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Venedigs Grande Dame by Steffi Kammerer | 7. Juni 2019 | Personalities

Geheimnisvoll wie ihre Stadt: Die Unternehmerin Francesca Bortolotto Possati ist in einem Palazzo am Canal Grande aufgewachsen, ihr gehört das prominenteste Privathotel Venedigs. Uralte Gemäuer hat sie restauriert und ist dabei ganz dem Wandel verpflichtet. Ein Besuch.

Venedig zur Biennale-Eröffnung. Einer der begehrtesten Orte ist dann die Dachterrasse des „Bauer“-Hotels; Luxuskantine der Kunstwelt, mit unvergleichlicher Sicht auf den Canal Grande. Nach all den Essen und Empfängen geht es im Erdgeschoss weiter, in der rappelvollen „B-Bar“ drängen sich weit nach Mitternacht Top-Sammler, Kuratoren, Chefs von Auktionshäusern und Museen, Künstler und Journalisten. Das alles hat mit der Eigentümerin des Hotels zu tun: der großen Strippenzieherin Francesca Bortolotto Possati. Eine Frau mit Pilotenschein und hellem Lachen, mädchenhaft und zäh – verführerisch wie ihre Stadt.

Sie beginnt unser Gespräch damit zu sagen, was sie erstaunlicherweise nicht sei: eine Hotelunternehmerin nämlich. Auch wenn ihr neben dem „Bauer“ noch drei weitere der feinsten Hotels Venedigs gehören – sie setzt mehr als 30 Millionen US-Dollar im Jahr um –, darauf will sie nicht reduziert werden. „Ich bin keine, die Bäder und Schlafzimmer verkauft. Klar, am Ende verdienen wir damit unser Geld“, sagt sie. „Aber es geht ja um viel mehr.“ Auch das „Bauer“ sei längst nicht nur ein Hotel: „Da ging es immer auch um Kunst und Musik und Kultur. Und ich habe das noch ausgeweitet.“

Francesca Bortolotto Possati gilt als bestvernetzte Frau Venedigs. „Ja“, sagt sie selbstbewusst. Und ihre Verbindungen seien ganz natürlich gewachsen. Ohne persönliche Website, ohne Instagram-Wirbel. „Ich brauche so etwas nicht. Die Menschen finden mich.“ Sie unterstützt unzählige Kultur- und Hilfsorganisationen, darunter „Save Venice“, die „American-Italian Cancer Foundation“, die „Ca’ Foscari Foundation“, „Teatro La Fenice“. Man muss nur wenig Zeit mit ihr verbringen um zu begreifen, wie vielschichtig sie ist, Tradition und Wandel gleichermaßen verbunden. Länger als drei Tage kann sie nie irgendwo bleiben, sagt sie, dann wird sie rastlos. Und sicher, sie ist eine der größten Gastgeberinnen Venedigs – Übernachtungsgäste zu Hause aber gibt es bei ihr nie. „Privat ist privat.“

Wozu sie hingegen regelmäßig einlädt, sind opulente Abendessen, dann kommen Schriftsteller, Schauspieler und Regisseure, vielleicht auch mal jemand, der noch am Anfang seiner Karriere steht, sie ist gern Mentorin. Eine Sitzordnung legt sie meist nicht fest, wenn möglich, entscheidet sie spontan, wer etwas miteinander anfangen könnte. Wenn das Gespräch versiegt, bringt sie es elegant wieder ins Laufen, mit irgendeinem kontroversen Thema. Ein- oder zweimal im Jahr gibt sie einen Ball für ein paar Hundert Menschen.

