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Roadtrip durchs Kiwi-Land by Eva Müller-May | 1. September 2017 | Personalities

Es gibt Reisen, die sind wie ein Lottogewinn. Neuseeland, fast jede Nacht in einer anderen exklusiven Lodge? Da musste unsere Autorin nicht überlegen. Elf einzigartige Tage verbrachte sie im „Land der langen weißen Wolke“ – so nannten die Maoris den Inselstaat. Sie hat den weltbesten Kaffee getrunken, atemberaubende Natur bestaunt und sehr entspannte Menschen in viktorianischen Villen getroffen.

Die Nachricht kam, als ich in Wellington in einem Café saß. Die vergleichsweise kleine neuseeländische Hauptstadt war gerade offiziell zur Stadt mit der weltweit höchsten Lebensqualität gekürt worden – vor Edinburgh und Zürich und Melbourne. Ermittelt in einem aufwendigen City-Ranking von Analysten der Deutschen Bank. Da schmeckte mein perfekter „Flat White“ gleich noch ein bisschen besser. In Wellington gibt es ganze 17 Kaffee-Röstereien: Die Neuseeländer sind nämlich verrückt nach gutem Kaffee, vergleichbar mit den Italienern in Europa. Auch Essen kann man hier fantastisch, wie fast überall im Land: saisonal und regional. Fangfrischen Fisch, zartes Fleisch von Lämmern, Angus- oder Gallowayrindern. „Wellywood“ wird die Hauptstadt mit Blick nach Hollywood genannt, die Filmindustrie brummt. „Die Hobbits“, „Der Herr der Ringe“ oder „Avatar“ wurden hier produziert. Und noch einen Namen hat Wellington: „Windy City“. Ständig weht eine starke Brise von Süden. Das macht den Kopf frei und klärt die Gedanken. Ich war mit einem Propellerflugzeug hier gelandet, auf halber Strecke einer einzigartigen Reise: neun Luxus-Lodges in elf Tagen. Von der Spitze der Nordinsel bis nach Queenstown auf der Südinsel. Erste Erkenntnis: Es gibt in Neuseeland kaum Verkehrsstaus. Dabei sind die Wege nicht kurz, mit 270.000 Quadratkilometern ist das Land größer als Großbritannien. Aber kleine Strecken mit dem Auto und die etwas größeren mit einem „Hop“ in kleinen Propellerflugzeugen sind entspannt zu bewältigen. Überhaupt sind die „Kiwis“, wie sich die Neuseeländer nennen, total stressbefreit. Niemand hastet, jeder lächelt freundlich. Selbst an den Flughäfen setzte sich immer jemand neben mich, um zu fragen, wie es so geht. Nicht selten folgte eine Einladung nach Hause, aus purer Gastfreundschaft oder um mir etwas zu zeigen: eine Sammlung von Jadesteinen, Maori-Kunst, alte Fotos, ein Rezept der Großmutter. Diese hohe Bereitschaft zur Kommunikation ist vielleicht durch die Insellage und die nur knapp 4,5 Millionen Einwohner Neuseelands (dafür aber: rund 36 Millionen Schafe) erklärbar. Für mich als Pariserin, die Anonymität, Enge und Hektik gewohnt ist, war es ein neues, sehr angenehmes Lebensgefühl.

