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Ein Stern für den Star by Marzia Nicolini | 8. März 2019 | Personalities

Drei Monate lang saß sie täglich auf einem Stuhl im New Yorker Museum of Modern Art, um jeweils einem Menschen in die Augen zu blicken; Tausende kamen, viele weinten. Diese intime Performance machte Marina Abramović, geboren in Belgrad, im Jahr 2010 weltbekannt – nach vielen Jahrzehnten radikaler Arbeit war die Künstlerin nun ein Superstar. Sie schont sich bis heute nicht, lotet die Grenzen von Körper und Geist aus. Zur Ruhe kommt sie in ihrem Anwesen in Upstate New York, einem Haus, das so eigenwillig ist wie sie selbst: Sein Grundriss ist ein sechszackiger Stern. Ihre Arbeitswelt hat sie ausquartiert in eine Scheune.

Marina Abramović ist durch ihre Arbeit eine mehr als öffentliche Person, seit vielen Jahrzehnten schon. Umso privater sind ihre eigenen vier Wände. Die 72-jährige Performance-Künstlerin hat eine Vorliebe für schlichte Gestaltung: funktionale Objekte, einfaches Mobiliar und eine meditative, reduzierte Ästhetik. Sie schätzt es, mit der Natur in Kontakt zu sein – und mit spirituellen Schwingungen, die von Orten oder Bauten ausgehen können. Ihr Zuhause spiegelt ihren Charakter. Es ist bekannt als „Star House“ – den Namen verdankt es seinem sechsfach gezackten Grundriss.

Das Haus liegt im winzigen Ort Malden Bridge im Bundesstaat New York. Hier war es über Jahre der Ladenhüter des Immobilienmarkts, möglicherweise weil es fast jedem zu avantgardistisch vorkam. Doch dann entdeckte Abramovic sein Potenzial. „Ich bin in einem kommunistischen Land aufgewachsen“, hat sie einmal erklärt. „Also ist der Stern für mich ein ausdrucksstarkes Symbol. Er ist auf meiner Geburtsurkunde, er war in allen meinen Schulbüchern. Es kostete mich etwa 30 Sekunden, bis ich mich zum Kauf des ,Star House‘ entschieden hatte.“

Knapp drei Autostunden nördlich von Manhattan ist ihr Refugium von mehreren Hektar umgeben: Wiesen und Gehölz, alles durchzogen von einem Fluss. Das Örtchen Malden Bridge gehört zur kleinen Gemeinde Chatham mit ihren Farmen und historischen Wohnhäusern. Jenseits des Hudson River liegen die Catskill Mountains und die Stadt Woodstock. Diese Gegend ist nicht nur für ihre Naturschönheiten berühmt, sie bietet eine reiche Kultur- und Kunstgeschichte, an jeder Ecke gibt es einen Antiquitätenladen. Abramovic liebt es, auf ihrer Fahrt von Manhattan zu stoppen und einzigartige Möbel- und Dekostücke zu entdecken.

„Es kostete mich etwa 30 Sekunden, bis ich mich entschieden hatte, das ,Star House‘ zu kaufen.“

MARINA ABRAMOVIĆ

Als sie das Anwesen 2007 erwarb, waren die Mauern mit Wandmalereien bedeckt; die Böden bestanden aus faserigem Gelbkieferholz, das sie abscheulich fand. In ihrem Bestreben, das Gebäude für sich passend zu machen, kontaktierte sie den New Yorker Architekten Dennis Wedlick, der das Haus mit seinen 316 Qua­dratmetern Wohnfläche in den 90ern entworfen hatte. Abramovic´, bekannt dafür, unverzagt loszulegen, hinterließ Wedlick eine Nachricht: „Hier ist Marina. Ich habe gerade das ,Star House‘ gekauft, morgen kommt ein Sofa an, und ich brauche Sie hier.“ Die Partnerschaft entpuppte sich als himmlische Verbindung: „Ich verliebte mich total in sie“, erzählte Wedlick der „New York Times“. „Sie hat die allernatürlichste Persönlichkeit für jemanden, der so außergewöhnliche, kontroverse Arbeiten schafft.“ Mit Details halte sie sich nicht auf. „Sie erzählt dir nur von ein oder zwei Ideen. Sie ändert niemals ihre Meinung: Sie fasst einen Entschluss und geht dann über zum nächsten Punkt.“ Ihrem Wunsch nach Reduktion folgend ließ Wedlick Decken und Wände weiß streichen. Die Säulen wurden von den Eingängen entfernt, auch die ringförmige Auffahrt kam weg. Was übrig blieb, ist eine Sphäre frei von überflüssigem Kleinkram, von Grund auf nüchtern und still. Die weiträumigen, lichtdurchfluteten Zimmer beherbergen sorgsam ausgewählte Möbelstücke. Dazu gehören ein Sofa von Patricia Urquiola, ein Cappellini-Tisch und verschiedene Objekte von Achille Castiglioni, Jasper Morrison und Isamu Noguchi. In ihrer Arbeit exponiert sich Abramovic wie kaum jemand sonst. Umso wichtiger wird ihre häusliche Kulisse, sie dient einer Art von Katharsis und Selbstbegegnung. „Das Haus hat eine unglaublich friedvolle Energie. Es ist der Ort, um zu proben, auszuruhen und zwischen zwei Projekten nachzudenken“, hat die Künstlerin es mal beschrieben.

