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Brasilianisches Doppel by Norman Kietzmann | 6. März 2017 | Personalities

Fernando und Humberto Campana sind die Exoten im Design der Gegenwart. Die Brüder aus São Paulo kreieren Sessel aus Plüschtieren und Schrott, lassen Schränken Haare wachsen oder verwandeln Sofas in riesige Seesterne. Handwerkliche Prozesse werden von ihnen in raffinierte, fantasievolle Objekte übersetzt, die den Alltag mit Ironie und Wärme bereichern.

Fernando und Humberto Campana spielen ihr eigenes Spiel. Seit drei Dekaden setzen sich die Brüder aus São Paulo über die Vorstellungen hinweg, wie ein Stuhl, ein Sessel oder ein Schrank auszusehen haben. Produkte sind bei ihnen keine glatten, austauschbaren Dinge. Sie sind charaktervolle Wesen, die ein Eigenleben entwickeln und niemanden gleichgültig lassen. „Unsere Entwürfe verleiten dazu, berührt zu werden. Diese taktilen Qualitäten sind auch ein Teil unserer brasilianischen Kultur, wo das Handwerk stets eine wichtige Rolle spielt“, beschreibt Humberto Campana den gemeinsamen Ansatz. Die Brüder betreiben Upcycling in Bestform – lange bevor dieser Begriff überhaupt im Designkontext eine Rolle spielte. Sie benutzen industrielle Abfälle wie Seile, Drähte, Holzstückchen, Stoff- oder Lederreste als Ausgangspunkt – und verwandeln sie in fantasievolle Objekte an der Schnittstelle von Gestaltung und Kunst. Bei anderen Entwürfen greifen sie gleich auf Ready-mades zurück und setzen Sessel aus unzähligen Plüschtieren zusammen. Der Prozess des Sammelns, Verdichtens und Verbindens zieht sich als roter Faden durch das Werk der Campana-Brüder, die den Computer bis heute nicht als Werkzeug benutzen. Ihre Arbeit basiert stattdessen auf dem Machen mit der Hand. „Wir fangen zuerst mit den Materialien an, die wir zerschneiden, bemalen, reorganisieren und schließlich neu zusammensetzen. Irgendwann sieht man das ursprüngliche Material nicht mehr und erkennt in einem Objekt ein lebendes Tier, eine Pflanze oder eine andere Struktur, die sich unserer Kontrolle entzieht: Unsere Arbeiten sind Wesen, die man bei sich zu Hause halten kann und die dennoch etwas Wildes besitzen“, sagt Fernando Campana. Auch wenn ihre Möbel mit einer primitiven und zufälligen Erscheinung kokettieren, verbergen sich dahinter oft raffinierte Herstellungsprozesse jenseits der industriellen Produktion.

„Unsere Entwürfe verleiten dazu, berührt zu werden. Das ist Teil unserer Kultur.“ Humberto Campana

Manchmal dauert es Monate, bis die beiden eine spezielle Flechttechnik oder eine andere knifflige Aufgabe gelernt haben, um einen ihrer Entwürfe umsetzen zu können. Fernando und Humberto Campana integrieren das Wissen der Hände in den Design- und Fertigungsprozess – und entziehen ihre Produkte damit dem Austauschbaren und leicht Kopierbaren. Überraschungen und Rückschläge sind dabei nie ausgeschlossen. So sind die Designer- Brüder einmal zu einer deutschstämmigen Kolonie in den Süden Brasiliens gefahren, die spezialisiert ist auf Holzarbeiten. Sie wollten dort den „Favela Chair“ (1991) anfertigen lassen: ein Sessel aus chaotisch zusammengesetzten Holzstückchen für den italienischen Hersteller Edra. „Diese Menschen waren es gewohnt, sehr rationelle Möbel herzustellen. Also haben wir einen Workshop mit ihnen gemacht, um ihnen beizubringen, wie man desorientierter sein kann, mehr Favela“, sagt Fernando Campana. Die ersten einhundert Stühle sind dann auf genau diese Weise produziert worden. Doch bei der zweiten Order kamen die Stühle plötzlich ganz streng geordnet im rechten Winkel zurück. „Die Leute waren so traurig, als wir ihnen sagten, die Stühle wären hässlich. Sie meinten: ‚Wir haben unser Bestes versucht!‘ Und wir antworteten: ‚Macht euer Schlechtestes. Seid irrational!‘ Wir haben versucht, ihnen die Ordnung auszutreiben“, bringt Fernando Campana das interkulturelle Unterfangen auf den Punkt. Dass die Campana-Brüder das Design aus einem anderen Blickwinkel betrachten, hat durchaus auch mit ihrem eigenen Werdegang zu tun. Als sie 1983 ihr gemeinsames Studio in São Paulo gründeten, hatte Humberto (Jahrgang 1953) einen Jura-Abschluss in der Tasche. Sein acht Jahre jüngerer Bruder Fernando hatte soeben ein Architekturstudium absolviert. Als ungleiches Paar haben sie schnell in der Kreativszene von São Paulo für Aufsehen gesorgt – in einer Stadt, der sie bis heute in Hassliebe verbunden sind. „São Paulo ist eine Metropole, die einen absolut nicht wie einen Menschen behandelt. Eher wie ein Tier, so wie New York oder Mexico City. Man ist gezwungen, sich etwas auszudenken und die Schönheit dort zu entdecken, wo sie nicht existiert“, beschreibt Fernando Campana die Wirkung ihrer Stadt. Aufgewachsen sind die Brüder ganz und gar unstädtisch: auf einer recht abgelegenen Farm 150 Kilometer weiter nördlich, umgeben von spektakulären Wasserfällen und exotischen Pflanzen und Tieren.