Die ersten fünf Tage meiner Reise hatte ich in Golfer-Paradies auf der Nordinsel verbracht: im „The Lodge at Kauri Cliffs“ in der subtropischen Matauri Bay im äußersten Norden – und dem „Cape Kidnappers“ in der Hawke’s Bay an der milden Ostküste. Die Landschaften erinnerten hier an die Provence, aber auch an die Toskana, die Ardèche, Schleswig-Holstein, die Karibik oder an Schottlands Hochebenen. Mal flach, mal hügelig, sanfte Flusstäler, pittoreske Schluchten, feine Sandstrände, schroffe Kliffs. Dazu weite Grasflächen, Nikau-Palmen, Ponga-Farne, Stechginster. Eine immergrüne Insel, da es hier im Gegensatz zur Südinsel keine Laubbäume gibt. Ein mächtiger Kauri-Baum, ca. 900 Jahre alt, gut 40 Meter hoch und unter Naturschutz, gab der „Kauri Cliffs“-Lodge den Namen. Die Architektur der Gebäude ist ein Mix aus East-Hampton-Chic und South-Carolina-Grandezza, dazu europäische Antiquitäten. Vor der Tür der Golfplatz mit 180-Grad-Blick über den Ozean. Die „Cape Kidnappers“-Lodge liegt nahe dem charmanten Art-déco Örtchen Napier. Über den steilen Klippen der Hawke’s Bay: hohe Räume, viel Stein und Holz. Traktorsessel aus Eisen hängen wie Gemälde an den Wänden. Nach einem langen Tag warten der Salon, die Bibliothek und ein runder Raum mit flauschigen Schaffellen vor dem Kamin. Nur die „Loggia“, einer der drei Speiseräume, erinnert eher an eine elegante Orangerie in einem nordfranzösischen Schlösschen. Der zweite Teil meiner Reise begann mit dem Wagen, Fahrer Phil holte mich vom Hotel ab. Über steile Serpentinen gelangten wir zu einer 2.000-Hektar-Farm an der Palliser Bay. „William, Kate und George haben sich hier 2014 nach dem langen Flug erholt, bevor sie den offiziellen Neuseelandbesuch starteten“, erzählte Phil. Das „Wharekauhau Country Estate“ gilt als eins der Top 20 Resorts weltweit. An eine Bergkette geschmiegt sieht es mit seinen vielen Türmen aus wie ein Tudor Castle. Auch Tom Cruise, die Rolling Stones und Bill Gates waren bereits hier. Über die illustren Gäste redet in der Lodge selbstverständlich niemand. Aber eine Idee, wie sie sich gefühlt haben, erzählte mir mein Cottage: Das Kaminfeuer loderte, das Himmelbett sah einladend aus. Umwerfend der Blick von der Terrasse über den Garten zum Pazifik in der untergehenden Sonne. Ich blieb, in eine Wolldecke gehüllt, lange wach. Am nächsten Morgen gab es Corned Beef mit Kartoffeln und Speck, dann ging es im Jeep über das unendliche Anwesen und ich erlebte erstmals eine Schafschur. Bei über 7.000 Tieren ist auf der Farm das ganze Jahr über Saison.

Mit einem Hop verließ ich später die Nordinsel und flog nach Blenheim in die „Marlborough“- Lodge. Ein elegantes Holzhaus im viktorianischen Stil mit weiten Veranden. Knapp sieben Hektar mitten im berühmtesten Weinanbaugebiet Neuseelands. Die Vegetation ist weniger ursprünglich als auf der Nordinsel, wirkt manikürter: Rosenbeete, Laubbäume in buntesten Farben, die Weinreben gelb-rot gefärbt. Spätestens jetzt wurde mir auch optisch klar, dass Mai in Neuseeland Herbstzeit ist. Mit der „Marlborough Tour Company“, zu der die gleichnamige Lodge gehört, erwartete mich noch eine Motorbootfahrt mit einer 20-Meter-Yacht. Kapitän Matt schipperte mich mit einer Tarquin durch den Queen Charlotte Sound in das abgelegene „Bay of Many Coves“-Resort zum Tee. Das ist nur per Helikopter, Wasserflugzeug oder Boot zu erreichen und bietet mit elf Holzcottages, die am wild gewachsenen Hang zu schweben scheinen, totale Isolation von der Außenwelt – perfekt für gestresste Stadtmenschen; die melodischen Gesänge von Tui und Bellbirds wirken beruhigend. „Delfine besuchen die Bucht regelmäßig“, erzählte Matt. Auf dem Rückweg näherten wir uns diversen Fischfarmen. Ich lernte, dass Neuseeland den besten Lachs der Welt züchtet, und durfte sogleich einen geräucherten probieren.