Alles mit direktem Bezug zum Arbeitsleben wird aus ihrer Wohnsphäre ferngehalten, ausquartiert in eine leuchtend rote Scheune. „Ich habe zwei Hallen auf meinem Grundstück, die angefüllt sind mit Requisiten meiner Shows und meines Lebens.“ Die Japaner hielten es mit Erfolg so: Da hätten alle große Lagerräume und veränderten ständig ihre Umgebung; eine Vase würde im Winter hervorgeholt, eine andere im Sommer. Ihre Wände sind frei von Kunstwerken. „Ich mag keine Gemälde an der Wand. Ich bin eine Künstlerin und brauche die weiße Fläche beim Nachdenken“, sagte sei einmal. Farbe verschafft sich immerhin Zutritt, ob in Form einer orangefarbenen Ruheliege „Djinn“ von Olivier Mourgue aus dem Jahr 1965, als ein rotes Sofa „Suzanne“ von Kazuhide Takahama aus demselben Jahr oder als kobaltblaue Bouloum-Chaiselongue von 1969.

„Das Haus hat eine sehr friedvolle Energie. Es ist der Ort, um zwischen zwei Projekten nachzudenken.“

MARINA ABRAMOVIĆ

Wann immer sich Abramovic nach Malden Bridge aufmacht (die Hälfte ihrer Zeit verbringt sie im „Star House“, die andere Hälfte in einem Loft in SoHo), geht es ihr im Wesentlichen um Entschleunigung. Sie bleibt am liebsten zu Hause und lädt Freunde ein, sie zu besuchen. Falls sie mal ausgeht, bevorzugt sie Verkaufsstände lokaler Farmen, das Crandell-Kino in Chatham, das „Bartlett House“ in Ghent und die „Basilica Hudson“ in Hudson.

Abramovic nutzt ihr Haus außerdem als zeitweiliges Ausweichquartier für das Marina Abramovic Institute (MAI), da dieses zurzeit ohne ständige Niederlassung auskommen muss – finanzielle Engpässe zwangen ihr Team, Abstand von den ursprünglichen Plänen zu nehmen, ein altes Theatergebäude in der nahe gelegenen Stadt Hudson zu beziehen. Auf ihrem Grundstück organisiert Abramovic Workshops, die „bewusstseinssteigernde Übungen“ umfassen, inklusive Zeitlupenspaziergänge, dem Sitzen im Wald mit Augenbinde, Reiskörnerzählen und Meditation in einer Kristallhöhle – eindringliche Erlebnisse, die darauf angelegt sind, Gewissheiten und Wahrnehmungen der Teilnehmer zu verändern.

Seit ihren ersten Performances in den 70er-Jahren hat Marina Abramovic stets versucht, Grenzen zu verschieben, indem sie über eigene Limits und Überzeugungen hinausging. Anlässlich ihres 70. Geburtstags, den sie vor zwei Jahren im New Yorker Guggenheim Museum mit einer großen Party feierte, stellte die Künstlerin eine neue Autobiografie vor: „Durch Mauern gehen“. Darin reflektiert sie über diese spannenden und oft so herausfordernden Abenteuer. Und die Künstlerin selbst bringt es am besten auf den Punkt: „Meine Arbeit ist mein Leben.“

IssueGG Magazin 02/19
City/CountryMalden Bridge, NY, USA
PhotographyReto Guntil/Living Inside