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Die Kunst der Harmonie by Eva Karcher | 23. November 2018 | Personalities

Als Innenarchitekt wird er weltweit gefeiert, als Immobilienentwickler und Kunsthändler ist er visionär. Zu den Kunden von Axel Vervoordt gehören Robert De Niro, Bill Gates und das belgische Königshaus. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen Söhnen hat der Vielbegabte ein globales Unternehmen geschaffen. Das jüngste Projekt: ein riesiges Kreativ-Areal in einem Vorort von Antwerpen, in dem Leben und Kunst verschmelzen.

Reine kosmische Macht! The Big Bang!Wenn Axel Vervoordt über den japanischen Maler Kazuo Shiraga spricht, wird seine tiefe Stimme eine deutliche Nuance schneller, das Blau der Augen strahlender: „Seine Arbeiten gehen zurück auf tiefste Meditation.“ Die Farben, sagt er, explodierten nur so auf der Leinwand. „Jedes Gemälde enthält für mich so etwas wie die Energie des Urknalls!“ Ein besonders prachtvolles Werk hat Vervoordt im Antwerpener Vorort Wijnegem aufgehängt. Hier, in einer ehemaligen Schnapsbrennerei gleich am Albert-Kanal, hat er ein Wohn-, Arbeits- und Kunstzentrum geschaffen, das seinesgleichen sucht – das Kanaal-Areal.

Es ist das jüngste Projekt von Axel Vervoordt, dem viel begabten und weltweit gefeierten Kunsthändler und Sammler, Designer und Innenarchitekten, Immobilienentwickler und Lebensphilosophen. Die Kreativität des Belgiers kennt keine Grenzen. Das Wort Dekorateur, auf seine Person angewandt, verabscheut er, „Künstler“ dagegen hört er nicht ungern. Innerhalb der letzten fünf Jahrzehnte baute er – Sohn eines Händlers von Rennpferden, 1947 in Antwerpen geboren – ein global erfolgreiches Imperium auf; zunächst mit seiner Frau May, seit den frühen 90er-Jahren auch mit den Söhnen Boris und Dick. Die Einzigartigkeit seines Gesamtkunstwerks beschreibt er lapidar: „Es muss sich anfühlen, als ob es schon immer da war. Dann stimmt es.“ Eine Atmosphäre erlesener Einfachheit inszenieren zu können, machte Vervoordt zum Design-Guru. Zu seinen Kunden gehören das belgische Königshaus, die Popstars Kanye West und Sting, Filmschauspieler Robert De Niro, Modedesigner Calvin Klein oder Microsoft-Gründer Bill Gates. Solche Leute sehnten sich, genau wie er, nach Substanz, erklärt Vervoordt seinen Erfolg: „Sie suchen das Ursprüngliche hinter dem schillernden Schein, von dem sie umgeben sind. Sie wollen sich in Harmonie fühlen.“ Der Weg dorthin führe über eine Besinnung auf die je ureigenen Bedürfnisse.

Heiteres Lächeln: „Sei offen für deine Intuition!Diese Offenheit war es, die ihn schon als Kind zu unscheinbaren und bescheidenen Dingen hinzog: „Mich hat die Schönheit des Unvollkommenen immer berührt. Schönheit ist so flüchtig wie das Leben selbst.“ Seine lebenslange Liebe zur Vergangenheit, gepaart mit seinem Bewusstsein für Vergänglichkeit, seine Leidenschaft für die Ästhetik von Patina, die Spuren des Alterns in Kultur und Natur sind der Kern seines Schaffens. Für Robert De Niros Penthouse in dessen New Yorker Hotel „Greenwich“ etwa verwendete er Steine und Hölzer aus dem Landhausgarten des Schauspielers, verputzte die Wände mit New Yorker Lehm und baute Decken aus alten Tischplatten ein. Im Wohnzimmer kombinierte er selbst entworfene, naturfarbene Polstermöbel zu einem antiken Sofatisch aus Kastanienholz und im Bad installierte er einen Trog aus dem 17. Jahrhundert als Wanne. „Die Vergangenheit ist in die Gegenwart eingeschrieben. Ich nehme ihre Essenz und multipliziere sie mit etwas Aktuellem.“ So hat er es immer gemacht. Hat als Junge verwitterte Steine gesammelt und etwas später seiner Mutter, die er Mani nannte, zugesehen, wie sie alte Häuser in Antwerpen kaufte und renovierte. Mani war es auch, die ihm, dem damals 21-Jährigen, den Tipp für seine erste eigene Immobilie gab. „Es waren 14 zum Teil ruinenhafte Häuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert im Vlaeykensgang, der Altstadtgasse hinter dem Dom. Mein Vater lieh mir das Geld, und so kaufte ich sie an Ostern 1969.“ Zusammen mit seiner Mutter sanierte er die Gehöfte. Schließlich zog er mit seiner jungen Familie in eines der Häuser ein. Es wurde gleichzeitig zum ersten Showroom für die Antiquitäten und Möbel, mit denen er damals handelte. Denn Axel Vervoordt lud die Kunden nach Hause ein. „So konnte ich ihnen meine Welt am besten zeigen.“

