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Veronica Chou by Michaela Cordes | 5. März 2021 | Personalities

Nach einem Trip durch Nepal änderte Veronica Chou ihr Leben. Die 36-jährige Unternehmerin und Erbin eines chinesischen Textil-Imperiums setzt nach jahrelanger Erfahrung in Fast Fashion jetzt nur noch auf Nachhaltigkeit.

Die Erkenntnis, sich ganz neu ausrichten zu wollen, kam mitten in der Nacht, während einer Trekking-Tour durch Nepal. Kurz vor ihrem 30. Geburtstag hatte die Jungunternehmerin sich eine Auszeit genommen, nachdem sie acht Jahre lang im Akkord über 1.000 Fashion-Shops rund um Hongkong und Schanghai eröffnet hatte. „Eine Woche lang Yoga, ich war umgeben von Natur, nur für mich“, erzählt Veronica Chou in einem Zoom-Call zwischen Hongkong und Hamburg. „Am Tag, bevor ich den höchsten Gipfel dieser Tour erklimmen sollte, gab es da diesen Moment – ich wachte gegen Mitternacht auf und hatte plötzlich diese Eingebung: Was immer ich in der Zukunft anpacke, darf nur noch mit Nachhaltigkeit zu tun haben.“

„Wenn ich abends nach Hause kam, konnte ich kaum atmen und mein Gesicht und Hände waren schwarz.“ VERONICA CHOU

Eine Überzeugung, die aus vielen Jahren Erfahrung im Mode-Massenmarkt gewachsen ist. Seit ihrem 24. Lebensjahr hatte Veronica Chou zwölf große Modemarken wie Karl Lagerfeld, Ed Hardy, London Fog oder Candie’s nach China gebracht. Aber trotz ihres wirtschaftlichen Erfolgs hatte der berufliche Alltag die junge Frau mit der Zeit immer nachdenklicher gemacht. „Die Erlebnisse aus dieser Zeit haben sich tief in mein Gedächtnis gebrannt: Jedes Mal, wenn ich aus dem Flugzeug stieg, fühlte es sich an, als würde ich in eine Sandwolke laufen. Meine Atemwege waren verstopft, mein Gesicht und meine Hände waren schwarz, wenn ich am Abend nach Hause kam. Das gehörte zu meinem Alltag. Jeder, der damals in Asien lebte, kannte das. Das Thema Umweltvergiftung war riesig“, erinnert sie sich.

Um die Bedeutung ihres Richtungswechsels zu verstehen, muss man in die Historie der Familie Chou einsteigen, die über mehrere Generationen mit visionären Ideen zu einer Instutition in der Textilwirtschaft geworden ist, weit über die Grenzen Chinas hinaus: Veronicas Großvater ist der 101-jährige Textil-Tycoon Chao Kuang-piu, der sogenannte Wollmagnat, dem die größten Strickwarenfabriken gehörten. Ihr Vater, Silas Chou, ist der Unternehmer hinter dem Erfolg von Marken wie Tommy Hilfiger oder Michael Kors.

„Ich bin praktisch in unseren Jeans- und Strickwarenfabriken aufgewachsen“, sagt Veronica Chou über ihre frühen Jahre in Hongkong. Bereits als Teenager habe sie als Praktikantin in den Familienunternehmen gearbeitet und so die Strukturen und die Herstellung besser kennengelernt. „Schon damals habe ich immer wieder nachgefragt: Warum ist es hier so staubig? Warum riecht es so merkwürdig? Wohin geht das Farbwasser nach dem Färben?“ Aber damals habe man die Herstellungsprozesse einfach so hingenommen und sich keine weiteren Gedanken um die Konsequenzen gemacht. „Als ich dann später selbst ins Geschäft einstieg und meine eigenen Geschäfte in China eröffnete, wurde mir bewusst, dass das Thema Umwelt immer stärker ins Gespräch kam, und ich sah mich praktisch gezwungen, mich viel intensiver als bisher mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinaderzusetzen.“

Ein weiterer, ungesunder Aspekt in der Modeindustrie machte ihr außerdem zu schaffen: „Im Modegeschäft aufzuwachsen bedeutete für mich als junge chinesische Frau auch, mich ständig mit den mageren Supermodels von damals zu vergleichen.“ Schon in der Highschool im amerikanischen Internat hingen ihre Mitbewohnerinnen Modeposter im gemeinsamen Zimmer auf, machten alle möglichen ungesunden Diäten und, wie Chou fand, „absurd viel Sport“. Dazu seien in den amerikanischen Medien kaum asiatische Frauen vorgekommen. „Ich fühlte mich daher viele Jahre unterrepräsentiert und einem enormen Druck ausgesetzt. Diese Erfahrungen haben mir Lektionen für die Zukunft geschenkt. Mir wurde klar: Alle Nationen, Kulturen und Körpergrößen müssen sich in einer heutigen Modemarke wiederfinden.“