Doch zurück zum „Bauer“-Hotel, dem Haus in bester Lage, ganz in der Nähe vom Markusplatz, und mit einem so unitalienischen Namen, dass er sich einprägt. Seine Geschichte begann im 19. Jahrhundert als „Bauer-Grünwald“, der erste Eigentümer war Österreicher. Bortolotto Possatis Großvater, ein Schiffsbauer, hatte es dann 1930 als junger Mann gekauft und mit besten Materialien von Grund auf so erneuert, dass es zum modernsten Hotel Venedigs wurde. Als er starb, wurde das Haus 20 Jahre lang von fremden Managern geführt, ihre Mutter interessierte sich nicht dafür. Und Francesca selbst auch nicht. Sie lebte seit Anfang der 80er-Jahre in den USA, zunächst in Detroit, dann in New York. Das „Bauer“ war Teil ihrer Kindheit gewesen, aber es hatte sie nie etwas dorthin gezogen. Sie studierte lieber Sprachen und Literatur. Als ihre Ehe in den USA in die Brüche ging, kehrte sie mit ihren beiden Kindern nach Venedig zurück. Nach dem Tod der Mutter entschied sie, das Hotel zu übernehmen.

„Mir war klar geworden, wie bedeutsam das ,Bauer‘ für die jüngere Geschichte Venedigs ist.“ Also machte sie sich im Jahr 2000 an die Arbeit – und an eine 80-Millionen-Dollar Renovierung. Ohne jegliche Erfahrung mit Immobilien oder Hotels. Aber, sagt sie, sie kannte sich aus mit Interior Design und mit Lifestyle. Und sie war viel gereist. „Ich glaube, ich wusste, was die Menschen sich wünschen.“ Für alles Weitere suchte sie Personal. „Und so begann meine Saga.“ Seidentapeten, Marmorböden, Antiquitäten – jedes einzelne Zimmer hat sie gestaltet. Auch die „Royal Suite“, die prächtigste des Hotels, mit einem Kronleuchter aus Murano-Glas. Mehr als 15.000 US-Dollar kostet hier eine Nacht.

Und Bortolotto hat ihr Reich ausgedehnt. Auf der Insel Giudecca, gleich gegenüber auf der anderen Seite der Lagune, kaufte sie ein ehemaliges Kloster aus dem 16. Jahrhundert und den dahinter liegenden Garten. Heute betreibt sie dort das „Palladio“ und die „Villa F“, zwei Fünf-Sterne-Häuser, die sich einen romantisch-verwunschenen Garten teilen, eine Stadt-Oase, groß wie ein Fußballfeld. „Wissen Sie, ich bin Garten-Designerin. Das ist meine Leidenschaft, mehr als alles andere“. Sie hat viel von der Natur gelernt, sagt sie. Dass es für alles eine Zeit gibt. Und dass man sich nicht scheuen sollte, verdorrte Äste abzuschneiden. Auch wenn es noch so schwerfalle. „Wir alle tragen manchmal Rucksäcke mit uns herum, voller abgestorbener Zweige, Steine und Erinnerungen.“ Sie macht eine Bewegung, als ob sie etwas abschütteln wollte. „Ich bin keine, die sich zu sehr an die Vergangenheit klammert.“ Ein Shuttle fährt Gäste regelmäßig zwischen ihren Hotels hin und her. Die Chefin bewegt sich in einem kleinen Motorboot durch die Stadt, und natürlich: Sie steuert es selbst.

„Ganz klar: In Venedig stand immer die Frau im Zentrum.“
Francesca Bortolotto Possati

In Venedig sei eine einflussreiche Frau nicht ungewöhnlich, sagt sie. Frauen hätten hier immer viel bewegt, in allen Bereichen. Seit den Kurtisanen sei das so. Weil man ständig laufe und überall von Wasser umgeben sei – das führe zu großer gedanklicher Unabhängigkeit. Auch in der Kunst sehe man venezianische Frauen im Zentrum – selten seien da Männergruppen allein abgebildet. Immer wieder mal wird sie gefragt, ob sie nicht Bürgermeisterin von Venedig werden wolle. Da lacht sie nur. Nein, niemals. „Da wird zu viel geredet. Reine Zeitverschwendung, ich halte mich gern an Fakten.“ Was sie jedoch umtreibt, ist das Thema der Tagestouristen. 20 Millionen Kurzbesucher, die jedes Jahr hier einfallen und keine Steuern zahlen. Venedig hat heute nur noch rund 50.000 Einwohner. Als sie heranwuchs, sagt sie, seien es noch 150.000 gewesen. „Niemand hat hier rechtzeitig vorausgeplant.“ Vor zwei Jahren hat sie ihrer Stadt ein Buch gewidmet: „Venetian Chic“. Das Vorwort schrieb der Schauspieler Jeremy Irons, ein langjähriger Freund. Der großformatige Band ist eine Hymne auf die Geschichte und die Kultur Venedigs, den einzigartigen Lebensstil dieser alten und so jungen Stadt.