Sein Geschäftsmodell, Kunst und Leben zu verbinden, war in den Siebzigerjahren, als man Kunst ausschließlich an den weißen Wänden von Galerien zeigte, höchst ungewöhnlich. Als Händler mischte er von Anfang an Antiquitäten der westlichen wie der östlichen Geografie, fügte Antike und Gegenwart zusammen und Stile von Barock bis Minimalismus. Kombinierte etwa einen Marmorkopf des griechischen Götterboten Hermes aus dem 1. Jh. v. Chr. mit Buddha-Skulpturen, Möbeln französischer Designer der 1950er-Jahre und Gemälden des belgischen abstrakten Künstlers Jef Verheyen. „Er wurde mein Lehrmeister und engster Freund.“ Durch ihn entdeckte Vervoordt die deutsche Nachkriegsbewegung ZERO – Künstler wie Otto Piene, Heinz Mack und vor allem Günther Uecker, der später ebenfalls ein Freund wurde – und ihr „Konzept der Leere. Sie begannen am Nullpunkt“.

1973 hatte Vervoordt seine Frau May geheiratet; ein Jahr später wurde Sohn Boris geboren, 1977 kam Dick zur Welt. 1984 machte Vervoordt das bis dahin größte Geschäft seines Lebens. Zusammen mit einer Freundin ersteigerte er in der Amsterdamer Niederlassung des Auktionshauses Christie’s über 7.500 Stücke von blauem und weißem Ming-Porzellan aus den Jahren um 1640, die in einem Schiffswrack entdeckt worden waren. Vervoordt verkaufte die meisten der matt schimmernden Vasen, Teller, Tassen, Schalen und Schüsseln kurz darauf mit riesigem Gewinn. Einige der filigranen Kostbarkeiten stehen heute im China-Zimmer seines mittelalterlichen Schlosses, dem kasteel van ’s-Gravenwezel nordöstlich von Antwerpen. Vervoordt kaufte es 1984. Nur 20 Autominuten vom Stadtzentrum entfernt, wurde es der Hauptwohnsitz der Familie. „Aus diesen Tassen trinken wir mit unseren Gästen Tee“, erzählt der Hausherr tiefenentspannt. Nicht zuletzt jenem Deal verdankt er, dass er das restaurierungsbedürftige Anwesen und seinen prachtvollen 70 Hektar großen Park erwerben und nach und nach sanieren konnte.

Und nun Kanaal. 1999 kaufte Vervoordt das riesige Fabrikgelände aus dem späten 19. Jahrhundert, größer als drei Fußballfelder, das seit bald 150 Jahren stilllag. Kurz zuvor hatte er die Söhne Boris und Dick in sein Unternehmen eingebunden. Der ältere verantwortet das Galerie- und Antiquitätenbusiness, fliegt zu Kunden und managt die Home Collection seines Vaters. Dick kümmert sich zusammen mit seiner Frau Marleen um die Entwicklung der Immobilien. Auch privat ist der Clan unzertrennlich. Boris wohnt mit seinem Ehemann, dem Schriftsteller Michael Gardner, in einem der Häuser im Vlaeykensgang, die sein Vater einst restaurierte. Und Dick und Marleen leben mit ihren Kindern auf dem Gelände des Vervoordt’schen Schlosses in einem umgebauten Bauernhof. Mit Kanaal verwirklichte die Familie Vervoordts Traum, ein Kreativviertel zu etablieren, in dem Architektur, Kunst und Natur, Arbeit und Freizeit verschmelzen. „Wir haben gemacht, was wir immer machen“, sagt Boris, als wir das Areal betreten: „Das Erbe der historischen Architektur zu bewahren und es durch zeitgenössische Bauten neu zu definieren. Wir entdecken, damit andere wiederentdecken können.“ Wie bereits früher schon arbeitete die Familie auch für das Kanaal-Projekt mit dem in Brüssel lebenden japanischen Architekten Tatsuro Miki, einem Freund der Familie. Es dauerte zwölf Jahre, bis alles fertig war. Die Kosten: 100 Millionen Euro.

