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Powder made in Japan by Martin Tschechne | 25. November 2016 | Personalities

Die Kälte aus Sibirien, die Feuchtigkeit aus dem Pazifik – feinerer Pulverschnee ist auf der ganzen Welt nicht zu finden. Dazu steile und schroffe Hänge aus dem vulkanischen Boden: Japan ist ein Paradies für Skifahrer und Snowboarder.
Denn von Hokkaido bis in den tiefen Süden gilt: Eine Spitzenabfahrt und eine heiße Quelle sind immer ganz in der Nähe.

Viel Zeit hat Satoshi Takae nicht. Ein Wochenende vielleicht. Als junger Angestellter in einem der Bürotürme von Tokio muss er kämpfen, um seinen Weg zu machen. Aber wenn er sich beeilt und sein Chef mitspielt, schafft er es am Freitagabend mit dem pfeilschnellen Tohoku-Shinkansen vom Tokioter Hauptbahnhof ins 150 Kilometer nördlich gelegene Nasushiobara und von dort in einer knappen Stunde mit dem Shuttle-Bus in sein Hotel. Spätestens dort fallen ihm die Augen zu. Wenn er am nächsten Morgen aufwacht, sieht er die Sonne über der Winterlandschaft des Hunter Mountain Resort aufgehen: zwei Tage raus aus dem Alltag, sich auf dem Snowboard einen Steilhang hinabschwingen, den Fahrtwind spüren – ein bisschen Ferien. Die kleine Warteschlange am Lift nimmt Takae-san gelassen. Für einen, der in der 37-Millionen-Metropole Tag für Tag zwischen den eng gedrängten Quartieren in Kamata und den gläsernen Wolkenkratzern von Shinjuku pendelt, ist der bis über 1.600 Meter hoch gelegene Schneepark ein perfekter Rückzugsort. Sorgfältig präparierte Abfahrten von familientauglich bis ambitioniert, Halfpipes unter cooler Musik, mutig gestylte Buckelpisten – sie heißen „Moguls“ – und für den Abend eine Auswahl gut eingespielter Restaurants und Discos. Wer Gaijin ist, also fremd in Schrift und Sprache, der findet Wegweiser und Menüvorschläge auf Englisch. Und wer japanische Tradition schätzt, bucht  den Aufenthalt in einem Ryokan und genießt den Abend in einem Onsen, einer der vielen heißen Quellen des Landes. Und rollt zur Nacht seinen Futon auf einer Tatami-Matte aus.

Drei große Unterschiede zum Skibetrieb in den Alpen oder den Rocky Mountains zählt Kenichi Nakajo auf, der auf der unabhängigen Internet-Plattform „Snow Japan“ Skigebiete von der Nordinsel Hokkaido über Aomori, Niigata und Nagano bis zum Kenritsu Mominoki Forest Park in der Präfektur Hiroshima sammelt und bewerten lässt: Da ist zum einen die Dauer des Aufenthalts. „Die meisten Gäste kommen nur für einen oder zwei Tage zum Skilaufen hierher.“ Keine Zeit also für folkloristische Hüttengaudi, alles muss haargenau ineinandergreifen: der Skikurs kompakt, die Kinderbetreuung verlässlich, der Service präzise, das – kurze – Vergnügen garantiert. Auch das Kontrastprogramm zum stressigen Alltag ist nun mal ein Programm. Skiwandern für stille Genießer gibt es auch. Aber Snowboarding und Abfahrt sind einfach, nun ja: geiler. Das Publikum ist denn auch überwiegend jung. Der zweite Unterschied: Mehr als 600 Skigebiete gibt es in Japan – bis hinunter in die Präfekturen Saga auf der Insel Kyushu und Ehime auf Shikoku im Süden des lang gezogenen Inselstaats, ungefähr auf dem Breitengrad von Bagdad oder Casablanca und trotzdem absolut schneesicher. Nakajo-san beschreibt die Topografie seines Landes mit der unnachahmlich trockenen Bemerkung: „In Japan herrscht kein Mangel an Bergen.“ Und kein Japaner hat es weit bis zum nächsten Ort, an dem ein Netz von Skiliften ihn auf einen der ungezählten Steilhänge der rauen, von Vulkanen zerklüfteten Landschaft befördert. Oder auf einen der weniger abenteuerlichen Anfängerhügel am Fuß der Berge.

Früher, zu Zeiten des Wirtschaftsbooms, waren es sogar mehr als 700 solcher Gebiete. Dann kamen Stagnation und Flaute, viele Betreiber mussten ihre Hotels und Skiparks schließen. Und dann tauchte das Snowboard auf, der wilde Spaß, auf den Hängen zu surfen wie auf einer riesigen, rollenden, gischtigen Welle im Pazifik – und alles war gut. Denn das ist der dritte Unterschied, der wichtigste: Pulverschnee! Verlässlich und großzügig über die Berge gezuckert. Die Insel Hokkaido ist ein wahres Paradies für die Powder Hounds, die Fans des staubtrockenen Kristallpuders; die Region um Sapporo, das 1972 die olympischen Winterspiele in Japan ausrichtete, das Skigebiet von Niseko United mit seinen 29 Lifts und 55 Kilometern Piste, die Ostküste bei Yoichi und Otaru, wo kalte Luft aus Sibirien einströmt und die Feuchtigkeit des Meeres mitführt. Ebenso Nagano auf der Hauptinsel Honshu, das mit den Spielen 1998 folgte. Kenner zählen Nozawa Onsen 46 Kilometer nördlich der Stadt zu den besten Skigebieten der Welt. Und die Besucher kommen längst nicht mehr nur aus Japan, sondern aus China, dem Pazifikraum, aus Europa und den USA. Wer sich das Vergnügen gönnen mag, lässt sich mit dem „Cat“, einem Kettenschlepper, oder mit dem Helikopter hinaufbringen in die unberührte, weiße Stille. Und dann: tief Luft holen. Und los!

Satoshi Takae, der junge Mann aus Tokio, hat sich den ganzen Tag über ausgepowert, hat sich hochziehen lassen und ist runtergerauscht, so oft es der Skipass hergab. Jetzt lässt er sich im wohlig heißen Wasser eines Onsen treiben, umgeben von glitzerndem Frost, blickt hinauf in den sternenklaren Nachthimmel und hält für ein paar Sekunden den Atem an. So muss sich Ewigkeit anfühlen. Ab Montag trabt er wieder auf seinem Karrierepfad, aber Stress und Hektik werden ihn nicht berühren. Zu Hause, in seinem winzigen Apartment, hängt das Snowboard wie eine Trophäe an der Wand. Die Saison hat ja gerade erst begonnen. Und die Berge sind nicht weit, nirgendwo in Japan.

IssueGG Magazine 01/17
City/CountryJapan
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