Am nächsten Tag ging es nach Queenstown. Die letzten zwei Tage standen bevor, aber meine Begeisterung für dieses Land sollte noch wachsen. Das „Hulbert House“, eine 1888 erbaute und 2016 von einem japanischen Investor total restaurierte viktorianische Villa mit sechs Zimmern, liegt am 80 Kilometer langen und 400 Meter tiefen Binnensee Wakatipu. Die Einrichtung ist retro und eklektisch, die Auslegeware bildet Motive aus Japan ab. Die Region ist von den neuseeländischen Alpen gegen die kühlen Westwinde geschützt und im Sommer gut zwei Grad wärmer als die näher am Äquator gelegene Nordinsel. Im Winter kann Schnee fallen.

Queenstown galt lange als Zentrum des Abenteuer- und Rucksacktourismus. In der Nähe wurde das Bungee-Jumping erfunden. Inzwischen sind in und um die Stadt immer mehr Lodges für Touristen mit höchsten Ansprüchen entstanden. Ich traf mich mit dem Architekten Michael Wyatt, er zeigte mir die kleine, pulsierende Stadt. Alles ist zu Fuß zu erreichen. Wyatt hat seit fast 30 Jahren unzählige Gebäude in Queenstown gebaut. Fast an jeder Straße steht eins von ihm. Sein Credo: den Charakter der Stadt nicht verfälschen, zwei- bis dreigeschossige Gebäude mit regionalen Materialien, aber immer mit einer architektonischen Besonderheit. „Breaking the scale“ nennt er das, den Maßstab brechen. Sein Meisterstück ist nach der Restaurierung des neoklassizistischen „Eichardt’s Private Hotel“ der moderne Anbau, wie eine Speerspitze sticht er in die Uferpromenade. Im Erdgeschoss befindet sich eine Louis-Vuitton-Boutique, im Obergeschoss Büroräume und das „Eichardt’s Penthouse“, das wie ein privates Apartment gestaltet ist und für zehntausend Dollar pro Nacht gemietet werden kann. Am Vormittag meiner Abreise sollte das Fjordland im Westen der Insel mit dem Helikopter überflogen werden, doch leider wurde der Trip wegen Hochnebels abgesagt. So war die „Matakauri Lodge“, knapp zehn Autominuten von Queenstown entfernt, meine letzte Station in diesem spannenden Land. Im Alpin-Chic eingerichtet, aber mit echten Picassos an den Wänden, passt sich die Lodge der bergigen Umgebung an. Der Manager Emanuel Grosch, ein gebürtiger Münchner, erzählte beim Lunch die Maori-Sage, nach der die Lodge benannt ist. Der Krieger Matakauri befreite seine Angebetete aus den Fängen des See-Riesen und tötete diesen. Tief im See begraben, soll sein Herz aber noch immer schlagen, denn die Wasser des Sees steigen heute noch im 12-Minuten-Takt um mehrere Zentimeter – um dann wieder zurückzuweichen. Das Menü – Confit von Aoraki-Lachs, Variation von Merinolammfleisch und Joghurt-Apfel-Parfait mit Meringue – hatte Sternequalität. Es fühlte sich ein wenig an wie meine Henkersmahlzeit – vor den insgesamt 26 Stunden Rückflügen nach Paris plus diversen Aufenthalten in Auckland und Dubai. Zeit zum Nachdenken und einen Entschluss zu fassen: Mein Herz schlägt für dich, Aotearoa – Land der langen weißen Wolke, wie Neuseeland auf Maori genannt wird. Ich komme wieder!

IssueGG Magazine 04/17
City/CountryWellington/ New Zealand
Photography