„Im Modegeschäft aufzuwachsen hat mich schon als junge Frau unter Druck gesetzt. Deswegen sind wir heute ,size inclusive‘.“ VERONICA CHOU

2015, nach der Rückkehr von ihrem Trekking-Trip, setzte Veronica Chou ihre Idee in die Tat um: Sie verkaufte ihre Firma Iconix Brand Group und stieg ganz auf das Thema Nachhaltigkeit um. Eine mutige Entscheidung, bei der ihre zwei älteren Halbbrüder sie von Anfang an unterstützten. Die beiden hatten zu dem Zeitpunkt schon Erfahrung mit ökologischen Geldanlagen und halfen ihr, Firmen zu finden, die nach alternativen Textiltechnologien forschten. Wie reagierte ihr Vater auf die plötzliche unternehmerische Kehrtwende? „Er hat nie versucht, mir meinen Entschluss auszureden. Zunächst hat er es nicht richtig verstanden und sich gewehrt, wenn ich bei ihm zu Hause alle Produkte in organische umwandeln wollte. Heute ist seine unternehmerische Haltung: Wenn es um Nachhaltigkeit geht, dann wende dich an meine Tochter!“

„Mit Ausbruch der Pandemie hat sich das Bewusstsein für Nachhaltigkeit verschärft.“ VERONICA CHOU

Vor etwas über einem Jahr – kurz vor dem Ausbruch der Pandemie – gründete Veronica Chou ihr eigenes Unternehmen Everybody & Everyone. Nicht nur ist das nachhaltige Modelabel für Frauen mit Sitz in den USA „size inclusive“ – das heißt, dass alle Artikel in Kleidergröße 00 bis 24 angeboten werden –, es geht der jungen Unternehmerin auch darum, die Gesellschaft zu einer nachhaltigeren Lebensweise zu erziehen und die Forschung nach neuen, okölogischen Materialien zu fördern. So hat sie sich zum Beispiel verpflichtet, einen Baum für jedes verkaufte Produkt zu pflanzen. „Bei uns findet man keine Partykleider“, sagt sie. „Die sollte man ohnehin nur noch secondhand kaufen.“ Bei Everybody & Everyone setzt man auf tägliche Basics. Mit Teilen, die vielfältig einsetzbar sind. Zum Beispiel einen Rollkragenpullover, bei dem man den Kragen abnehmen kann und ihn auch als Rundhalspullover tragen kann. Oder eine knitterfreie Hose aus fermentiertem Zucker, die sich je nach Absatzhöhe der Schuhe mithilfe von einem umknöpfbaren Saum verlängern oder kürzen lässt. Es gibt eine Winterjacke aus recyceltem Plastik, die man auf Wunsch per Reißverschluss als kurze Cropped-Jacke oder als langen Parka tragen kann.

Die Aufmerksamkeit auf innovative, nachhaltige Materialien zu lenken und diese an ihre Kunden zu vermarkten gehört heute zu Veronica Chous größten Leidenschaften. Anfang des Jahres hat sie mit ihrem Label die erste Athletic-Wear-Kollektion eingeführt, die aus biologisch abbaubarem Nylon gefertigt ist. „Normales Nylon braucht 100 Jahre, um sich abzubauen, unseres nur drei.“

Gemeinsam mit ihrer Familie fördert Veronica Chou heute auch die Erforschung neuer, nachhaltiger Textilmaterialien und investiert schon seit vielen Jahren in Firmen wie etwa Modern Meadow, die Leder im Labor herstellen, „sodass man keine Kuh mehr töten muss, um an Leder zu kommen“. Zusammen mit ihrer Freundin Emily Lam-Ho hat Chou in die Sneaker-Company Thousand Fell investiert, die den ersten voll recycelbaren Turnschuh herstellt. Kunden haben hier die Möglichkeit, ihr altes Paar Sneakers zurückzugeben und in ein neues umzuwandeln. Die Entwicklung in diesem Sektor gehe unfassbar schnell voran, sagt sie. Als sie startete, fand sie gerade mal eine Firma, die Leggings aus recyceltem Plastik anbot. Heute gehöre es zum guten Ton, dass auch die großen Anbieter wie H&M oder Adidas Produkte aus wiederverwertbarem Ozean-Plastik im Sortiment haben.

