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Auf alle Welle! by Ralf Götze | 7. Juni 2019 | Personalities

Es ist ein einzigartiges, kaum beschreibbares Lebensgefühl: Surfen. Sekunden und Minuten des Glücks, die für alles entschädigen, auch für endloses Warten. Die süchtig machen. Weil man eins wird mit der Natur. Was auf dem Brett zählt, ist nur der Moment. Und jede neue Welle. Dabei ist keine wie die andere.

Es ist 6.30 Uhr am Morgen – die Sonne ist noch nicht über den Horizont gewandert. Du pellst dich in deinen feucht-klammen Neoprenanzug, schnappst dir dein Surfboard, paddelst raus. Mehrere Hundert Meter vom Ufer entfernt bricht sich bereits die perfekte Welle. Und ja: Ich habe hier schon die eine oder andere Hai-Finne durchs Wasser furchen sehen! Klar, Ozean – da sind auch Haie. Aber jetzt bin ich hier – und ich bin der Erste. Das dauert nicht lange, jeder will der Erste sein. Die Sonne geht auf, und der morgendliche Dunst verzieht sich. Dutzende gute Wellen bin ich gesurft. Fertig also mit meiner „Arbeit“ – bevor überhaupt einer mit seiner Arbeit begonnen hat: das ist Surf-Spirit. Ein Gefühl, das sich in Bildern besser erklären lässt als mit Worten. Besonders eindrucksvoll zu sehen und fast nachzuerleben auf über 900 Fotos im großformatigen Buch „Surfing” aus dem Taschen-Verlag, das vor zwei Jahren erschienen ist.

Fuerteventura – El Hierro – das ist mein Heimspot. Hier bin ich der „grumpy old local“, seit ich im Winter 1992 das erste Mal zum Surfen auf die Insel kam. Irgendwann war mir das Wetter in Deutschland zu schlecht geworden – und irgendwann geht es auch ohne Wellen nicht mehr. Also Umzug auf die Insel – natürlich direkt an den Strand in einem alten VW-Bus. Seit einigen Jahren nun wohne ich am Fuß eines Vulkans. Zehn Minuten dauert es zu meinem Lieblingsstrand. Im Idealfall paddelt man außen herum, die Wellen türmen sich auf – und irgendwann kommt sie! Die perfekte Welle. Nur für dich. Du paddelst sie an. Sie hebt dich an, will dich kippen, will dich überrollen – aber du bist besser! Mit einer eleganten Aufstehbewegung hebelst du dich auf dein Surfboard. Tief bleiben, die Welle ist größer als du. Du gleitest einen sprudelnden Wellenabhang hinab – unten ein „Bottom-Turn,“ um an die gläserne Wellenwand zu kommen und einen wilden Ritt auf dem Wasserberg zu vollziehen, den die Natur nur für dich gezaubert hat.

Diese völlige Hingabe an die Sache.
Und die Sache gibt sich dir hin.

Als ich vor über 25 Jahren mit dem Surfen begann, musste man Unbeteiligten immer erklären, dass es nicht ums Windsurfen geht. Der deutsche Name ist Wellenreiten – eine wirklich passende Beschreibung. Man „reitet“ auf einer Welle. Daraus gingen so tolle Dinge hervor wie Skateboarden und Snowboarden. Und auch Wellenreiten ist nicht frei von Ressentiments: kurze gegen lange Bretter, auf dem Brett stehend gegen Auf-dem-Brett-Liegen – also Bodyboarder. Neuerdings dringen immer mehr SUPs an die Surf-Spots – also Bretter, auf denen man steht und paddelt. Außerdem gibt es noch Kajaks, Wave-Skis – Hydrofoils, Bretter mit Flügeln untendrunter. Es wird eng auf dem Wasser. Wellenreiter und Windsurfer hatten nie ernsthafte Probleme miteinander. Beide sind von unterschiedlichen Wetterbedingungen abhängig – man begegnet sich selten. Die Wellen, die man surft und windsurft, sind bereits mehrere Tage vorher entstanden – dies aber mehrere Tausend Kilometer vor der Küste. Treffen die Wellen dann auf den Strand oder das Riff, überholt der untere Teil den oberen – die Welle überschlägt sich. Ist die Welle erst kurz vor dem Brechen, nennt man das eine grüne Welle – ist sie bereits gebrochen, spricht man vom Weißwasser oder Schaum.

