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Der Mann fürs SEELENKINO by Sven Michaelsen | 31. August 2018 | Personalities

Er war in vielen Berufen erfolgreich. Heute ist der Hamburger Michael Poliza ein gefeierter Wildlife-Fotograf. Und er organisiert maßgeschneiderte Luxusreisen in die entlegensten Ecken der Welt. Seine Kunden sehnen sich nach Erinnerungen, die ein Leben lang halten sollen. Das lassen sie sich sehr viel kosten.

Die großformatigen Afrika-Fotos an den Wänden muten auf den ersten Blick seltsam fremd an, wenn man die schneeweiße Gründerzeit- Villa von Michael Poliza im Hamburger Stadtteil Eppendorf betritt. 175 Länder habe er bereist, sagt der 60-Jährige, laut letzter Zählung der UNO blieben damit 18 Länder übrig, die er noch nicht kennt. Bevor es den Begriff im Deutschen gab, hat Poliza kreative Disruption praktiziert. Er war Film- und Theaterschauspieler, millionenschwerer IT-Unternehmer, Hoteldirektor auf der exklusivsten Privatinsel Afrikas, Mitbegründer einer deutschlandweiten Kinokette und Besitzer eines 23 Meter langen Hightech-Schiffs, mit dem er in 1.009 Tagen die Welt umrundete. Heute ist er Tier- und Landschaftsfotograf sowie Veranstalter von individuell organisierten Luxusreisen in die letzten Naturparadiese. Ob er seinen vielen Berufen in den kommenden Jahren noch einen hinzufügen wird? „Ich fürchte ja“, sagt Poliza, „60 soll ja das neue 40 sein.“ 

Herr Poliza, im Internet gibt es Hunderte Reiseveranstalter, die damit prahlen, Experten für Luxusreisen nach Afrika zu sein. Was unterscheidet Sie von Ihren Konkurrenten? Ich sehe mich nicht als Teil der Reisebranche. In angelsächsischen Ländern würde man sagen, ich bin Experience Designer in der Memory Creation Industry. In den Vorgesprächen mit meinen Kunden höre ich am häufigsten den Satz: „Herr Poliza, verschaffen Sie uns Erlebnisse, die die Seele berühren, und Erinnerungen, die ein Leben lang halten!“ In der Karibik am Infinity-Pool eines Fünf-Sterne-Hotels mit einem Glas Rosé-Champagner in der Hand in die Sonne zu blinzeln, ist eine feine Sache. Der Haken ist, dass unser Gedächtnis Erlebnisse dieser Art nur ein paar Tage lang speichert. Deshalb schrumpft ein ganzer Urlaub in der Erinnerung auf einen einzigen Tag zusammen. Von grandiosen Naturerlebnissen dagegen zehren wir ein Leben lang, weil sie sich wegen ihrer Intensität ins Gehirn einbrennen. In einem Satz gesagt: Meine Kernkompetenz ist das große Seelenkino. 

Ihre Reisen führen oft in menschenleere Gegenden ohne Funknetz. Wie reagieren Ihre Kunden darauf, nicht erreichbar zu sein und keine Selfies auf Instagram posten zu können? Für Notfälle ist immer ein Satellitentelefon dabei, ansonsten ist es wie beim Drogenentzug: Das Härteste sind die ersten 24 bis 48 Stunden. Danach verschieben sich die Prioritäten, und es beginnt ein freiwilliger Digital Detox. Eingehende E-Mails werden genauso unwichtig wie Facebook-Neuigkeiten. Körper und Seele entspannen sich, und man macht die beglückende Erfahrung, im Hier und Jetzt zu leben. Kinder reden auf einmal wieder mit ihren Eltern, und man entdeckt, wie schön es ist, ein gemeinsames Tischgespräch zu führen, statt verstohlen aufs Display zu schielen. Das ist immaterieller, nachhaltiger Luxus.

Urlaub im Busch als Familientherapie? Die Rückmeldungen unserer Kunden zeigen uns, dass das großartig funktioniert. Wegen der Globalisierung sind viele Familien über die ganze Welt verstreut. Der Sohn studiert in Hongkong, die Tochter in New York. Wenn die Eltern beschließen, den gemeinsamen Jahresurlaub in Städten wie Paris oder London zu verbringen, machen sie eine deprimierende Erfahrung. Die Kinder sind durch soziale Netzwerke so gut verdrahtet, dass sie auch in fremden Städten ständig verabredet sind und selten vor nachts um zwei ins Hotel zurückkommen. Das Familienfrühstück am nächsten Morgen fällt damit aus. Mit Glück sieht man seine Kinder zum Mittagessen. Das ist keine Gemeinsamkeit. Bei unseren Reisen ist man 16 Stunden am Tag auf Tuchfühlung, zum Teil unter intensivsten Naturbedingungen. Das schweißt zusammen. Die Familie wird wieder als Gemeinschaft empfunden.

