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Dior by Eva Müller-May | 23. November 2018 | Personalities

Das Haus Dior ist der Inbegriff der Haute Couture, seit über 70 Jahren. Der Gründer, Christian Dior, hat die Modewelt verändert wie kein anderer Designer. Mit immer neuen Silhouetten setzte er Frauen und ihren Körpern Denkmäler, schuf Kunstwerke aus Tüll und Seide. Seine Nachfolger führen sein Erbe fort. Nun zeigt ein Bildband die einzigartigen Dior- Entwürfe von 1947 bis heute – Seite für Seite ein sinnliches Fest.

Schlange stehen? Das ist normal bei Fashion Shows in Paris. Aber eine ähnliche Situation vor einem Buchladen? Das passiert wohl nur, wenn das legendäre Couture-Haus Christian Dior und der gefeierte Fotograf Paolo Roversi ein Buch präsentieren: „Dior Images Paolo Roversi“ heißt der Bildband. Darin versammelt sind einzigartige Kleider aus den Jahren 1947 bis 2017, eine fulminante Retrospektive auf rund 170 Seiten.

Haute Couture, die hohe Schneiderkunst, ist ein geschützter Begriff, und es gibt sie nur in Paris. Wie der Champagner eben nur aus der gleichnamigen Region stammen kann. Wann ein Modehaus zur Haute Couture gehört, entscheidet seit 1868 der Verband „Chambre Syndicale de la Haute Couture Française“. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in Paris rund 200 Couture-Häuser. Heute sind es nur noch 14 Vollmitglieder. Zweimal im Jahr werden in der Hauptstadt der Mode die textilen Kunstwerke gezeigt, handgefertigt in unzähligen Arbeitsstunden; jedes Kleid ein Unikat. Und berechtigt sündhaft teuer: Zehntausende und auch Hunderttausende Euro kann ein solches Kleid kosten. Käuferinnen sind rar. Heute verleihen die Couture-Häuser ihre Roben gern an Stars für den mediatisierten großen Auftritt auf den Red Carpets dieser Welt. Besonders mittels sozialer Medien wird die Haute Couture als imagebildende und werbewirksame Plattform genutzt. Die Schauen sind kostspielige Superevents mit spektakulären Inszenierungen. Mit dem einen Ziel, dass sie – obwohl kurzlebig – im Gedächtnis haften bleiben.

Mit den geposteten Bildern, die weltweit millionenfach angeklickt werden, kann die Haute Couture, die zuvor sehr wenigen Privilegierten vorbehalten war, von einem breiten Publikum unmittelbar miterlebt werden. Der nun erschienene Bildband, zu dem der italienische Philosoph Emanuele Coccia das Vorwort geschrieben hat, wirkt in diesem Zusammenhang geradezu archaisch. Aber Paolo Roversi ist ein bekennender Büchernarr. „Eine Wohnung ohne Bücher ist schlimmer, als hätte sie keine Fenster“, so sein Credo. Dabei ist sein Studio im 14. Arrondissement von Paris ganz minimalistisch. Kahle Wände, Parkettboden, eine kleine Bühne. Als Hintergrund ein weißes Leinentuch, das Falten wirft, wie alte Meister sie gern malten. „Auf der Straße zu fotografieren, bedeutet mit Grenzen zu arbeiten. Im Studio kann alles passieren“, erklärt der Fotograf seine Affinität für Studiofotografie. Er arbeitet exklusiv mit einer 20 x 25-Polaroidkamera. Perfektioniert die Unschärfe. Eine Technik, die nicht mehr zeitgemäß erscheinen mag, aber mit der ihm geradezu mystische fotografische Werke gelingen. Wie ein Haute-Couture-Kleid ist jedes seiner Polaroids ein Einzelstück.

Roversis Stil ist unverwechselbar. Nachhaltig. Und damit zeitlos. „Meine Fotografie ist eher Subtraktion als Addition. Beim Weglassen von Überflüssigem bekommt die innere Schönheit der Models Raum und sie zeigen ihre Seele.“ Fotomodelle sind für Roversi keine Kleiderständer, sondern Künstlerinnen. Ob er Mode, Menschen oder Landschaften fotografiert, er sei, sagt er, immer ein Porträtfotograf: „Ich tauche in jedes Thema ein, versuche es zu durchdringen. Ich bemühe mich, eher etwas zu enthüllen, als nur eine Realität abzubilden.“ Seine seelenvollen Bilder sind auch für Werbekampagnen sehr gefragt. Geboren wurde Paolo Roversi im Jahr 1947 in der norditalienischen Stadt Ravenna. Es war das Jahr, als Christian Dior seine erste Haute-Couture-Kollektion vorstellte: in der Avenue Montaigne in Paris, in den Salons des Townhouses mit der Hausnummer 30, unter Modeleuten seither ein legendärer Ort. Die Ressourcen waren damals, so kurz nach dem Ende des Krieges, noch knapp. Aber der Couturier ging verschwenderisch mit Stoffen um. Er erschuf eine Silhouette, die Abkehr vom düsteren uniformen Stil jener Zeit einläutete und als „New Look“ die gesamte Welt elektrisierte: helle Farben, blütenförmig, runde Schultern, schmale Taillen, üppige wadenlange Röcke, Tüll – die Mode war auf einmal wieder feminin. Und Christian Dior mit einem Schlag weltberühmt. Der Designer, der Politikwissenschaften studiert hatte, Kunstgalerist gewesen war und eigentlich Architekt werden wollte, war nicht nur äußerst kreativ, er hatte auch Sinn fürs Geschäftliche. Und so wechselten im Halbjahresrhythmus die Formen: Zig-Zag- und Tulpenform, die H-, A- und Y-Linien. Und natürlich die dazu passenden Accessoires. Was die Dame im Frühjahr trug, das wurde im Herbst ins Gegenteil verkehrt.