Bortolotto und ihre erwachsenen KinderSohn Alessandro ist 35, Tochter Olimpia 28 – leben in einem ehrwürdigen Gemäuer, ein paar Hundert Jahre alt: im Palazzo Mocenigo Casa Nuova, auch der direkt am Canal Grande. Und er besteht praktischerweise aus drei Etagen, jeder also hat sein eigenes Reich von komfortablen 400 bis 500 Quadratmetern. Von der anderen Seite des Kanals kann man nachts die erleuchteten Fenster sehen und ahnen, wie hoch die Decken sein müssen. Vor rund zehn Jahren, als Angelina Jolie und Brad Pitt noch das berühmteste Paar der Welt waren, durften sie für vier Monate hier leben. Sie hatten nichts gefunden, wo sie mit ihren sechs Kindern sicher unterkommen konnten, während Jolie im Film „The Tourist“ mitspielte. Der Regisseur, Florian Henckel von Donnersmarck, ist der Freund eines Freundes.

Francesca Bortolotto Possati ist eine der ganz wenigen Frauen weltweit, der mehrere Fünf-Sterne-Hotels gehören. In Italien ist sie mit dem „Bauer“ konkurrenzlos, sagt sie. „Es gibt hier kein anderes Haus dieser Größenordnung, das so lange in Privatbesitz ist.“ Das wird sich vermutlich ändern: Ihre Kinder nämlich wollen das Hotel nicht übernehmen. Sie hat sie nicht bedrängt. „Sie sollen machen, was ihnen Spaß macht.“ Das Familienerbe werde ohnehin weitergegeben. Dafür müsse man in niemandes Fußstapfen treten. Sie denkt darüber nach, das Haus einer Managementfirma zu übergeben, vielleicht werde sie auch einen großen Anteil verkaufen und nur die Minderheit behalten. „Etwas muss in Gang kommen. Eher früher als später.“

Im Juni 2019 fand die Übernahme der Bauer S.p.A an Elliott Advisors (UK) Limited, Tochtergesellschaft der Elliott Management Corporation, und Blue Skye Investment Group statt. Unterstützend für den Übergang wurde Italien´s  überragender Hotelier Vincenzo Finizzola als neuer Generaldirektor und Mitglied des Aufsichtsrat eingestellt. (Anm. d. Red.)

Possati´s Tochter übernimmt ein Weingut, das der Familie neben den Hotels gehört. Ihr Sohn hat vor fünf Jahren ein Non-Profit-Unternehmen gegründet, das Kunst während der Biennale unterstützt: „Zuecca Projects“ In diesem Jahr organisiert er ein Projekt mit dem Modefotografen Juergen Teller. 2013 gelang ihm ein Coup: In einer Kirche präsentierte Alessandro eine Installation von Kunst-Superstar Ai Weiwei über dessen Inhaftierung. Bortolotto Possati überlegt, gemeinsam mit ihrem Sohn eine Kulturstiftung zu gründen. Im „Bauer“-Hotel haben sie bereits ein Künstlerprogramm gestartet. Ein Autor hat hier sein Buch fertiggestellt, ein Komponist hat an einer Oper gearbeitet.

Ansonsten hat sie ihr neues Kapitel noch nicht geplant. „Keine Ahnung – ich improvisiere gern.“ Erst mal will sie im Winter nach Neuseeland. Rund die Hälfte des Jahres ist sie unterwegs. Aber, fügt sie hinzu, nie länger als sieben Tage. Warum das? Sie überlegt eine Weile und sagt einen unverbesserlichen Bortolotto-Satz: „Bliebe ich länger, käme ich vielleicht niemals zurück.“

IssueGG Magazine 03/19
City/CountryVenice, Italy
PhotographyRobyn Lea / Assouline