Warum transportieren Sie Ihre Gäste oft per Helikopter? Die Nachfrage nach unberührter Natur ist größer als das Angebot. Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet. Er will in Gegenden reisen, die es logischerweise nur schwer geben kann: zivilisationsfern, aber dennoch leicht zugänglich und mit komfortablen Unterkünften ausgestattet. Nehmen Sie Kenia: 90 Prozent der Touristen sehen die immer gleichen zehn Prozent des Landes und sorgen dafür, dass diese Gegenden inzwischen hoffnungslos überlaufen sind. Wir fliegen unsere Gäste in magische Landschaften wie den Lake Turkana im Norden Kenias. Diese Region ist per Jeep kaum zu erreichen und entsprechend menschenleer. Da wir uns auf solche Ziele konzentrieren, sind Helikopter das perfekte Fortbewegungsmittel. Sie bieten zudem ein Höchstmaß an individueller Gestaltungsfreiheit. Wenn Sie bei 35 Grad im Schatten sagen, jetzt täte ein wenig Abkühlung gut, fliegen wir Sie in 20 Minuten zu einer versteckten Quelle zum Baden oder zu einer Schneeballschlacht auf den 5.200 Meter hohen Mount Kenya. Solche spontanen Trips sind möglich, weil das Helikopterfliegen in einigen afrikanischen Ländern nicht durch zeitraubende Start- und Landeerlaubnisse reglementiert wird. Bei Gästen, die mehr Panorama-Sicht wünschen, bleiben die Seitentüren des Helikopters während des Flugs offen.

Sie werben mit „360-Grad-Naturerlebnissen“. Was verstehen Sie darunter? Dass Natur und Schönheit nicht aufhören, wenn Sie sich umdrehen. Der gewöhnliche Safari-Tourismus ist ein ziemlich ernüchterndes Erlebnis geworden. Hat ein Guide einen Löwen entdeckt, informiert er über Sprechfunk die Kollegen, die für dasselbe Unternehmen arbeiten. Zehn Minuten später stehen 30 Jeeps um einen einzelnen Löwen herum, und es herrscht eine Atmosphäre wie in einem Streichelzoo. Es ist leider keine Seltenheit, dass ein Löwe von einem halben Dutzend Minibussen mit kreischenden Bikini-Girls aus Mombasa eingekesselt wird. Etwas Traurigeres habe ich selten gesehen.

Sie sind Botschafter des WWF, des World Wide Fund For Nature. Sind Helikopter nicht ein ökologisch höchst bedenkliches Fortbewegungsmittel? Nein, für sie müssen keine Straßen gebaut werden, und die Fußspuren, die die Passagiere vor Ort hinterlassen, wischt der Motorwind beim Abflug wieder weg. Wir verlassen den Ort exakt so, wie wir ihn vorgefunden haben. Den Kohlendioxid-Ausstoß unserer Flüge kompensieren wir selbstverständlich mit Myclimate.

Was kostet Sie das? 3,80 Euro pro Flugstunde. Dieser relativ niedrige Preis zeigt, dass Helikopter keine Dreckschleudern sind.

Warum verwenden Sie als Berufsbezeichnung das ambitiöse Wort Experience Designer? Statt Unterkünfte und Erlebnisse willkürlich aneinanderzureihen, baue ich einen Spannungsbogen auf. Eine gelungene Reise funktioniert wie ein gut geschriebener Roman: Sie hat eine Seele, folgt einer Dramaturgie und bietet unvorhersehbare Wendungen. Wir verraten nur einen Teil des Programms, weil wir den Gast überraschen wollen. Es kann also sein, dass Sie nichtsahnend vor Sonnenaufgang auf eine Waldlichtung geführt werden, wo ein Heißluftballon bereitsteht. Stunden später landet der Ballon in der menschenleeren Savanne. Dort wartet ein aufwendig gedeckter Frühstückstisch auf Sie. Solche „Wow!“-Erlebnisse sind die DNA unserer Reisen.

Was haben Sie über Ihre Kunden gelernt? Es ist wichtig, den Gast aus seiner Komfortzone herauszuholen – aber nicht zu weit und nicht zu lange. Ein Beispiel: Eine Nacht campiert der Gast mit Schlafsack und Zelt auf 2.000 Metern Höhe am Rand eines aktiven Vulkans mit Blick auf rotglühende, blubbernde Lava und giftgelbes Schwefelgestein. Nach diesem Blick in die Hölle übernachtet er am folgenden Tag in einer High-End-Lodge mit Boxspring-Betten und De-luxe-Spa.

