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Anya Hindmarch by Michaela Cordes | 4. September 2020 | Personalities

Humor, Handwerk und Leder waren bisher die Zutaten, aus denen Anya Hindmarch ihre hochwertigen Handtaschen und Accessoires fertigt. Die neueste Kollektion der fünffachen Mutter und Gründerin des britischen Labels ist aus Einweg-Plastik entstanden.

„Ich bin keine Öko-Kämpferin – ich appelliere an den
gesunden Menschenverstand!“ ANYA HINDMARCH

Wenn Anya Hindmarch protestiert, dann elegant. Für den Launch ihrer neuesten Kollektion „I Am A Plastic Bag“ füllte die britische Designerin zur jüngsten Londoner Fashion Week drei ihrer Hindmarch-Shops mit 90.000 gebrauchten Plastikflaschen. Eine schockierende Menge, die drastisch veranschaulicht, welche Mengen von Einmal-Plastik wir Menschen innerhalb weniger Sekunden weltweit konsumieren. Die Entwicklung ihrer neuesten Kollektion aus recyceltem Plastik führte die Unternehmerin von Taiwan nach Florenz und zurück nach London, wo wir uns zum Interview trafen.

Frau Hindmarch, Plastikmüll ist ein fast unheimlich schnell wachsendes Problem. Acht Milliarden Tonnen Plastik landen jährlich allein in unseren Weltmeeren. Die „New York Times“ schrieb gerade, eine neue Studie bestätige, „dass Mikroplastik nicht nur in den Ozeanen, sondern auch in der Luft, die wir atmen, nachgewiesen werden kann. Mehr als 1000 Tonnen dieser winzigen Partikel regnen jedes Jahr auf Nationalparks und wilde Gegenden im amerikanischen Westen hinunter. Das ist das Äquivalent von 123 Millionen bis 300 Millionen Plastikf laschen.“ Ihre neue Taschen-Kollektion zeigt, wie sich Einmal-Plastik innovativ wiederverwerten lässt: indem man ganz neues Material daraus gewinnt.

Anya Hindmarch: Schon mit unserer ersten Kampagne „I’m Not A Plastic Bag“ vor 13 Jahren haben wir auf das Problem mit Einmal-Plastik aufmerksam gemacht. Damals stellten sich Menschen in Asien, Europa und den USA in lange Schlangen, um die limitierte Hindmarch-Tasche für fünf Pfund zu ergattern. Das Ergebnis war faszinierend: Der Konsum von Plastiktüten in Großbritannien reduzierte sich auch durch uns von zehn Milliarden auf 6,1. Kurz darauf kam das Plastiktüten-Verbot, und Geschäfte durften Plastiktüten nicht mehr umsonst rausgeben. Aber nun sind wir im Jahr 2020, und das Problem ist alles andere als gelöst. Daher haben wir uns gefragt: Wie können wir wiederverwenden, was schon existiert? Zwei Jahre lang haben wir uns Zeit genommen, um die „I Am A Plastic Bag“-Kollektion zu entwickeln. Die Technologie dahinter ist interessant: Wir zerdrücken die PET-Flaschen und schmelzen sie in kleinste Kügelchen, bevor sie zu einer Art Garn gesponnen werden. Es war ein langer Prozess, aus diesem Garn ein hochwertiges, wunderschönes Material zu weben, einen Stoff, den man gern anfasst. Aber die größte Herausforderung war für mich die Beschichtung dieses Stoffes, den wir als Schutz vor Schmutz benötigten. Auch hier haben wir recyceltes Plastik verwendet: PVB, das ist der Film, der normalerweise Autoscheibenglas zusammenhält. Wir haben es aus alten Windschutzscheiben extrahiert.

Wie viele Plastikflaschen stecken in einer Ihrer „I Am A Plastic Bag“-Taschen?
Jede Tasche entsteht aus ca. 32 Halbliterflaschen. Ich finde, es ist eine schöne Sache, sich jedes Mal bewusst zu machen, wenn man die Tasche trägt, dass man diese Menge Plastik von einer Mülldeponie gerettet hat.

Was waren die größten Herausforderungen?
Mich hat der ganze Prozess fasziniert. Ich habe dabei auch viel über Leder gelernt. Als wir starteten, war ich überzeugt, dass wir recyceltes Leder für die Lederränder verwenden sollten. Aber interessanterweise war das keine Alternative. Denn wiederverwendetes Leder entsteht aus zerschreddertem Leder, das zu einer Art Lederstaub zusammengemischt wird – mit Plastik (lacht)! Das erschien mir nicht gerade als die intelligenteste Lösung. Wir haben uns auch veganes Leder angeschaut. Aber das besteht ebenfalls aus Plastik. Da hat bei uns der gesunde Menschenverstand eingesetzt. Natürliches Leder ist immer noch ein Nebenprodukt der Fleischindustrie.

Was haben Sie außerdem gelernt?
Nicht zu kritisieren, was noch nicht perfekt ist, sondern zu loben, was schon unternommen wurde. Zu viele Menschen verharren in einer Art Angststarre, statt irgendwo anzufangen. Oft reichen die kleinsten Maßnahmen, um viel zu bewegen. Wir haben uns etwa kritisch angeschaut, wie unsere Ware an Kunden verschickt wird. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir unsere Produkte in wunderschönen Paketen mit unendlich viel Papierkram versendet – verrückt! Jetzt finden Sie nur noch ein schönes Kärtchen mit dem Satz: „Bitte gehen Sie online – da steht alles, was Sie wissen müssen.“ Wir benutzen auch nur noch recyceltes Geschenkpapier.

Wo produzieren Sie das recycelte Plastikmaterial, aus dem Ihre neue Kollektion gefertigt wird?
Der Stoff kommt aus einer Spinnerei in Taiwan, wo all unsere Produkte per Hand gefertigt werden. Leider kann man diesen Plastikstoff bisher nur in Taiwan herstellen. Auch das ist eine faszinierende Tatsache: In den 80er-Jahren galt das Land noch als „Müll-Insel“. Heute ist Taiwan eines der führenden Länder, wenn es um Recycling geht. Allerdings hoffe ich sehr, dass wir schon bald in der Lage sein werden, in Italien oder Spanien herstellen zu können.

Sie gelten als Pionierin in der Mode-Industrie. Wie haben Sie die Reaktionen auf Ihre Aktion wahrgenommen – als Sie Ihre Geschäfte mit Plastikflaschen füllten, um zu demonstrieren, 90.000 gebrauchte Flaschen entsprechen sechs Sekunden des weltweiten Plastik-Konsums?
Ich sitze im Vorstand des British Fashion Council, und wir diskutieren sehr viel, was die Fashion Week sein sollte und wie sie sich verändern muss, um widerzuspiegeln, wie sich unsere Welt verändert. Als Unternehmen war es unser Ziel, das Projekt zu vermarkten – daraus wurde dann ein eigenes Projekt. Jeder unserer 150 Mitarbeiter musste Plastikflaschen sammeln, dann die Labels abpulen und die Flaschen waschen. In der Nacht vor der Fashion Week haben wir 90.000 Flaschen auf drei der vier Londoner Shops verteilt. Es hatte etwas Schockierendes, das Ergebnis zu sehen. Am nächsten Tag blieben Menschen vor den Geschäften stehen, machten Fotos und posteten sie oder schickten sie an Freunde und Familie.
Für mich persönlich war es auch ein merkwürdiger Moment, als meine Shops während der Fashion Week geschlossen blieben. Aber die Reaktionen auf unsere Aktion waren phänomenal. Die Taschen selbst haben wir nur online über unsere eigene Website und über Net-A-Porter verkauft. Innerhalb eines Tages waren alle ausverkauft. Ich war vorher schon nervös – schließlich kostet die Tasche 600 Pfund –, die letzte war für fünf Pfund zu haben. Aber diese Tasche ist so wunderschön, wertvoll, in liebevoller, hochmoderner Handarbeit entstanden. Man kann schöne Dinge leider nicht billig herstellen, und es ging sehr viel Arbeit in die richtige Behandlung des Materials. Als das Garn aus der Fabrik in Taiwan kam, verhielt sich jede Rolle anders als die davor, da ja ganz unterschiedliche Plastikflaschen verwendet worden waren. Es ging ein unfassbarer Aufwand in die Ingenieurskunst und Handarbeit. Um diesen komplizierten, anspruchsvollen Prozess verständlich zu machen, haben wir ein kleines Video gedreht. Ich wollte damit sagen: „Ich bin zwar keine Expertin, aber das haben wir erreicht. Ich bin kein Öko-Soldat – ich möchte nur an den gesunden Menschenverstand appellieren.“

Ihre Projekte und Ihre Taschen scheinen auch viele bekannte Persönlichkeiten anzusprechen. Die Schauspielerin Keira Knightley wurde schon mit Ihrem ersten Anti-Plastik-Projekt ein Fan. Reese Witherspoon war jetzt eine der ersten Berühmtheiten, die auf ihrem Instagram-Account die neue Hindmarch-Tasche postete.
Das Thema Plastikverschmutzung liegt Reese seit Jahren am Herzen. Sie ist eine kluge Frau mit sehr viel Tiefe. Und mit ihrer Reichweite hat sie die Möglichkeit, viele Menschen zu überzeugen. Ich denke, es gibt einige Menschen, die gern helfen möchten, einen Input zu leisten, ohne zu viel dafür opfern zu müssen. Auf der anderen Seite gibt es Alternativen, wie man diesen Menschen etwas bieten kann, das nicht zu langweilig, hässlich oder schwierig ist. Denn eines verbindet uns alle: Wir sorgen uns um unseren Planeten und haben erkannt, dass unsere Erde in eine Klima-Notlage geraten ist.

Jetzt haben Sie den Covid-19-Lockdown genutzt, um ein weiteres Projekt auf die Beine zu stellen.
Ja, für die britische Gesundheitsbehörde NHS haben wir 1.500 speziell designte Westentaschen entworfen, in denen Medizinpersonal seine persönlichen Dinge, wie z. B. das Handy, unterbringen konnten.

Mir persönlich hat auch der humorvolle Ansatz Ihrer Sticker-Collection gut gefallen. Trotz Ihres großen Engagements bewahren Sie sich mit Ihrer Brand auch immer eine lebensfrohe Haltung, die ausdrückt: „Nimm das Leben nicht zu ernst!“
Weil ich mich selbst nicht ernst nehme. Die Mode-Industrie rettet ja keine Leben, ist aber ein wichtiger Arbeitgeber. Sie beeinflusst, wie wir uns fühlen, und hilft uns, unser Selbstwertgefühl aufzubauen. Aber ich wollte mit unseren Kreationen immer unseren Kunden ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Nein, ich kann Mode nicht zu ernst nehmen. Mir geht es vielmehr darum, dass man sich mit unseren Produkten ein kleines bisschen Luxus gönnt.

„Als Teenager wollte ich Opernsängerin werden.
Aber ich komme nun mal
aus einer Unternehmerfamilie.“ ANYA HINDMARCH

Als Teenager – was war da Ihr Berufswunsch?
Ich wollte Opernsängerin werden! Ich sang sehr viel in der Schule. Aber ich komme aus einer echten Unternehmerfamilie. Meine ältere Schwester und mein jüngerer Bruder starteten beide ihre eigenen Unternehmen. Und mein Vater startete schon als junger Mann ein Geschäft, das mit Plastik zu tun hatte. Sie werden lachen – er war Plastik-Ingenieur! Verrückt, wenn man heute darüber nachdenkt. Ich bin inmitten von Plastikfabriken groß geworden. Mein Vater ist der Erfinder des Plastikblumentopfes. Wir haben heute zum Teil sehr lustige Debatten. Er sagt – und ich stimme ihm da zu –, dass Plastik im Grunde ein brillantes Material ist. Das Problem ist, wie wir Menschen es heute nutzen. Der Sohn des Mannes, der die Plastiktüte erfunden hat, sagte erst vor Kurzem: „Mein Vater würde sich im Grabe umdrehen, weil er die Tüte damals erfunden hat, um das Abholzen der Wälder zu verhindern.“ Er trug sein ganzes Leben lang stets dieselbe Plastiktüte bei sich. Plastik hat einen relativ leichten ökologischen Fußabdruck. Umso mehr ich mit Experten sprach, hörte ich den Rat: „Verwende deine Einmal-Plastikflasche immer wieder.“ So nutze ich schon seit vier Jahren für meinen grünen Saft, den ich mir jeden Morgen zubereite, dieselbe Plastikflasche. Abends wasche ich sie aus, und am nächsten Tag nehme ich sie wieder mit ins Büro.

Von der angestrebten Opernkarriere zur Handtaschen-Designerin – ein ungewöhnlicher gedanklicher Sprung. Können Sie das erklären?
Schon als Kind bastelte ich für mein Leben gern und fertigte kleine Geldbörsen und Kistchen zum Aufbewahren aus Papier. Organisation ist meine Leidenschaft! Handtaschen sind für mich fast Symbole für gute Ordnung. Ich bin eine wahnsinnig ordentliche Person – das ist schon fast traurig (lacht). Als Studentin hörte ich einer Vorlesung eines Mädchens zu, die in der Modewelt arbeitete. Ich erinnere mich, dass ich danach an meinen Schreibtisch zurückkehrte und meinen ersten Shop entwarf, fest davon überzeugt, dass ich Lederwaren verkaufen würde. Als ich 16 wurde, schenkte meine Mutter mir eine ihrer Handtaschen. Ich erinnere mich noch, wie sich die Tasche anfühlte und wie viel Handarbeit in ihr steckte. Nach meinem Schulabschluss ging ich nach Florenz statt auf die Universität und verbrachte so viel Zeit wie nur möglich in den Fabriken und Werkstätten, weil ich das Handwerk lernen wollte. Später entwarf ich hier meine ersten Taschen, die ich in England verkaufte. Ich habe nie eine Ausbildung gemacht. Danach startete ich meine eigene Produktion in England. Wir eröffneten unseren ersten Shop, und es folgten weitere, schließlich auch der Großhandel. Das Geschäft wuchs …

Was ist heute die Vision für Ihre Company? Nach einer kleinen Pause, in der Sie die Mehrheit Ihrer Anteile verkauft hatten, sind Sie nun sowohl als CEO als auch als Creative Director wieder zurück am Steuer. Wo sehen Sie sich und die Firma in den nächsten fünf bis zehn Jahren?
Die Dinge haben sich sehr verändert. 55 Shops auf der ganzen Welt zu besitzen fühlt sich heute nicht mehr modern an. Früher flog ich für eine neue Brille extra nach Paris, weil es den Optiker nur dort gab. Heute bestellt man so etwas einfach online. Wir wollen das Kauferlebnis in unseren kleinen, feinen Shops so gestalten, dass es Spaß macht. Dazu brauchen wir aber auch eine sehr starke digitale Präsenz. Zusätzlich arbeiten wir nur mit den besten Kaufhäusern weltweit und entwickeln hochexklusive Angebote. Wir müssen da sehr aufpassen, weil man sonst zu schnell riskiert, in die großen Schlussverkäufe zu geraten.

„Plastik ist ein brillantes
Material. Das Problem ist, wie
wir Menschen es heute nutzen.“ ANYA HINDMARCH

Privat sind Sie ebenso stark beschäftigt. Sie sind Mutter von fünf Kindern. Wie alt sind die heute?
Ich habe einen Witwer geheiratet. Die Frau meines Mannes starb, sechs Monate bevor wir uns kennenlernten. Eine traurige Geschichte. Er hatte schon drei Kinder, die damals erst vier, drei und ein Jahr alt waren. Als wir zusammenkamen und heirateten, haben wir eine Weile gewartet und dann noch zwei Kinder bekommen. Daher haben wir heute zusammen fünf Kinder. Das älteste ist heute 31 und das jüngste 17.

Wie haben Sie das hinbekommen – eine erfolgreiche Firma aufzubauen und gleichzeitig fünf Kinder großzuziehen?
Mein Mann und ich arbeiten zusammen. Wir schätzen das als größtes Glück, denn wir haben unsere Rollen so aufteilen können, wie es uns liegt. Mein Mann kümmert sich um die Entwicklung des Geschäfts, die rechtlichen sowie finanziellen Themen. Mit anderen Worten: um all die Dinge, die ich nicht so mag. Das hat für uns so funktioniert. Wir erwarteten unser erstes gemeinsames Kind, als mein Mann einstieg – vor 19 Jahren.

Wie laden Sie Ihre Batterien wieder auf?
Ich trinke Wein (lacht)! In meinem Leben ist viel los. Daher bleibe ich am liebsten zu Hause und lade Freunde an meinen Küchentisch. Dann schieben wir ein Hühnchen in den Ofen und öffnen einen guten Wein. Ich bin kein Freund von großen Events. Außerdem gehen wir gern auf Reisen und entdecken mit unseren Kindern die Welt. Das ist eine Sache, auf die ich aus Rücksicht auf die Umwelt nur sehr ungern verzichte. Nichts bildet so wie das Reisen.

Wenn Sie heute auf die 33 Jahre zurückschauen, seitdem Sie Anya Hindmarch gegründet haben: Hat sich Ihre Kundin verändert?
Ich denke, wir sind wieder genau da, wo wir vor 33 Jahren begonnen haben. Unsere Kundin ist zwischen 25 und 50 Jahre alt und nicht wild darauf, mit ihrem Geld oder den Initialen einer Marke anzugeben. Sie ist an Nachhaltigkeit interessiert und möchte, dass das Produkt seinen Sinn erfüllt.

Und nun setzt man mit einer Anya-Hindmarch-Tasche auch ein Statement!
Ich habe immer eine Meinung vertreten. Das war mir immer wichtig und wird auch in Zukunft so bleiben.

IssueGG Magazine 04/20
City/Country London, United Kingdom
PhotographyDouglas Friedman
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