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Yes, Sir! by Martin Tschechne | 31. August 2018 | Offices

In den letzten fünf Jahren hat eins nach dem anderen eröffnet. In Amsterdam, Hamburg, Berlin und Ibiza, jetzt kommt Barcelona dazu: Die hippen Sir Hotels ziehen Kreative aus aller Welt an. Mit coolen Restaurants, zeitgemäßem Design und internationalem Flair. Jedes der Häuser erzählt seine eigene Geschichte.

Kommen Sie, sagt der Gastgeber. Sie müssen jetzt mal eines unserer Zimmer sehen! Springt auf von seinem Stuhl über dem Wasser des Hamburger Nikolaifleets, eilt durch die dunkel getäfelte, doch weit offene Bar, in der gerade Drinks für eine Party mit 300 Gästen kühl gestellt werden, und ist schon im Fahrstuhl. Hinauf in die dritte Etage, er öffnet eine Tür – Moment mal, hier wohnt doch jemand! Macht nichts, lacht Liran Wizman, der Erfinder und Unternehmer hinter der jungen „Sir“-Kette: Das sind meine Sachen. Hatte er nicht eigentlich die Erwartungen an die Hotelzimmer gedämpft? Nicht eben noch ein Konzept erläutert, bei dem Lobby und Lounge, die Räume für Begegnung, oder ein luxuriöses Abendessen zwar alle Annehmlichkeiten bieten – die Zimmer dafür aber etwas, nun ja, zurückhaltender angelegt seien? Von wegen! Holz, Marmor, flauschige Teppiche, der Raum großzügig geschnitten, junge Kunst an den Wänden. Hier eine Künstlerin aus Hamburg, erläutert Wizman, dort ein noch unbekanntes Talent aus Amsterdam. Eine voluminöse Designer-Badewanne steht frei im Raum, alles andere ist so zurückgenommen, diskret und komfortabel, wie auch weitgereiste Gäste es in einem sehr eleganten Hotel erwarten dürfen. Wizman scheint den Effekt zu kennen. Er strahlt: Wieder mal hat er einen Skeptiker von seiner Idee überzeugt. Das kann er: Erwartungen hochkitzeln und dann noch einen draufsetzen. Darin ist er Profi.

Gerade 42 Jahre alt ist er. Drahtig und flink, Bart und Strubbelhaar, Jeans und T-Shirt gekonnt lässig, weiße Sneakers und ein sehr schlank geschnittenes Jackett. So also sieht einer aus, der Unternehmen wie Grand City Hotels und Europe Hotels Private Collection begründet hat und leitet, der mehr als 120 Hotels in ganz Europa managt und Eigentümer ist von mehr als 50 Hotels in aller Welt. Einer, der Immobilen kauft, bestehende Häuser oder Büros, als spiele er Monopoly, der sie anderen Betreibern zur Nutzung überlässt oder selbst neue Hotels daraus entwickelt, ihnen eine frische, attraktive Identität gibt und sie zu Gruppen verknüpft. Gestern in Wien, heute Empfang und Party in Hamburg, morgen, wenn die Barkeeper noch die letzten Gläser spülen, nach Barcelona. Das Hamburger „Sir Nikolai“ ist Nummer vier in einer Reihe von bald sechs „Sir“-Hotels. Mit seinem japanisch-peruanischen Restaurant „Izakaya“ eröffnete es vor über einem Jahr. Es folgten „Sir Joan“ auf Ibiza und, ganz frisch, das „Omm“ in Barcelona, ein modernes Fünfsternehotel, aus dem nun auch ein „Sir“ werden soll. Die Zimmer gehen bei 285 Euro pro Nacht los, dem Mittelfeld der „Sir“-Preisspanne. Aber wie passt das zusammen? Das Haus am pulsierenden Passier de Gràcia und das in Hamburg – ein umgebautes, früher biederes Bürohaus in einer Straße, die zwar nur einen Steinwurf von der Speicherstadt, der HafenCity und der Elbphilharmonie entfernt liegt, aber doch auf einen gewartet zu haben scheint, der es, nun ja: wachküsst. Liran Wizman ist ein Prinz. Und wer versucht, seine so unterschiedlichen „Sir“-Hotels – es gibt noch zwei in Amsterdam und eins in Berlin – in einen Topf zu rühren, den macht er mit einem Lächeln, das bisher noch jeden Erfolg sichern konnte, auf einen Denkfehler aufmerksam: Wir reden hier von einem Prozess, sagt er, von einer Evolution. Die Identität der Marke entwickelt sich mit jeder Neugründung, die Ästhetik wird auch von den Orten beeinflusst, bis hin zu lokalen Produkten in der Minibar und Büchern lokaler Autoren im Regal. Jedes der Hotels bietet seit Kurzem neun spezielle Touren an, Sir Explore: So lässt sich etwa das Nachtleben mit Insidern erforschen. Angefangen hat Wizman als Jurist. Rechtsanwalt war er, zugelassen in seiner Heimatstadt Tel Aviv, aber schnell gelangweilt vom Tagesgeschäft. Dann schon lieber Business, speziell Immobilien. Er vermittelte und beriet, bald wechselte er die Seiten, stieg ein ins Geschäft, wurde Partner. Wurde groß. Bis eines Tages im Jahr 2006 dieses Hotel in Amsterdam zu haben war, gar nicht teuer, sagt er: ein kleines Haus für Touristen mit bescheidenem Budget, ein Bett 50 Euro die Nacht, das Ganze für drei Millionen. Dafür braucht man kein Konsortium aus fünf oder sechs Investoren, die man erst koordinieren muss.