Lohnen Trekking-Touren zu den letzten Berggorillas? Ja, unseren nahen Verwandten aus nächster Nähe in die Augen zu schauen, ist eine fast spirituelle Erfahrung. Die luxuriösesten Lodges für das Gorilla- Trekking bietet Ruanda. Man sollte aber wissen, dass die Beobachtung der Gorillas glücklicherweise streng reglementiert ist. Der Besucher hat eine Stunde Zeit, keine Minute länger. Der Preis ist exorbitant. In Ruanda liegt er bei 1.500 US-Dollar, in Uganda sind es 700 US-Dollar pro Person. Für den Marsch zu den Gorillas muss man zwischen 20 Minuten und drei Stunden einkalkulieren – und wir reden nicht über einen Spaziergang durch die Lüneburger Heide. Der Regenwald ist feucht und rutschig, und es geht bergauf.

Welche Illusionen machen sich Ihre Kunden über Safaris in Afrika? Safaris sind keine Schlafkur. Man sollte so aufstehen, dass man bei Sonnenaufgang im Zielgebiet ist. Deshalb empfehle ich, am Ende der Reise ein paar Strandtage zur Regeneration und Reflexion anzuhängen.

Ab welchem Alter sind Safaris für Kinder eine sinnvolle Erfahrung? Die Kinder sollten mindestens acht Jahre alt sein. Einige Lodges bieten Programme an, mit denen auch Vier- oder Fünfjährige auf ihre Kosten kommen. Das ist Teil unserer Beratung.

Bei welchen Kundenwünschen sagen Sie nein? Wir bieten keine Jagden an. Bei uns sollen die Tiere weiterleben, nachdem wir sie gefunden haben.

Woher kommen Ihre Kunden? Eine Hälfte aus deutschsprachigen Ländern, die andere aus Kanada, Mexiko, Australien und den USA.

Zu Ihrer Kundschaft gehören Milliardäre und Filmstars. Aus welchem Milieu stammen Sie selbst? Meine Eltern hatten in Hamburg ein Restaurant mit Bar. Geöffnet war von 19 Uhr bis nachts um drei. Weil meine Eltern unstete Charaktere waren, bin ich bis zu meinem 18. Lebensjahr 19 Mal umgezogen.

Wie wurden Sie mit zehn Jahren Schauspieler? Das Restaurant meiner Eltern lag in der Nähe der Filmproduktionsfirma Studio Hamburg. Zu den Gästen gehörten deshalb viele Produzenten und Regisseure. Einer dieser Herren hatte ein Auge auf meine Schwester geworfen und meinte, der Weg zu ihrem Herzen führe über den kleinen Bruder. Deshalb bot er mir eine Rolle als Komparse an.

Sie haben in knapp 80 Filmen mitgespielt. Warum sind Sie nicht bei der Schauspielerei geblieben? Als ich mit 17 Jahren den jungen Walter Kempowski im Fernsehzweiteiler „Tadellöser & Wolff“ spielte, dachte ich, dies sei ein schöner Moment aufzuhören. Das nachzuplappern, was andere ins Drehbuch geschrieben hatten, war auf Dauer nicht erfüllend. Ich übersiedelte mit 18 in die USA, machte einen Highschool-Abschluss und studierte Informatik in Oklahoma. Anschließend gründete ich in Hamburg ein IT-Unternehmen, das schnell sehr erfolgreich wurde.

Ein Foto von damals zeigt Sie mit einem bebrillten Nerd, der heute mit einem geschätzten Vermögen von 90 Milliarden Dollar der zweitreichste Mensch der Welt ist: Bill Gates. Heute könnte man sich dieses Bild im Silberrahmen auf den Kamin stellen, um anzugeben, aber offen gestanden hatte die Computerbranche in den Achtzigerjahren null Glamour. Der Name Bill Gates sagte nur wenigen Insidern etwas. Er flog damals mit einem Economy-Ticket nach Deutschland, um für Microsoft Kontakte zu knüpfen. Bei einem dieser Treffen lernten wir uns kennen. Einmal wollten wir in München zusammen die Computermesse „Systems“ besuchen, bekamen aber kein Hotelzimmer mehr. Am Ende wohnten wir in einer bayrischen Dorfpension. Ich weiß noch, dass ich ihm auf der Fahrt zur Messe die Schuppen vom Jackett gewischt habe.

