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Der wilde Westen Europas by Ann Abel | 31. August 2018 | Travel

Der wilde Westen Europas Lange war dieser ungezähmte Landstrich an der portugiesischen Küste ein Geheimtipp: COMPORTA, südlich von Lissabon. Es riecht nach Pinien, auf Hütten liegt Stroh, auf den Wegen Sand. Störche und Flamingos leben ungestört neben Fischern und Bauern. Dazu kommen Kreative aus Lissabon und immer mehr Menschen mit großen Namen.

Es gibt eine Handvoll Orte auf der Welt, die gewissen Regeln der Ökonomie trotzen: In den 70ern waren es die Hamptons, dann St. Barth in den 80ern, José Ignacio und Troncoso in den frühen 2000er-Jahren. Solche Plätze suchen Leute auf, die über beträchtlichen Reichtum verfügen, um ein paar Tage so zu verbringen, als hätten sie so gut wie nichts. Dort tauschen Menschen, „die man kennt“, ihre Berlutis gegen Flipflops ein und hocken über billigem lokalen Bier mit wettergegerbten Fischern zusammen. Jeder kommt zu sich selbst, schaltet wirklich mal ab und hört für eine Weile auf, sich in Szene zu setzen. Dort nimmt jeder die Maske ab. Heute ist dieser Platz Comporta, eine Ansammlung portugiesischer Küstendörfer auf mehr als 12.500 Hektar, rund eineinhalb Autostunden südlich von Lissabon. „Die Hamptons von wo-auch-immer“ war lange Zeit die flapsige Kurzformel, aber Comporta ist das bevorzugte Wochenend-Getaway sowohl für Lissabons Elite als auch für andere europäische Prominente. Christian Louboutin, Jacques Grange, Philippe Starck und Anselm Kiefer zählen zu denjenigen, die hier Domizile besitzen – viele davon im traditionellen Cabana-Stil Comportas. Mit kleinem Fußabdruck in der Landschaft und strohgedeckten Dächern, auch die Wände sind mit Stroh verkleidet. Kein einziges Gebäude findet sich übrigens auf dem mehr als 12 Kilometer langen makellosen weißen Strand, auf dem nicht gebaut werden darf. Es ist einer der schönsten Europas. Mittlerweile werden auch Amerikaner auf die Gegend aufmerksam.

Bisher gibt es hier kein Geglitzer. Auch das größte der Dörfer – es heißt ebenfalls Comporta – sieht aus wie jede andere südportugiesische Ortschaft: kalkgeweißte Gebäude mit strahlend blauen Akzenten und Terrakottadächern, kleine Häuschen, schmale Gassen und Plätze, gesprenkelt mit roten Café-Sonnenschirmen, die für Sabres-Bier werben. So weit, so unauffällig – bis man in die Läden hineingeht. Da gibt es dann Geschäfte, die schöne Schals aus lokaler Herstellung für 200 Euro verkaufen und Kleider im Hippie-Chic für 800 Euro. Der bescheiden wirkende Minimarkt hat Kaviar auf Lager, rosafarbenes Himalaya-Salz, importierten Käse und Champagner. Bis vor ein paar Jahren waren die richtigen Freunde die einzige Möglichkeit, in Comporta unterzukommen, oder man fand eine private Villa zur Miete. Auch heute gibt es nur ein einziges Hotel, und das ist dankenswerterweise auf sublime Art komfortabel. Kein willkürlich gewähltes Attribut: „Sublime Comporta“ ist ein 2014 eröffnetes Refugium, das seinem Namen gerecht wird. Es steht auf 17 Hektar Land. Die waren ursprünglich im Privatbesitz einer prominenten portugiesischen Familie, jetzt finden sich hier 34 Zimmer und Suiten verteilt auf mehrere Gebäude: ein Haupthaus und eine Handvoll privater Cabana-Villen mit ebenso privaten Pools und einer zentralen Lodge. Die dient als Treffpunkt samt Designer-Boutique, Empfangsbereich und Bar. Deren Fenster zieren Zitate von Winston Churchill, Mark Twain und vom portugiesischen Dichter Fernando Pessoa, in denen es um die Freuden des Weins geht. Zum größten Teil ist das Gelände rau geblieben. Heimstatt für knorrige Korkeichen, Linienbäume und Wildblumen. Auch die Interieurs mit ihren natürlichen Materialien, den zurückgenommenen Farbschattierungen und raumhohen Fenstern betonen die Außenwelt. Die öffentlichen Räume und die Gästezimmer wurden von José Alberto Charrua und Miguel Câncio Martins gestaltet – bekannt durch die „Buddha Bar“ und das „Man Ray“ in Paris. Das Ambiente ist nicht luxuriös überschwänglich, doch es fehlt an nichts. Größere Villen mit zwei bis fünf Schlafzimmern sind im Bau.

Zu den Freuden Comportas gehört die Ausgehszene – oder, genauer gesagt, deren Fehlen. Zum Dinner laden die Leute neue Freunde in ihre Domizile ein. Für Hotelgäste ist das nicht so einfach, deswegen hat das „Sublime Comporta“ jüngst seinem Restaurant „Sem Porta“ („Ohne Tür“) in Zusammenarbeit mit einem Starkoch ein Update verpasst. Die Speisekarte ist vielfältig. Außerdem wurde ein knapp 1.500 Quadratmeter großer Garten angelegt, in dem 300 verschiedene Kräuter und Gemüse in Bioqualität angebaut werden. Der Satz „Vom Garten direkt auf den Tisch“ ist hier mehr als ein Klischee. Im Übrigen gehören auch Privat-Dinner zu den angedachten Neuerungen. Außerdem hat das Hotel gerade sein Spa von Grund auf in Form gebracht und sein Wellness-Programm ausgebaut. Aber: Man sucht Plätze wie Comporta nicht auf, um sich in einem Hotel zu verkriechen. Neben den endlosen Stränden strotzt die Gegend nur so von den Schönheiten des Alentejo: Korkeichen, Weinberge, glänzend grüne Reisfelder und immer mal wieder ein Storchennest. Hier im Auto unterwegs zu sein ist angenehm, doch eine Erkundung zu Pferd empfiehlt sich. Ein Ausritt über baumbestandene Hügel und Sanddünen und schließlich entlang des einsamen Strandes wird von „Cavalos na Areia“ organisiert. Der Chef des Unternehmens ist ein reizender Mensch – als mein Freund versucht, ihm seinen abgetragenen Gaucho-Hut aus Argentinien abzukaufen, besteht er darauf, ihn ihm zu schenken. Mein Pferd ist mit Feuer bei der Sache, aber ich habe von der Reiterei bald genug. Trotzdem gehe ich zu einem Lunch am Strand, wie man es nun einmal in Comporta macht. Vor dem Restaurant „Sal“ am Praia do Pego tragen die Kellner feinste einfache Gerichte auf – einen wunderbaren Oktopussalat und die zartesten Calamares, die ich jemals gegessen habe. Dazu gibt es einen exzellenten lokalen Rosé. Angeblich sind auch irgendwelche Prominente ganz in der Nähe. Doch mit den Füßen im Sand und verschmierten Fingern interessiert das hier wirklich keinen Menschen.

IssueGG Magazine 04/18
City/CountryComporta, Portugal
Photography