Also griff Wizman zu. Und er entwickelte sein Markenzeichen, einfach, weil er den richtigen Schluss zog aus dem, was er so oft gesehen hatte: nette, angenehme Häuser mitten in der Stadt, aber morgens schließen die Gäste ihre Zimmer ab und gehen ihren Geschäften nach. Warum eigentlich, fragte er sich, warum sollte so ein Hotel nicht auch für die Menschen am Ort ein angenehmer Gastgeber sein? Wer sich einen damals gerade 30 Jahre alten Manager vorstellt, der gründete und gründete, der malt sich wohl eher nicht aus, dass da noch Luft nach oben ist. Lira Wizman aber drehte erst richtig auf – denn nun kam eine neue Leidenschaft ins Spiel: die für Kunst und Fashion, für Design und eine Küche, die den alten Spruch mit dem Tellerrand, über den es hinauszuschauen gilt, endlich mal ganz wörtlich nimmt. Wizman reiste und schloss neue Allianzen, tauschte sich aus mit Architekten und Designern, sprach mit Fusion-Köchen von Tokio bis Los Angeles und machte es sich zur Gewohnheit, an jedem Ort, den er besucht, erst einmal die Modeläden und Galerien abzuklappern. Er probierte, kombinierte und bündelte seine Ideen zu Marken – perfekt geführte Restaurants wie das „Izakaya“ oder „The Butcher“ in jeweils mehreren Städten, Hotels wie „Sir“ oder das weniger luxuriöse „Max Brown“, in dessen Berliner Haus am Ku’damm das Restaurant „Benedict“ 24 Stunden am Tag Frühstück serviert, texanisch, koreanisch oder israelisch. Falls Widman sein Hotel gerade inspiziert und dort so etwas wie Heimweh bekommt. Er selbst ist in Amsterdam hängen geblieben, seine Frau ist Holländerin. Die drei Kinder, elf, neun und drei Jahre alt, sehen ihren Vater häufiger, als es dem Berufsbild eines internationalen Managers entspricht. Weil er Wert darauf legt. Seine Mitarbeiter haben seltener das Vergnügen. Sie dürften sein Büro gern als Konferenzraum nutzen, bot er ihnen an. Er sei ja ohnehin kaum je dort. Eine Hotelfachschule? Hat er nie besucht. Was man braucht, das lernt man auch so. Ein Händchen für Design? Entwickelt sich, wenn man Freude daran hat. Das jüngste Projekt ist die X-Bank, ein 700-Quadratmeter-Laden für niederländische Kunst, Mode und junges Design gleich gegenüber Wizmans Hotel „W Amsterdam“. Tolle Sache, finden die Gäste. Könnte vielleicht bald auch in Berlin, Hamburg oder Barcelona funktionieren.

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