Diese Website benutzt Cookies. Durch die weitere Benutzung dieser Website stimmen Sie der Benutzung von Cookies zu.
X
Filter View All PersonalitiesTravelOfficesPrime Properties
E-MagazineGG AbonnementAboutImpressumDatenschutz

Stimme der Frauen by Steffi Kammerer | 8. März 2019 | Personalities

Sie ist die mächtigste Fürsprecherin von Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt: Melinda Gates. Eine gläubige Katholikin, die sich mit dem Vatikan anlegt, dreifache Mutter und zupackende Helferin. Die Powerfrau der Philanthropie kann Riesensummen lockermachen – das tut sie, nachdem sie Daten analysiert und sehr viele Fragen gestellt hat. Oft am anderen Ende der Welt.

Die Entscheidung ihres Lebens traf sie mit 23 Jahren. Melinda French hatte eine Zusage des IT-Riesen IBM; nicht mal ihren Heimatstaat Texas hätte die junge Informatikerin verlassen müssen, der Job wäre in Dallas gewesen. Sie aber entschied sich für das Wagnis. Nahm das Angebot von Microsoft an, dem ehrgeizigen Newcomer von der Westküste. 1987 war das. Ein paar Monate später lernte sie Bill Gates kennen, den damals 32-jährigen Unternehmensgründer und CEO, bei einem Verkaufs-Event in New York. Eine Woche drauf traf er sie auf dem Firmenparkplatz wieder, fragte, ob sie mit ihm ausgehen wolle: am Samstag in zwei Wochen. So weit plane sie nicht voraus, ließ sie ihn freundlich abblitzen, sie lebe etwas spontaner. Am gleichen Abend rief er sie an. Ob es jetzt passe? So wurden sie ein Paar.

Sieben Jahre später heirateten sie streng abgeschirmt auf Hawaii. Als eine der frühen Microsoft-Mitarbeiter war Melinda zu diesem Zeitpunkt bereits selbst Millionärin. „Sehr jung bin ich es geworden, bevor ich 26 Jahre alt war“, hat sie mal erzählt. „Ich hatte, was ich brauchte, um ein großartiges Leben zu führen, wen auch immer ich heirate. Das hat mir damals Stärke gegeben.“ Ein Jahr später war Bill der reichste Mensch der Welt und Melinda schwanger. Ihren Job als Produktmanagerin bei Microsoft gab sie auf, um sich den Kindern zu widmen. Jennifer kam 1996 zur Welt, Sohn Rory 1999, Tochter Phoebe 2002.

Aber Melinda Gates wollte mehr sein als Mutter privilegierter Kinder. Schon in ihrer Abschlussrede von der Highschool – einer katholischen Mädchenschule, die sie als Jahrgangsbeste verließ – hatte sie gesagt: „Wer Erfolg hat, verdankt dies immer auch anderen. Diese Schuld gleicht man nur aus, indem man seinerseits hilft – so wie einem selbst geholfen wurde.“ Als sie heranwuchs, war es selbstverständlich gewesen, dass sie zu Hause anpackte. Ihre Eltern – der Vater war Ingenieur, die Mutter Hausfrau – vermieteten nebenbei Wohnungen, um den Kindern das College ermöglichen zu können. Melinda putzte Böden und kümmerte sich um die Buchhaltung.

Im Herbst 1993 waren sie und Bill einige Wochen durch Afrika gereist. Seit Kurzem verlobt und eigentlich hier, um exotische Tiere zu betrachten. Aber das Elend, das sie sahen, beeindruckte sie weit mehr. Am Strand von Sansibar, so hat es Melinda mal beschrieben, gingen sie lange spazieren und überlegten: Was genau würden sie mit ihrem sagenhaften Reichtum anstellen? Beide kamen aus Familien, in denen das Gemeinwohl viel zählte. Zurück in Seattle studierten die beiden Zahlenmenschen Daten: Warum sterben in den Entwicklungsländern massenhaft kleine Kinder an Durchfall? Und: Wodurch konkret ließe sich die Not lindern?

1998 gründeten sie eine Stiftung zur Impfung von Kindern, daraus entstand im Jahr 2000 die „Bill und Melinda Gates Stiftung“ in der heutigen Form. Es ist die mit Abstand größte Privatstiftung der Welt: Mehr als 46 Milliarden US-Dollar investierten die beiden bisher in mehr als 130 Ländern. Von Anfang an ging es ihnen um die ganz großen Fragen: Armut, Hunger, Naturkatastrophen, Aids, Tuberkulose, Kinderlähmung, Masern, Malaria. Sie steckten Milliarden in die Entwicklung von Impfstoffen, den Stand der Forschung kennen beide bis ins kleinste Detail. Bei akuten Krisen reagieren sie schnell: eine Million Dollar fürs Erdbeben in Haiti, 50 Millionen zur Bekämpfung von Ebola in Afrika.

