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Stadt von übermorgen by Elena Luraghi, Steffi Kammerer | 6. Dezember 2019 | Travel

Gegängelte Einwohner, unfreie Verhältnisse – lange galt Singapur bestenfalls als langweilig. Aber die Finanzmetropole hat sich neu erfunden: als grünes Zukunftslabor. Natur und Hightech präsentieren sich im Doppelpack.

Zehn Jahre alt ist das neue Wahrzeichen Singapurs. „Marina Bay Sands“ verkörpert den Weg, den der glitzerndste Inselstaat Südostasiens eingeschlagen hat. Die drei 200 Meter hohen Wolkenkratzer beherbergen über 2.500 Hotelzimmer, ein Konferenzzentrum, Theater, öffentliche Plätze und Kulturzentren und bieten ein Flachdach aus 700 Tonnen Stahl mit Pool, Restaurants und einem 360-Grad-Ausblick auf die Stadt – es ist das größte City-Resort des Kontinents. Von hier aus hat man einen privilegierten Blick auf den Ökopark „Gardens by the Bay“ – Parklandschaft und Hightech-Oase gleichermaßen – und auf das ArtScience Museum. Das faszinierende Bauwerk hat die Silhouette einer Lotosblüte und präsentiert, was der Name verspricht: bahnbrechende Ausstellungen an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft.

Willkommen in Singapur, dem Stadtstaat vor der Südspitze Malaysias. Wo jedes Jahr Millionen von Besuchern am futuristischen Changi Airport ankommen, um einen globalen Handelsplatz zu entdecken, dessen rund 5,6 Millionen Einwohner Chinesisch, Hindi, Malaysisch sprechen, denken und kaufen, aber nach britischer Tradition ausgebildet sind. Wir sind in Asien, aber den Orient muss man hier suchen. Dagegen erkennt man gleich, dass das Hightech-Quartier rund um das „Marina Bay Sands“ eine ökologische Seele hat. Die sogenannten Supertrees in den „Gardens by the Bay“ – künstliche Metallpflanzen, auf denen Farne und Orchideen wachsen – fangen Sonnenstrahlen ein, um saubere Energie zu produzieren. Dafür sorgt ein hochentwickeltes System von Dampfturbinen und Photovoltaikzellen.

Gleich daneben befinden sich der „Flower Dome“ und der „Cloud Forest“: zwei Glaskuppeln, die Blumen und andere Pflanzen seltener Art aus allen Winkeln der Welt beherbergen. Der erstgenannte ist das weltgrößte gläserne Gewächshaus, Heimat für mediterrane Gewächse und solche aus halbtrockenen Klimazonen. Im zweiten lockt ein 35 Meter hoher Berg, aus dem sich ein gigantischer künstlicher Wasserfall ergießt.

Special Effects einer sehr speziellen Stadt, die atemberaubend schnell wächst, aber flächenmäßig kleiner ist als Hamburg. Wolkenkratzer sind die Antwort auf den Platzmangel, die Skyline eine unwiderstehliche Mischung aus Alt und Neu. Eine Betonwüste ist Singapur trotzdem nicht. Die Regierung setzt auf Nachhaltigkeit, Singapur soll, so ist es der politische Wille, die grünste Stadt der Welt werden. Praktisch heißt das: Jeder vernichtete Quadratmeter Grünfläche muss ersetzt werden. Von unzähligen Gebäuden hängen deshalb üppige Pflanzen herab, vertikale Gärten prägen das Stadtbild, viele Hausdächer sind begrünt.

Autofahrer haben es in Singapur schwer, Zulassungen sind reglementiert und kosten ein Vermögen – dafür ist der öffentliche Nahverkehr perfekt organisiert, ein dichtes Bus- und Schienennetz deckt jeden Winkel ab. So viel Weitsicht zieht Zuzügler magisch an, auch aus dem Ausland und zunehmend aus der Kunst- und Kulturszene. Das gute Bildungssystem tut ein Übriges: Singapurs Schüler punkten regelmäßig als die Besten, im internationalen Pisa-Vergleich steht Singapur an der Spitze. Und auch um ältere Menschen macht man sich hier Gedanken. Ganz praktisch und hilfreich haben sie mehr Zeit, die Straße zu überqueren: Wer seine elektronische Seniorenkarte an eine Fußgängerampel hält, hat etliche Sekunden länger Grün. Durchsetzten lässt sich das alles, weil in Singapur seit über 60 Jahren die gleiche Partei regiert – das Machtmonopol scheint durchaus Vorteile zu haben. Fast könnte man vergessen, was in der Zukunftsstadt nach wie vor gilt: Homosexualität ist strafbar, selbst Graffity- Sprayer kommen ins Gefängnis, wer mit mehr als 500 Gramm Cannabis erwischt wird, dem droht der Tod durch Erhängen.

Singapur ist eine Stadt immenser Gegensätze. Die Zukunft ist hier so allgegenwärtig wie die Vergangenheit.

Neben futuristischer Modernität präsentiert sich unverblasste Nostalgie – etwa mit dem historischen botanischen Garten, dem schönsten des Kontinents. Oder mit dem ewig faszinierenden Wechselspiel von niedrigen Häusern und grellbunten Schildern in Chinatown, wo die Tempel direkt an der U-Bahn liegen. Nicht auslassen sollte der Besucher auch Little India mit seinen maharadschahaften Facetten und den pittoresken Häuserblocks der Arab Street, dem muslimischen Quartier mit seinen pastellfarbenen Gebäuden.

West-Singapur erstreckt sich rund um die Orchard Road; hier kostet ein Apartment Millionen Euro, und Luxus-Malls schießen nur so aus dem Boden. Im „ION“ etwa finden sich neben den Boutiquen viele Galerien und Lokale wie etwa das „TWG Tea“, der schickste Teesalon Südostasiens. Hier werden ultraedle Teemischungen wie der „Yunnan Gold“ in 18-karätigen Teekannen serviert. Das könnte sogar der Teestunde im berühmten „Raffles“- Hotel Konkurrenz machen.

Das Gebäude an der Beach Road verströmt kolonialen Charme, der so gar nichts zu tun hat mit dem Wetteifer der großen internationalen Architekturbüros. Etwa mit dem neuen obersten Gerichtshof von Singapur im Ufo-Look, entworfen von Lord Norman Forster. Oder mit dem Aufputzen der Uferzone zwischen Robertson Quay und Boat Quay, wo die chinesischen Häuser der Vergangenheit aufgehübscht wurden, um trendige Bars und Restaurants zu beherbergen. Unverändert gibt es überall in Singapur traditionelle Garküchen, gebündelt in sogenannten Hawker Centers. Besonders beliebt ist der historische „Lau Pa Sat Market“, gleich hinter den Wolkenkratzern. Stylish ist das „Satay by the Bay“, eine Garküche mit Wasserblick. Und die feine Gesellschaft diniert im „Pollen“, dem eleganten Restaurant im „Flower Dome“, das auch nach dem Abgang von Küchenchef Jason Atherton angesagt blieb. Wer noch mehr Kontraste sucht, der sollte ins Villenviertel Dempsey Hill. Hier liegt „The White Rabbit“ – ein europäisch angehauchtes Restaurant mit gut bestückter Bar in einer entweihten Kirche.

IssueGG Magazin 01/20
City/CountrySingapur
PhotographyMonica Vinella / PHOTOfoyer
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