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Bewusste Mode: Trend zum Untrend by Eva Müller-May | 3. März 2017 | Personalities

Laufsteg-Glamour auf Kosten der Umwelt und Ausbeutung an Nähmaschinen? Dazu sagen immer mehr Konsumenten und Modeschöpfer: Es reicht. Sie wünschen sich Mode, die Bestand hat. Zeitlose Kleidung statt billiger Wegwerfklamotten.

„Ich glaube nicht, dass Dinge hässlich aussehen müssen, weil sie bio sind.“ Stella McCartney designt seit 2001 Mode, die Bestand haben soll.

Auf weiten fließenden Tops, Kleidern, Hosen, Röcken ist es zu lesen: „Thanks girls, no leather and no fur.“ Ebenso steht es – ein Novum – auf Abendroben der Frühjahr-/Sommerkollektion von Stella McCartney. Die Models lachen und tanzen im Finale der Modenschau wie ausgelassene Kinder. Der „feel good moment“ der Pariser Modewoche sei das gewesen, titelte gleich die „US-Vogue“ online. McCartneys Botschaft: Ethische Mode, oft als langweilig und spießig verschrien, kann glamourös sein und Spaß machen. „Ich wuchs als Vegetarierin auf einer Bio-Farm in England auf. So war es irgendwie natürlich, weder Leder noch Pelz für meine Produkte zu verwenden“, erklärt die Tochter von Ex-Beatle Paul McCartney, deren verstorbene Mutter Linda eine engagierte Tierschützerin war. Die britische Designerin beherrscht den perfekten Schnitt und arbeitet mit edlen teuren Materialien, das ist selbstverständlich in der Luxusmode. Dass aber Ästhetik und Business ohne Ethik für sie nicht vorstellbar sind, hat Stella McCartney bereits bei ihrer ersten Prêt-à-porter-Präsentation 2001 in Paris klargemacht. Sie wurde über die Jahre zur Vorreiterin für Nachhaltigkeit in der Mode. Weil „wir nie perfekt genug sind“, wie sie selbstkritisch sagt, tritt McCartney 2009 als erste Designerin im Luxussegment dem Natural Resources Defense Council bei. Sie macht gemäß deren Statuten ihre Produktionskette transparent, verringert den ökologischen Fußabdruck – und gleichzeitig die Produktionskosten –, indem sie sich verpflichtet, 25 Prozent weniger Wasser und 35 Prozent weniger Energie bei der Herstellung zu verbrauchen, und forscht permanent nach neuen biologisch abbaubaren Materialien für ihre Accessoires. Eine Schuhkollektion aus recycelten Fischernetzen entwickelte Livia Firth mit dem italienischen Luxus-Schuhdesigner Sergio Rossi für ihre Nachhaltigkeits-Initiative Green Carpet Challenge. Firth und ihr Team konzipieren mit Top-Designern, -Marken oder -Firmen spezielle nachhaltige Projekte, um im weltweiten Rampenlicht Aufmerksamkeit für die Verknüpfung von Glamour und Ethik zu schaffen. Sie berät Global Players wie Gucci oder Chopard auf dem Weg zur Nachhaltigkeit und bietet ihnen eine Bühne. Auch Stella McCartney entwarf für Firths Initiative Abendmode aus Recycle-Textilien – 2014 kreierte sie gleich eine ganze Kollektion. Die Ehefrau von Oscar-Preisträger Colin Firth gilt als das grüne Gewissen im Luxussegment. Sie gründete ihr Beratungs-Unternehmen Eco-Age mit Schwerpunkt auf nachhaltigen Konzepten für Ethik und Ästhetik vor zehn Jahren, also lange vor der Katastrophe des Rana Plaza in Bangladesch. Damals, im April 2013, kamen nördlich der Hauptstadt Dhaka 1.134 Näherinnen und Näher ums Leben, nachdem ein marodes vielstöckiges Fabrikgebäude eingestürzt war. Über 2.500 Arbeiter wurden schwer verletzt. Das Unglück gilt für viele als „die Stunde Null“ für die Bewusstseinswerdung von Verbrauchern wie Produzenten. Allen wurde brutal vor Augen geführt, unter welch unwürdigen Bedingungen Textilien als Massenware hergestellt werden. Endlich wurden Fragen gestellt: Wie wird unsere Kleidung gefertigt? Werden Menschen ausgebeutet, die Natur zerstört? Ein T-Shirt für 5,99 Euro? Kaum teurer als ein Big Mac mit Bacon? Wie kann das gehen? „Fast Fashion“ wurde zum Synonym für billige Wegwerfmode. Aber – das darf nicht vergessen werden – auch Luxuslabels lassen in Billiglohnländern fertigen. Die gern zitierte Aussage der legendären Coco Chanel, „Mode ist da, um aus der Mode zu kommen“, ist heute nicht mehr gültig. Zu ihrer Zeit nämlich, als die Modewelt ökologisch noch in Ordnung war, wurden zwei bis vier Kollektionen pro Jahr per Handarbeit in Pariser Ateliers gefertigt. Heute dagegen ist der Rhythmus, auch im Luxusbereich, schwindelerregend: Haupt-, Couture-, Zwischen-Kollektionen und spezielle Kollaborationen sollen, manchmal im Monatstakt, Begehrlichkeiten wecken. „Kannibalismus in der Mode“ bringt es eine Bloggerin auf den Punkt. Langsam aber beginnt in der Industrie ein Umdenken. Armani, Calvin Klein und Hugo Boss haben sich inzwischen der Fur Free Alliance angeschlossen. Und das Schweizer Uhren- und Schmuckunternehmen Chopard verwendet Gold aus Fair-Trade-Minen. „Das ist zehn Prozent teurer als Gold aus konventionellen Minen“, erklärt Caroline Scheufele, Artdirektorin und Co-Präsidentin der Luxusmarke vor zwei Jahren auf dem Filmfestival in Cannes. „Die Differenz wird von uns absorbiert, damit es für den Käufer nicht teurer wird.“ Seit 2014 fertigt das Unternehmen auch die berühmte Trophäe der Filmfestspiele, die Goldene Palme, aus Fair-Trade-Gold. Es mache sie stolz, dass das Symbol für den besten Film „heute aus Gold gefertigt wird, das aus zurückverfolgbaren Quellen stammt und unter Bedingungen geschürft wird, die sowohl Mensch als auch Umwelt respektieren“, sagt Scheufele.