„Wer Erfolg hat, verdankt das immer auch anderen. Diese Schuld gleicht man nur aus, indem man seinerseits hilft.“

MELINDA GATES

Besonders bei den Ursachen setzen sie an. Das Ehepaar unterstützt öffentliche Schulen in den USA ebenso wie innovative Forschung in der Landwirtschaft. Im April 2012 hielt Melinda Gates in Berlin eine viel beachtete Rede über mangelnde Verhütung in Entwicklungsländern, wenige Monate später kündigte sie an, die Stiftung werde in den nächsten acht Jahren 560 Millionen US-Dollar für Mittel der Familienplanung bereitstellen. „Frauen müssen doch ihre Optionen kennen. Es ist eine schwierige, aber dringende Aufgabe.“ Der Vatikan kritisierte die gläubige Katholikin daraufhin scharf.

Bill Gates zog sich 2008 aus dem Tagesgeschäft von Microsoft zurück und wechselte ganz in die Stiftung. Er und Melinda Gates teilen sich die Leitung – nachdem sie bis dahin für vieles allein zuständig gewesen war. Der Übergang, so viel hat sie durchblicken lassen, war kein unkomplizierter Prozess. Sie mussten sich neu aufstellen, aber es ist ihnen gelungen. Beide betonen, wie zentral der Anteil des andern ist, alle wichtigen Entscheidungen treffen sie gemeinsam. Heute hat die Stiftung mehr als 1.500 Mitarbeiter und Büros in Washington und London, in Peking, Neu-Delhi und verschiedenen Standorten in Afrika. Die Zentrale ist nach wie vor in Seattle.

Hier lebt die Familie auf mehr als 6.000 Quadratmetern mit Blick auf den Lake Wa­shington. Die Kinder besuchten in Seattle die gleiche Privatschule, auf der auch Bill gewesen war, die Jüngste ist noch dort. Alle drei machen den Eindruck höchst wohlgeratener junger Menschen, selbstbewusst und fröhlich. Ihre Eltern, denen gegenwärtig mehr als 92 Milliarden US-Dollar gehören, haben das Kunststück fertiggebracht, ihnen eine normale Kindheit und Jugend zu ermöglichen. Frei von Skandalen und Drogen, die Kinder mussten abspülen und den Tisch decken wie andere auch, Smartphones gab es erst nach dem 14. Geburtstag. Und: Sie sind im Bewusstsein aufgewachsen, vom Reichtum der Eltern nur einen Bruchteil zu erben, 95 Prozent wollen diese spenden.

Im Jahr 2006 gab Warren Buffet bekannt, der Gates-Stiftung 80 Prozent seines Multi-Milliarden-Vermögens zu vermachen. Mit Bill ist er seit Jahrzehnten befreundet, seine Entscheidung aber hatte ebenso viel mit seinem Vertrauen in Melinda zu tun. Dem Magazin „Fortune“ sagte er vor ein paar Jahren: „Bill ist, wie jeder weiß, über die Maßen klug, aber wenn es darum geht, das große Ganze zu sehen, dann wird er von Melinda übertroffen.“ Aus seiner Spende entwickelte sich die „Giving Pledge“-Initiative der Eheleute Gates und Warren Buffet. Ein potenter Zusammenschluss von Milliardären, die sich verpflichtet haben, mindestens die Hälfte ihres Vermögens abzugeben.

Melinda ist zupackend. Egal ob sie in Bangladesch unterwegs ist oder in Afrika, sie will wirklich wissen, welche Probleme der Alltag mit sich bringt. Mit ihrer älteren Tochter lebte sie einige Tage bei einer Familie in Tansania, schlief da, wo sonst Ziegen gehalten werden. Auf ihren Reisen wurde ihr im Lauf der Zeit vor allem eines klar: Wer strukturell etwas in Gesellschaften verändern möchte, muss in Mädchen und Frauen investieren. In deren Ausbildung und Befähigung. Überproportional viele von ihnen gehören nämlich zu den Ärmsten und den Analphabeten. Chancengleichheit der Geschlechter ist das große Thema für Melinda Gates geworden, sie hat darüber ihr erstes Buch geschrieben. Es erscheint im April: „The Moment of Lift: How Empowering Women Changes the World“, auf Deutsch wird es vier Wochen später herauskommen.

Im jährlichen Ranking mächtiger Frauen des US-Wirtschaftsmagazins „Forbes“ steht Melinda Gates derzeit auf Platz 6. Mehrere Jahre in Folge war sie sogar auf Platz 3 gewesen, vor so mancher Regierungschefin. 2015 sagte sie über ihre neue Rolle im Rampenlicht: „Ich suchte lange nach jemandem, der sich für diese Themen starkmachen würde.“ Vergeblich. „Ich fand keine, die für mich die Stimme von Frauen weltweit verkörperte. Also dachte ich: Wenn ich es bin, dann muss ich das tun. Ich muss nur den Mut haben.“

 

IssueGG Magazin 02/19
City/Country
PhotographyEric Feferberg