Als Brüder zusammenzuarbeiten, sehen sie als Vorteil: „Wenn man zum selben Blut gehört, kann man nicht einfach sagen: ‚Ich will dich nicht mehr sehen!‘ Einem normalen Partner gegenüber kann man das sagen und es auch so meinen. Doch ich kann mir nicht vorstellen, meinen Bruder nicht wiederzusehen. Wir müssen zusammenhalten“, sagt Fernando. Und Humberto pflichtet ihm bei: „Natürlich endet es von Zeit zu Zeit in einem großen Kampf, weil wir alles zueinander sagen können. Aber es ist gut für die Arbeit, da wir untereinander sehr kritisch sind. Wir brauchen einander nicht zu schmeicheln oder ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wir kommen sehr schnell auf den Punkt.“ Eine Vorreiterrolle haben die Campana-Brüder gleich mehrfach erfüllt – und sind dafür mit Ausstellungen im New Yorker MoMA, dem Londoner Victoria & Albert Museum und dem Vitra Design Museum in Weil am Rhein geehrt worden. „In den Neunzigerjahren war der Minimalismus der Trend der Stunde im Design. Unsere Arbeit dagegen war voll von Texturen, barocken und sinnlichen Elementen. Doch wir haben damals nicht aufgegeben und sind immer auf demselben Weg geblieben“, sagt Humberto – der etwas Zurückhaltendere der beiden. Auch die heutige Rückbesinnung aufs Kunsthandwerk haben sie frühzeitig vorweggenommen – ebenso wie die Erprobung limitierter Editionen als neue Spielwiese des Designs. Wurden die frühen Campana-Entwürfe ausschließlich als Galerie-Editionen verkauft, kamen ab den Neunzigerjahren die ersten Kooperationen mit Herstellern wie Alessi, Edra, Bernardaud, Baccarat, Lasvit oder Louis Vuitton hinzu. Beliebig oder gar konventionell sind die Entwürfe dennoch nie geworden. Im Gegenteil: „Cabana“ (2010) etwa ist ein von Edra produzierter Schrank ohne Türen. Von der Spitze einer freistehenden Säule hängen bei diesem Möbel lange Bastschnüre zum Boden herab, die die fünf Regalebenen vollständig verblenden. Um an die verstauten Dinge zu gelangen, genügt ein Griff durch die „haarige“ Außenhaut, die sich in Haptik und Anmutung jeglichen Konventionen des Möbelbaus entzieht. Eine ungewöhnliche Materialität wählten die Brüder auch mit ihrer Schrankserie „Pirarucu“ (2013, Galerie Carpenters Workshop). Die auf acht Exemplare limitierten Holzmöbel sind vollständig mit Lederhäuten des gleichnamigen Süßwasserfisches überzogen. Ihr Sofa „Aster Papposus“ mit seinen 16 samtigen Armen lässt an einen riesigen Seestern oder einen Tintenfisch denken, während das bodennahe Polstermöbel „Kaiman Jakarè“ (beide 2006 für Edra) an eine verschlungene Gruppe von Krokodilen erinnert. Für Aufsehen sorgten die Brüder jüngst mit den Kostümen für die Tanz-Inszenierung „Virtually There“, die im November im Kunstzentrum „Mana Contemporary“ in New Jersey Premiere feierte. Für die Neuauflage von Oscar Schlemmers „Triadischem Balett“ (1922) haben die Brasilianer Gewänder aus holografischen Oberflächen, eingewebten LEDs und aufblasbaren Stoffen gefertigt, die ihre Erscheinung mit dem Lichteinfall verändern oder selbst Licht ausstrahlen. So ungewöhnlich also wie alles von den Campanas. Ihre Entwürfe wollen erobert, beklettert oder einfach nur berührt werden. Sie appellieren an unseren Spieltrieb und befördern die Interaktion. Und sie beweisen immer wieder: Spannendes Design entsteht vor allem, wenn die abgetretenen Pfade verlassen werden.

IssueGG Magazine 02/17
City/CountrySão Paulo/ Brazil
PhotographyCourtesy of Estudio Campana/Fernando Laszlo
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