„Mode ist dafür da, um aus der Mode zu kommen.“ Coco Chanel

Mode, wie wir sie kennen, ist tot“, behauptete Li Edelkoort, Superstar der internationalen Trendforscher, in ihrem provokativen und viel diskutierten „Anti-Fashion Manifesto“ bereits ein paar Monate vor Rana Plaza. Sie gab schon damals zu bedenken: „Säen, ernten, schleudern, weben, stricken, drucken, schneiden, nähen, einpacken, transportieren, bügeln, aufhängen und dann verkaufen – das muss seinen Preis haben. Ich finde, man muss einen Minimalpreis für ein Kleidungsstück haben, wie bei Kartoffeln.“ Also faire Gehälter und faire Arbeitsbedingungen in der Herstellung. „Unsere Arbeit ähnelt der von Ochsen und Pferden“, so lautete eine Botschaft, die 2014 auf einem Zettel gefunden wurde – offenbar von einer Arbeiterin in China in Billigkleidung des irischen Modediscounters Primark eingenäht. „Wir müssen endlich die Grundrechte der Menschen schützen, die unsere Kleidung produzieren“, fordert Livia Firth. Ihr Appell an die Konsumenten: „Jedes Mal, wenn du shoppen gehst, überlege: Werde ich das Teil mindestens 30 Mal tragen?“ Die Herstellung von Kleidung verbraucht einen großen Teil natürlicher Ressourcen, für eine Tonne Jeans werden rund 200 Tonnen Wasser verwendet, das Ganze ist oft schwer abbaubarer Abfall, weil mit gefährlichen Chemikalien versetzt. Der Verbrauch an Textilien hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten weltweit um 400 Prozent gesteigert, der Fasermarkt verdoppelte sich auf 75 Millionen Tonnen pro Jahr, das meiste landet nach kurzer Zeit auf dem Müll. Das wissen noch zu wenige, findet der kalifornische Regisseur Andrew Morgan. Er beschreibt „die größte Lüge unserer Gesellschaft“ in seinem viel beachteten Dokumentarfilm „ The True Cost“, der von Livia Firth mitproduziert wurde und für den er in die hintersten Winkel der Welt reiste. Schonungslos zeigt er, welche Schäden die Billigmode-Industrie anrichtet: „Sie hat uns eine Geschichte über Kleidung erzählt, die das Produkt sehr unschuldig wirken lässt. Dabei ist die Textilindustrie nach der Ölindustrie weltweit der zweitgrößte Umweltverschmutzer“, sagt Morgan. „Wir leben in jeder Beziehung auf Kredit.“ Seit Rana Plaza haben auch Massenhersteller wie H & M, Uniqlo oder Zara begonnen, nachhaltige Zwischen-Kollektionen anzubieten oder Jeans zu recyceln. „Das geht in die richtige Richtung, ist aber immer noch ein Bruchteil des Gesamtsortiments“, sagt Kirsten Brodde von Greenpeace. „Wir haben weltweit inzwischen 78 Modefirmen darauf verpflichtet, auf den Einsatz aller gefährlichen Chemikalien zu verzichten. Allerdings droht das Tempo in der Mode diesen ökologischen Fortschritt aufzufressen.“

