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Sand in Sicht by Ulf Lippitz | 25. November 2016 | Travel

Eine Safari-Reise im Süden Afrikas verzaubert selbst jene, die längst überall waren. Mit geschärften Sinnen geht es durch den Busch. Man trifft auf Löwen und Giraffen, Kudus und Nashörner. Steht sprachlos vor gigantischen Wasserfällen. Oder Dünen, die fast so hoch sind wie das Empire State Building. Nachts warten Wüstencamps und luxuriöse Lodges.

Plötzlich taucht sie auf dem kargen Steinboden der Namibwüste auf. Wachsam den Kopf erhoben, schwarz-weiße Gesichtsmaske, lange scharfe Hörner, die wie ein V aus dem Schädel wachsen. Die Oryxantilope ist das Wappentier Namibias, eine majestätische Kreatur, die tage- und wochenlang ohne Wasser auskommen kann – also selbst in der trockensten Wüste in der Lage ist, zu über­leben. Auf dem Weg zur Sossusvlei Desert Lodge sieht man die ersten Tiere, manche vereinzelt, andere in Gruppen wie die Weibchen mit ihren Kälbern. Strauße gesellen sich dazu, genauso aschfahl wie der Boden am Nachmittag, alle drei ­Monate soll sich sogar ein Leopard in der Nähe der Lodge herumtreiben, sagen die Guides. Auch er ist auf dem Geröllboden rund um die Lodge nur schwer auszumachen. Ferien im Süden Afrikas bedeuten für viele Europäer eine Safari in unbekannte Welten. Für Einheimische heißt es einfach: Reise. Denn das ist die wörtliche Übersetzung des aus dem Suaheli stammenden Begriffs. Safari ist die Erfahrung auf dem Weg von einem Ort zum anderen. Wenn man dabei wilde Tiere entdeckt, schön, wenn nicht, auch gut. Es sind ja nicht nur die Tiere, weswegen man nach Namibia reist. Vielmehr will man die einmalige Kombination von urtümlicher Landschaft und wilder Weite erleben. Es ist das ganze Jahr über heiß, der Regen fällt spärlich, sodass in vielen Regionen kaum Menschen leben. Die Gebirge steigen dramatisch auf, kapitulieren vor gigantischen Sanddünen, die wiederum in den Wellen des Atlantischen Ozeans verebben. Es ist, als würde man in Namibia jeden Tag der Weltwerdung zusehen.

Die Augen müssen sich erst wieder daran gewöhnen, eine unverstellte Umgebung zu erleben, auf den ersten Blick lebensfeindlich, auf den zweiten seelenfreundlich. Wer einmal die 325 Meter hohe Sanddüne Big Daddy heraufgekraxelt ist, wird nie vergessen, wie es ist, vom Kamm auf die Unendlichkeit des Sandes zu schauen, auf die wellenförmige Multiplikation des Nichts. Und wer frühmorgens mit einem Ballon am Dünenrand entlang­geflogen ist, dem Sonnenaufgang entgegen, der muss lernen, den Fotoapparat beiseite zu legen, um einfach mal das feuerrote Spektakel zu genießen.

Tausende Kilometer weiter im Norden und in noch größerer Einsamkeit liegt das Serra Cafema Camp. Auch hier, dicht an der Grenze zu Angola, beeindruckt die Marslandschaft. Sand­dünen, Steinwüste, Canyons, in denen seit Jahrhunderten der Stamm der Himba lebt. Sie errichten ihre Hütten in kreisförmigen Siedlungen, reiben ihre Körper ein mit einer rötlichen Paste aus pulverisiertem Eisenoxid, Butterfett, Kräutern und dem Harz des Omuzumba-Strauchs, betreiben Viehzucht und wenig Ackerbau. Am Ufer des Kunene-Flusses, wo das Camp liegt, wächst trotziges Grün inmitten der trockenen Umgebung. Ein paar Krokodile leben hier, längst nicht so groß wie anderswo, wo sie sich an Beutetieren satt fressen können. Vorsichtige Springböcke grasen die wenigen Büsche ab und natürlich auch einige versprengte Oryx. Abends spiegelt sich das Licht im glatten Fluss, die Himba singen Lieder in ihrer Sprache voller Klicklaute, und die Wildnis antwortet mit totalem Schweigen. Das muss man aushalten können.