Mit Christian Dior begann das hohe Tempo in der Modebranche. Er gründete 1949 die Prêt-à-Porter-Linie und beschäftigte in 28 Ateliers knapp tausend Angestellte. Seine Haute-Couture-Kreationen waren Synonym für allergrößten Luxus. Als Soraya 1951 den Schah von Persien heiratete, trug sie ein Dior-Kleid aus 37 Metern Silber-Lamé, besetzt mit 20.000 Federn und 6.000 Pailletten. Hollywoodstars wie Marlene Dietrich und Rita Hayworth oder die Herzogin von Windsor folgten Diors modischen Diktaten als treue Kundinnen.

1957, zehn kurze Jahre nach seinem furiosen Start als Designer, starb Christian Dior an einem Herzinfarkt während der Ferien. Nur 52 Jahre war er alt geworden – hatte aber die Modewelt für immer verändert und das Fundament für ein weltweites Imperium gelegt. Erst wenige Monate vorher hatte er das Cover des „Time“-Magazins geziert. Die trauernden Pariser verwandelten die Gegend um den Triumphbogen in ein Blumenmeer. Seit 1991 ist das Unternehmen Dior börsennotiert, bis heute ist die Marke eine der wichtigsten im Luxusbereich. Der Marktwert lag 2018 laut „Forbes“-Liste bei 76,4 Milliarden US-Dollar. 70 Jahre alt wurde das Haus Dior im vergangenen Jahr. Das Musée des Arts Décoratifs nahm das Jubiläum zum Anlass, das Modeunternehmen mit einer halbjährigen Riesenausstellung zu feiern.

In den 60 Jahren nach Christian Diors Tod folgten sechs Couturiers, die sein Werk fortführten. Jeder interpretierte die stilistische Grammatik Diors im Kontext der jeweiligen Epoche: Yves Saint Laurent war der Avantgardist. Marc Bohan der Klassiker. Gianfranco Ferré der Architekt. John Galliano der Exzentriker. Raf Simons der Minimalist. Seit zwei Jahren ist nun erstmals eine Frau Chefdesignerin: Maria Grazia Chiuri. Sie setzte mit ihrer ersten Kollektion ein klares Statement: „Let’s all be feminists“, stand da in großen Lettern auf einem Oberteil.

Die letzten vier Couturiers kannte Paolo Roversi persönlich. Er lichtete ihre Kreationen seit den 1990ern mit Top-Models wie Naomi Campbell oder Nadja Auermann für internationale Hochglanzmagazine ab, besonders für die französische und die italienische „Vogue“. Eine Auswahl seiner Porträts ist im Buch zu sehen. Aber er fotografierte für das Projekt auch exklusiv Haute Couture aus dem Dior-Heritage-Archiv: entworfen von Saint Laurent, Bohan und vom großen Dior selbst.

Das Archiv ist das Gedächtnis des Hauses. Seit über 30 Jahren ist Chefkuratorin Soizic Pfaff die Wächterin über die fragilen Roben, Hüte, Schuhe und Schmuckstücke, über Zeichnungen, Stoffproben und Auftragsbücher. Seit Ende 2017 lagert dieses Dior-Erbe an einem geheimen Ort, nicht zugänglich für die Öffentlichkeit. Unter der Erde in einem Hinterhof der Avenue Montaigne verstecken sich supermoderne, hochtechnisierte 900 Quadratmeter. Auf 18 bis 20 Grad gekühlt, bei einer Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent: das ideale Klima für die Konservierung. Jedes der über 10.000 Teile liegt in Schichten aus Seidenpapier in Kartons im Dior-Grau. Die Mitarbeiter tragen weiße Kittel und Handschuhe.

Dieses aseptische Fort Knox der Mode verlassen die textilen Schätze nur für Ausstellungen, für Recherchen der Designabteilung – oder eben für Bildbände. Paolo Roversi erinnert sich an das Shooting in seinem Studio: „Da nahmen Leute Kleidungsstücke aus Schachteln und sagten: ,Hier ist ein Modell von 1948/49.‘“ Für ihn sei es unglaublich gewesen, wie modern diese Kleider noch sind, sagt er. „Das war überraschend und sehr bewegend.“

IssueGG Magazine 01/19
City/CountryParis, France
PhotographyPaolo Roversi