Die Investition scheint sich zu lohnen, 98 Apartments wurden bereits verkauft, nur wenige sind noch zu haben. Auf schmalen, von Rasen, Beeten und jungen Bäumen gesäumten Wegen gehen wir an hohen zylinderförmigen Betonsilos entlang, in denen einst das Getreide gelagert wurde. Und weiter am Kanal mit seinen Schleppkähnen vorbei zu ehemaligen Werkshallen aus Stahl und roten Ziegeln. Hier wie in einigen Silos befinden sich Apartments und Lofts, außerdem die Arbeitsräume und eine Kantine für das Team aus über 100 Ein- und Verkäufern, Produktdesignern, Innenarchitekten, Restauratoren und Handwerkern, die am Firmensitz für die Familie arbeiten. Es gibt ein Restaurant, einen Bio-Supermarkt und eine Bäckerei für die Anwohner: Dieses Refugium lässt keine Wünsche offen. Doch erst im Inneren offenbart sich die Kühnheit des jüngsten Vervoordt-Universums. Die gusseiserne Industriearchitektur mit ihren Stahlträgern und steil-schroffen Treppen sollte bewahrt werden, gleichzeitig sollten Hallen für Wechselausstellungen und weitläufige Showrooms für die privaten Kunden integriert werden. Sie spiegeln Vervoordts kenntnisreichen Eklektizismus wider, so wenn er ein kraftvolles Gemälde des japanischen Künstlers Tsuyoshi Maekawa mit einem von ihm selbst entworfenen Tisch arrangiert und Stühlen des Schweizer Architekten Pierre Jeanneret. „Ich liebe die Spannung zwischen verschiedenen Objekten und Kulturen.“

Die größte Herausforderung für Vervoordt war es, eine von der japanischen Wabi-Sabi-Philosophie inspirierte Raumanlage für die Kunstsammlung zu entwerfen, die er und seine Frau May 2008 in eine Stiftung eingebracht hatten. Zu den vielen Schätzen zählen eine Lichtplastik von Otto Piene, Gemälde von Lucio Fontana und Antoni Tàpies oder ein Heilstein von Marina Abramovic. „Wabi bedeutet, zur Essenz der Dinge und zur Natur zurückzukehren“, sagt Vervoordt. Er führt uns zu einer monumentalen Säulenhalle aus 23 massiven Betonpfeilern mit kegelförmigen Kapitellen. „Das ist mein Heiligtum, mein Karnak.“ (Anmerkung der Redaktion: die größte Tempelanlage Ägyptens im Dorf Karnak). Im geheimnisvollen Halbdunkel erkennen wir Torsos von Buddha-Skulpturen. „Aus der thailändischen Mon-Dvaravati-Kultur. Sie entstanden im 7. und 8. Jahrhundert, die Künstler waren indische Buddhisten, die im Norden Thailands Zuflucht suchten.“

Gemeinsam wandern wir nun ins Dunkel intimer Kabinette, die hinter schweren Türen zu beiden Seiten eines schmalen Gangs in den Silos liegen. Eine mentale Reise durch Kulturen und Zeiten beginnt, und mit jedem Werk kristallisiert sich das kreative Prinzip der Fülle in der Leere und des alterslosen Alterns klarer heraus, das für Vervoordt die Quelle seines Denkens, Handelns und Fühlens ist. Wie Reliquien sind einige Arbeiten beleuchtet, etwa der Lohan-Buddha aus lackiertem Holz, gefertigt im 12./13. Jahrhundert. „Den Körper der Leere“ entdeckte Axel Vervoordt im Werk des britischen Bildhauers Anish Kapoor, dessen atemberaubende fünf Meter hohe Kuppelskulptur mit einem Durchmesser von acht Metern bereits 2000 in der ehemaligen Malzdarre, einem halbrunden Gebäude, installiert wurde. Wer unter dem gewölbten, mit karminrotem Pigment ausgemalten Dach steht, für den scheinen sich Raum und Zeit, Innen und Außen ebenso wie das eigene Ego in einer Erfahrung von Unendlichkeit aufzulösen. Es ist beinahe müßig, Vervoordt zu fragen, ob er meditiert: „Ja, seit vielen Jahren. Dreimal die Woche.“

Beim Mittagessen treffen wir die hinreißende May Vervoordt, die „Mutter der Kompanie“, wie sie sich vorstellt. Sie berät Kunden und kümmert sich um die Details, „die ein Haus zum Heim machen“, die Stoffe, Kerzen, Blumen, das Porzellan, die Tischdekoration, das Essen. „Einmal saßen wir wie heute zusammen“, erzählt sie, „und fragten uns: Was genau ist die Identität unseres Unternehmens? Jeder sollte dies für sich aufschreiben. Als wir einander die Zettel zeigten, hatten alle das Gleiche notiert: creating harmony.“ Harmonie entwerfen. Ist das die Mission einer glücklichen Familie? „Wir sind eine glückliche Familie“, stimmt ihr Mann zu. „Nicht, weil wir glücklich geboren wurden, sondern weil wir unser Glück immer wieder aufs Neue wählen.“

IssueGG Magazine 01/19
City/CountryAntwerp, Belgium
PhotographyMark Seelen