Wer je eine grüne Welle erwischt hat,
ist diesem Sport sofort verfallen.

Ziel für den Surfer ist natürlich der seitliche Ritt auf der ungebrochenen Welle – immer kurz vor ihrem Überschlagspunkt. Hat man dann vor Ort keinen Wind, freuen sich die Wellenreiter – wohingegen die Windsurfer, wie der Name sagt, sich über strengen Wind freuen. Der muss aber auch aus der richtigen Richtung kommen. Für den Wellenreiter, mich also, sollte der Wind leicht vom Land aufs Meer wehen.

Offshore – das magische Wort für den Wellenreiter. Denn nur mit offshore, dem Wind vom Land aufs Wasser – und dem passenden Untergrund –, wird sich die perfekte Welle formen. Und zwar zu einer „Tube“. Tube – also „Röhre“ – nennt sich der Teil einer Welle, der sich so aufwirft, dass man als Wellenreiter in einem Tunnel surft, sich also die Welle so überschlägt, dass man in diesen Wassertunnel samt Brett hineinpasst. Die englischen Namen sind sehr plakativ: „green room“ oder „crystal cathedral“ – also „grüner Raum“ oder „kristallene Kathedrale“. Selbst wenn man vom magischen Moment eines „Tuberides“ absieht, ist Wellenreiten eine magische Sportart. Überall sonst ist man entweder von der Gravitation abhängig (Skate- und Snowboard oder Rafting) – oder vom Wind (Segeln, Wind- und Kitesurfen).

Das Besondere am Wellenreiten ist der Vortrieb durch die sogenannte Orbitalbewegung des Wassers. Klingt kompliziert, ist es auch. Um es einfach zu machen: Beim Snowboarden fährt man einen Hang hinab, die Schwerkraft zieht einen so oder so nach unten. Beim Wellenreiten aber gibt die Welle ihre Energie direkt in das Surfboard ab – nur dadurch fährt man. Doch die Welle muss man sich schwer erarbeiten: vorn, hinten, rechts, links, oben, unten, klein, groß. Keine Welle gleicht der anderen – und die bewegen sich einfach auch noch dreidimensional im Raum. Wer jemals eine ungebrochene grüne Welle erwischt hat, der ist diesem Sport sofort verfallen. Wellenreiten hat ein enorm hohes Suchtpotenzial. Wer es einmal erlebt hat, will das immer wieder. Man spürt die Macht der Natur, die Welle als lebendes Wesen – jede muss als Individuum gelesen werden: wann sie wo bricht, wie schnell und wie steil.

Einzigartige Wellen vergisst man nicht. Meine erste grüne ungebrochene Welle – vor mehr als 25 Jahren – surfte ich im Rahmen eines Surfkurses an der französischen Atlantikküste. Ich kann mich noch heute ganz genau daran erinnern. Das Erlebnis war so eindrücklich, dass ich fortan weder Geld noch Zeit scheute, um es zu wiederholen. Arbeitstechnisch hatte ich im Winter jeweils zwei Monate frei – Zeit genug, den Wellen entgegenzureisen: Bali, Hawaii, Australien, Marokko.

Irgendwann kommt sie. Die perfekte Welle. Nur für dich.

Ich kann mich auch noch genau an meine höchste Welle erinnern: sechs Meter hoch in Marokko am Weltklassespot „Anchor Point“. Genauso weiß ich meine absurd längste Welle: am Spot „Imsouane“, ebenfalls in Marokko – mehr als drei Minuten dauerte der Ride mit meinem Longboard. Solche Wellen gibt es nur an ganz wenigen Orten dieser Welt und nur unter ganz besonderen Bedingungen – das brennt sich ein ins Langzeitgedächtnis. Fantastische Wellen sind episch. Märchenhaft. Das Phänomen der kompletten Beglücktheit durch tolle Wellenbedingungen und das High durch den totalen Adrenalinrausch heißt „stoke“ – eine sinnvolle Übersetzung ins Deutsche gibt es nicht. Begeisterung?

IssueGG Magazine 03/19
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PhotographyCourtesy of Taschen