin zu den Bädern. „Wenn man einmal mit Kunst gelebt hat, geht es nicht mehr ohne.“

IssueGG Magazine 04/16
City/CountryParis/ France
PhotographyGaëlle Le Boulicaut
YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden