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Tracy Anderson by Steffi Kammerer | 4. Dezember 2020 | Personalities

Unsere „gesundheitliche Zukunft“ wurde im August auf Instagram angekündigt: eine Tür, die sich zu dramatischer Musik öffnet, im hellen Licht eine durchtrainierte Zeichentrick-Blondine. Die lächelt, blinzelt und legt auffordernd ihre Hand an die Hüfte. Mehr passiert nicht, der Clip ist nur 13 Sekunden lang. Aber dies ist nicht irgendein Avatar – sondern der von Tracy Anderson. Und die versteht nicht nur viel von Fitness und PR, sondern hat eine loyale Fangemeinde.

Und deshalb regnet es nun hundertfach Glückwünsche, Danksagungen und Herz-Symbole. Tracy Anderson – die Eingeweihten sagen: TA – hat über die Jahre ein weltweites Gefolge geschaffen. Es gibt Studios in Manhattan und Los Angeles, in den Hamptons und Madrid, ihre Anhänger betrachten ihren Körper als Kunstwerk, jedem Pfund wird mit Tracy-Übungen der Garaus gemacht. Die es sich leisten können, nehmen gar ihre eigene von Anderson ausgebildete Trainerin mit auf Reisen. Verrückt, aber in der TA-Welt ist vieles anders. Hier dazuzugehören ist zum Statussymbol geworden. Vor Jahren schon kostete die Mitgliedschaft monatlich 900 Dollar. Selbst wer bereit war, diese Summe auszugeben, kam vielleicht nicht zum Zug, es gab ewig lange Wartelisten. Als Corona ausbrach, änderte sich all das. Im März schlossen alle Studios.

„Die kleinen Muskeln sind der Schlüssel zum Traum­körper.“ TRACY ANDERSON

Bald schon konzentrierte sich Anderson auf das, was sie am besten kann: Verwandlungen. Das hat sie mit Abertausenden Köpern getan, nun krempelt sie ihr eigenes Unternehmen um. Herkömmliches Training bot sie nur noch am Standort Madrid an und außerdem im Garten ihres Studios in Water Mill auf Long Island für wenige ausgesuchte Teilnehmer im Sommer, aber auch damit war Mitte Oktober Schluss.

Heute trifft sich die #tamily oder der #tamtribe in der virtuellen Umkleidekabine ihres Onlinestudios. Man tauscht sich über das Training aus und über das Leben, keiner der
Kommentare darf nach außen dringen. War früher eine Location schicker als die nächste, so findet man heute unter dem Hashtag #tracyandersonmethod Frauen, die in beengten Apartments ihre Yoga-Matte ausrollen. Die virtuelle Mitgliedschaft kostet 90 Dollar monatlich, für TA-Verhältnisse ein Schnäppchen.

Ihre Methode zielt nicht auf den Bizeps und andere Hauptmuskeln, die beim Gewichtheben, Fahrradfahren, Boxen oder Joggen beansprucht werden, sondern auf die tief liegenden vernachlässigten Muskeln. Es wird getanzt und gehüpft, der ganze Körper soll in Bewegung sein. Der Trick sei, so Anderson, die Übungen regelmäßig zu variieren. Alle zehn Tage wird das Workout gewechselt, die Muskeln dürfen sich nicht an die Beanspruchung gewöhnen. Gwyneth Paltrow und Madonna sind zwei ihrer Paradeschüler. Paltrow wandelte sich zur Geschäftspartnerin, beide promoten sich bei jeder Gelegenheit gegenseitig.

„Ich bin Choreografin, Wissenschaftlerin, Designerin und Lehrerin.“ TRACY ANDERSON

Tracy Anderson ist die wohl berühmteste Personal Trainerin der Welt, aber längst ist sie
viel mehr als das. Sie hat ein globales Fitness-Imperium aufgebaut. Seit 2018 ist sie auch CEO ihres Unternehmens. Sie gibt ein eigenes Hochglanzmagazin heraus, verkauft Fitnessoutfits und -zubehör, außerdem über 170 DVDs mit ihren Übungen.

Und sie weiß, zu jedem Unternehmen gehört eine gute Geschichte. Ihre geht so: Tracy wuchs im Tanzstudio ihrer Mutter in Indiana auf, träumte vom Leben als Ballerina. Ging zum Tanzstudium nach New York, aber trotz stundenlangen täglichen Trainings nahm sie rätselhafterweise so zu, dass sie heute mit jeder Übergewichtigen mitfühlen kann. Die Tanzkarriere musste sie an den Nagel hängen. Stattdessen lernte sie jahrelang alles über Muskeln, Knochen und Ernährung, protokollierte Erfolge bei 150 Frauen, konsultierte Sportmediziner, Neurologen und Orthopäden.

Anderson bezeichnet sich als Designerin. Und sie verspricht nicht weniger als Perfektion. Sichtbare Veränderung garantiert sie schon nach vier Wochen, bei egal welchem Körper.  Wenn, ja wenn nur, man die nötige Disziplin aufbringt. Also ordentlich schwitzen, und zwar täglich, Kraft- und Ausdauertraining kombiniert, Raumtemperatur von 35 Grad. In einem ihrer Bücher schrieb sie: „Es ist wie eine Schönheitsoperation ohne chirurgischen Eingriff – ich modelliere die bestehende Figur um und forme daraus den Körper, den Sie schon immer haben wollten.“ Ihr Privatleben ist nicht perfekt, auch das bringt sie vielen Kundinnen näher. Die zweifache Mutter ist zweimal geschieden, vor zwei Jahren machte ihr Verlobter einen Rückzieher, nun ist sie mit dem Nächsten verlobt.

Mit dem virtuellen Umbau hat Anderson lange vor Corona begonnen. Schon im Dezember 2014 fing sie an, ihre Klassen online zu streamen, jede Woche stellte sie eine Master­class ins Netz. Den Lockdown hat sie genutzt, um ihre Social-Media-Präsenz zu stärken. Was das Studio der Zukunft konkret können soll, hat sie bisher nicht verraten, in jedem Fall soll es „interaktiv“ sein. Schon jetzt gibt es virtuelle Körper-Checks und Beratungen, bald wird ein virtuelles Café folgen.

Issue1/21
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