1996 verkauften Sie Ihre IT-Firma, zwei Jahre später gründeten Sie mit dem Unternehmer Hans-Joachim Flebbe die Kinokette Cinemaxx. Warum sind Sie auch aus diesem Unternehmen wieder ausgestiegen? Ich wollte etwas auf die Beine stellen, das mein Herz happy macht. Auf Englisch gesagt: Bill went on to make more money, I followed my heart. Ich erwarb ein Schiff und reiste mit einer achtköpfigen Crew in tausend Tagen einmal um die Welt. Ich hatte zusammen mit dem Magazin „Stern“ bei Sponsoren das nötige Geld eingesammelt, um die versteckten Paradiese der Erde zu erkunden. Das Ziel der „Starship Millennium Voyage“ war es, den Menschen klarzumachen, wie bedroht diese Orte sind. Am Ende der dreijährigen Reise verkaufte ich die „Starship“ an den Hollywood-Schauspieler Gene Hackman und zog nach Kapstadt. Von dort aus erkundete ich Afrika und entdeckte meine Leidenschaft für die Wildlife-Fotografie. Ich war Autodidakt, aber meine Fotos erregten wegen ihres künstlerischen Blickwinkels Aufsehen.

Sie haben ein Dutzend Bildbände veröffentlicht. Was ließ Sie vor acht Jahren Organisator von personalisierten Luxusreisen werden? Ich war mal für ein paar Monate Hoteldirektor auf North Island …

… einer zu den Seychellen gehörenden Privatinsel mit Übernachtungspreisen, die bei rund 6.000 Euro losgehen. Dort lernte ich den Großgastronomen Stefan Breuer kennen. Er sagte: „Ich habe einen Helikopter in der Schweiz und eine Farm in Südafrika. Haben Sie Lust, für mich einen Hubschrauber-Trip von Ascona in den Kruger-Nationalpark zu organisieren und die Reise zu begleiten?“ Ich sagte ja und konnte Breuer überzeugen, dass es schöner wäre, von Hamburg nach Kapstadt zu reisen. Unser acht Wochen langer Heli-Trip sprach sich herum. Auf einmal gab es an die 30 Interessenten, die ähnliche Reisen mit mir machen wollten. Aus einer spleenigen Idee wurden eine Leidenschaft und ein Beruf.

Welche Gegenden in Afrika sollte man unbedingt gesehen haben? Meine Lieblingsregionen sind der Norden Kenias, der Norden Namibias und der Norden Tansanias.

Wir zeigen ein Foto, das Sie vor Kurzem in Bolivien aufgenommen haben. Was war das Motiv Ihrer Reise? Meine Kunden wollen die schönsten Plätze der Welt sehen, aber die ändern sich. Wo gestern noch Idylle war, steht heute ein Ferienresort mit Aqua-Park. Bolivien bietet Naturparadiese, die bei uns noch kaum jemand kennt.

Wer war in all den Jahren Ihr extravagantester Kunde? Das war ein junger Russe, der gemeinsam mit fünf Fluggeräten anreiste. Für den Flug von Moskau nach Botswana benutzte er seinen Gulfstream-Jet, für die Flüge von Camp zu Camp eine größere Propellermaschine, für Kurztrips stieg er einen Helikopter. Dazu kamen zwei kleinere Propellermaschinen. Mit der einen wurden die Musikgruppen zur Abendunterhaltung eingeflogen, die andere transportierte das Gepäck.

Können Sie auch billig? Nein, aber preiswert. Eine vierköpfige Familie war gerade zehn Tage mit uns in Namibia. Wir haben einen Preis von unter 5.000 Euro pro Person hinbekommen.

Wie viele Reisen begleiten Sie selbst? Wir organisieren knapp 60 Reisen im Jahr, bei acht bis zehn bin ich dabei.

Wenn Sie sich mal von der Seite betrachten: Macht es Ihnen nach acht Jahren noch Spaß, für verwöhnte Menschen das Mädchen für alles zu sein? Monatelang von Ihrer Lebensgefährtin getrennt? Es kommt auf die Dosierung an. 2015 war ich zehn Monate unterwegs. Das war zu viel. Als ich am 21. Dezember nach Hause kam, habe ich mich aufs Sofa gesetzt und drei Tage ins Nichts gestarrt. Overload! Mein Job ist, Gäste rund um die Uhr happy zu machen. Ich lebe dann ihr Leben, nicht meins. Wenn der letzte Gast ins Bett gegangen ist, bereite ich den nächsten Tag vor. Das kann schlauchen.

Was wäre die Grunderfahrung Ihres Lebens, wenn Sie sich auf eine festlegen müssten? Fehlende Zukunftsangst. Bevor die meisten Menschen eine Tür hinter sich schließen, muss schon eine andere offen sein. Ich bin einer, der die Tür zumacht und dann schaut, welche neuen Türen aufgehen.

 

IssueGG Magazine 04/18
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PhotographyMichael Poliza