Wie anders ist daraufhin die Ankunft im Etosha-Nationalpark. Überall Jeeps und Kleinbusse mit Menschen, drumherum unzählige Tiere. Tausende Besucher kommen jährlich in den 22.000 Quadratkilometer großen umzäunten Park, festgelegte Straßen führen durch das Gelände, und nachts werden die Schlagbäume heruntergezogen. Draußen vor den Toren, im Little Ongava Camp, genießt man dann seinen Gin Tonic, manchmal schauen Löwen am nahen Wasserloch vorbei, aber die Kulisse ist eben touristischer. Das Herzstück von Etosha ist eine gigantisch große Pfanne, die über Monate ausgetrocknet daliegt und zur Regenzeit teilweise vollläuft. Der Park ist flach wie eine Schreibtischplatte, es ist, als würden sich tagsüber die Farben vor der Sonne verstecken und nur beim Sonnenuntergang gnädige Töne auf das Panorama pinseln. Unzählige Tiere sieht man hier: Zebras, Giraffen, Kudus, Springböcke, manchmal drängelt sich ein Nashorn dazwischen oder es marschiert eine Herde Elefanten vorüber.

Zwei Stunden Flug von der namibischen Hauptstadt Windhoek entfernt, und man landet auf botswanischer Seite. Was ­Namibia fehlt, gibt es im Okavangodelta im Überfluss: üppiges Grün an überquellenden Wasserläufen statt erdfarbener Vegeta­tion vor ein­sickernden Rinnsalen. Wo in Namibia das Auge die Weite absucht, schärfen sich hier die Sinne für das Nahe. Denn hinter jedem Busch kann das nächste Tier überraschen. Da ein ganzes Rudel Wildhunde, hier eine Gruppe Anti­lopen, ein dösender Leopard auf einem Baum – und im Wasser grunzende Flusspferde. Schreisee­adler kreisen über dem Delta und stoßen ihre markanten Rufe aus. Vielleicht versperren auch ein Paar Löwen den Weg zum Sandibe Camp.

Überhaupt, das Camp – auf Stelzen gebaut, mit viel gebogenem Holz und dicken Zeltleinen. Das ist Luxus inmitten der Wildnis Afrikas, ohne einen Zaun drumherum, dafür begleiten Guides jeden Besucher zu seinem Bungalow. Abends entfacht der Koch ein Lagerfeuer, grillt Fleisch, bereitet Salate zu – und dann schaut ein Elefant vorbei, um zu verstehen, was hier gerade vor sich geht. Er reibt sich an seinem Lieblingsbaum, richtet Chaos an mit den Schüsseln und Töpfen, und als seine Neugier nach 45 Minuten gestillt ist, zieht er sich zurück. War ja nicht böse gemeint, eher gemeinschaftlich. Unter dem Himmel Afrikas teilt man eben alles.

Auf zur letzten Station der Reise: die Victoriafälle. Sie werden vom Wasser des Sambesi gespeist, liegen an der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe und gehören zu den beeindruckendsten Naturschauspielen des Kontinents. Da können die afrikanischen Riesen im nahe gelegenen Elephant Camp leider nicht mithalten. Die rauschende Gewalt ist spektakulärer als selbst diese Tiere. Besonders lohnen sich die geführten Wanderungen entlang der Fälle. So spürt man besser als vom Hubschrauber aus die Macht der Elemente, das kraftvolle Aufschäumen, die tosende Gischt. Wortwörtlich hautnah, wenn ein Spritzer das Gesicht abkühlt. Welch passende letzte Erinnerung an die Wunder im Süden Afrikas.

IssueGG Magazine 01/17
City/CountryNamibia/ Africa
PhotographyAfrikarma