„Mode, wie wir sie kennen, ist tot. Es ist an der Zeit, einfach nur Kleidung zu preisen!“ Trendforscherin Lidewij Edelkoort

Die Zahl kleiner Bio-Modelabels wie Grüne Erde, People Tree oder Greenality wächst stetig. Sie setzen biologische Rohstoffe aus fairem Handel ein und garantieren mit Siegeln und Zertifikaten soziale Mindeststandards über die komplette Produktionskette hinweg oder produzieren ethischer in ausgewählten Ländern. Livia Firth propagiert in einem „Vogue“-Interview allerdings keine Zertifizierung von „grüner Kleidung“ mit Biolabels, sondern das Gegenteil: „Wir sollten eher dazu übergehen, alle übrigen Dinge als ,unethisch‘ zu kennzeichnen.“ Sie habe früher ein Jahr für einen neuen Mantel gespart, erzählt Firth, und trage noch heute gern Vintage-Kleider ihrer Mutter. Bis zu einer wirklichen Kurskorrektur in der Modeindustrie wird es wohl noch dauern, aber immerhin, es ist ein Anfang gemacht. An Ideen mangelt es dabei nicht: Mode aus Abfallstoffen, aus Bananen- oder Milchfasern, Bambus oder Brennnesseln, der Wettlauf um Alternativen zur herkömmlichen Textilproduktion ist in vollem Gang. Die Konzeptkünstlerin Jessica Dettinger schlägt eine geschlechterlose XXL-Unisex-Kleidung vor. Die Berliner Modedesignerin Mareike Ulman fertigt multifunktionale Kleidungsstücke, die vielfach kombinierbar sind. Und Li Edelkoort kann sich wieder Maßanfertigung vorstellen. Wer sich das nicht leisten kann, sagt sie, lerne eben selbst zu schneidern. Stella McCartneys Mode ist nicht für jeden erschwinglich, aber man stelle sich vor: ihr „best girlfriend“ Gwyneth Paltrow in einem Abendkleid bei den Oscars auf dem roten Teppich, und zig Millionen lesen McCartneys Credo auf dem Outfit. Wohin würde das Augenmerk fallen? Auf die Schauspielerin, den perfekten Schnitt des Kleides oder auf den Aufruf? Es könnte eine Identifikation mit nachhaltiger Mode weiter beschleunigen und den Blick für das große Ganze schärfen: Denn alles hängt zusammen. Was du trägst, zeigt, wie du denkst und handelst. Die Mode ist tot, es lebe die Mode!

 

IssueGG Magazine 02/17
City/CountryParis/ France
PhotographyGetty Images