„Was mich aber ganz besonders fasziniert, sind innovative Firmen, die Materialien herstellen, die unserem Planeten nicht nur nicht schaden, sondern ihm sogar guttun – solche, die durch regenerativen Anbau entstehen.“ Schonender Anbau also, durch Mischkultur, nach dem Vorbild der Natur – ohne jegliche Zusätze von chemischem Pflanzenschutz. Der Vorteil: Die Böden bleiben dauerhaft gesund und speichern mehr Kohlenstoff im Ackerboden – und der lokale Bauer verdient mehr Geld. Da er diverse Produkte anbaut, kann er auch an mehreren Abnehmern verdienen. „Wir bieten etwa ein Seidenhemd an, das aus regerenerativ angebauter Seide enstanden ist. Dazu sorgen wir dafür, dass das Hemd auch dort zusammengenäht wird, wo die Seide angebaut wird, der CO2-Fußabdruck also so gering wie möglich bleibt. Ich möchte unseren Kunden das gute Gefühl geben, dass man mit einem Kauf bei uns nicht nur sich, sondern vor allem dem Planeten etwas Gutes tut.“ Gibt es eine Firma, die in ihrem Sektor Vorbild ist? „Patagonia!“, sagt sie, ohne lange nachzudenken. Der Freizeitsport-Ausstatter („We’re in business to save our home planet“) mit Sitz in Kalifornien und 4,6 Millionen Followern auf Instagram beschäftigt über 1.000 Mitarbeiter und hat bewiesen, dass der Massenmarkt auch mit fairen, nachhaltigen Regeln zu erobern ist. „Ich bewundere, wie Patagonia mit seinen Mitarbeitern umgeht und es geschafft hat, so stark zu wachsen.“

Dazu nutze Patagonia seine beeindruckende Plattform, um mit eigenen Dokumentarfilmen das Bewusstsein der Menschen für Nachhaltigkeit zu fördern. Wenn Firmen eine so große Bedeutung haben, wachse auch ihr Einfluss auf Politik und die Regierung. „Ich bin der Meinung, dass man nicht nur den Konsumenten die Verantwortung zukommen lassen darf, nachhaltig zu konsumieren. Unsere Politik ist genauso gefordert, mit neuen Regeln und Regulatorien nachhaltiges Leben langfristig möglich zu machen und dauerhaft zu gewährleisten.“

Laut einer aktuellen, weltweit durchgeführten Studie des Capgemini Research Institute hat sich das Konsumverhalten tatsächlich mit Ausbruch von Covid-19 drastisch verändert: 79 Prozent der weltweiten Konsumenten machen heute ihre Kaufgewohnheiten von Werten wie sozialer Verantwortung, Inklusivität und Auswirkung auf die Umwelt abhängig. 69 Prozent der Konsumenten entscheiden sich seit Ausbruch der Pandemie für nachhaltige Produkte. Hat sie das auch an ihren Umsätze mit ihrem neuen Unternehmen gemerkt? „Absolut!“, sagt Veronica Chou. Wir sind noch jung im Geschäft, aber wir haben in jeden einzelnen der 50 Staaten in den USA geliefert.“

„Wir haben dreimal am Tag die Wahl, uns für Nachhaltigkeit zu entscheiden. Das muss man sich bewusst machen.“ VERONICA CHOU

Ihre typische Kundin sei eine Frau in ihrem Alter, die aufmerksam beobachte, was um uns herum passiert. „Die Corona-Pandemie ist für viele Menschen ja gleichbedeutend mit einem Reset. Weil alles geschlossen hat, war man schon mit dem ersten Lockdown gezwungen, raus in die Natur zu gehen. Und auf einmal fällt uns auf, was das für ein wertvolles Gut ist: die gesunde Natur!“ Und diese Tatsache zeige uns allen täglich: Nachhaltigkeit ist wichtig! Ohne die Natur können wir nicht gesund leben. „Darüber gibt es etliche Untersuchungen – was für einen positiven Einfluss der Kontakt mit Natur für uns hat. Schon ein Spaziergang im Wald sorgt für bessere Laune und stabilisiert deine Psyche.“ Aus dieser Erfahrung habe sich auch eine größere Neugierde ergeben – auch was nachhaltige Mode angeht. „Wir merken, dass Kunden jetzt durchaus bereit sind, etwas mehr Geld auszugeben, wenn sie dafür im Gegenzug etwas tun, was den Planeten gesund hält. Wir müssen uns bewusst machen, dass jeder von uns dreimal am Tag die Wahl hat, sich zu entscheiden: Mit jeder Mahlzeit, die wir essen, treffen wir eine Wahl. Und so ist es auch mit jedem Kleidungsstück, das wir anziehen.“

Veronica Chou lebt mit ihren fünfjährigen Zwillingen eigentlich in London. Mit Ausbruch der Pandemie ist sie aber nach Hongkong gezogen. Ihre Firma Everybody & Everyone, die ihren Hauptsitz in New York City hat und bisher ausschließlich Kunden innerhalb der USA beliefert, hat sie über Zoom gelauncht. In den USA, so Chou, säßen immer noch die modernsten Firmen, was Werkstoffkunde angeht. Dafür sei China fortschrittlicher, was die Herstellungstechnologien betrifft. Früher habe man für ein Produkt viele Samples hin- und herschicken müssen. „Heute geschieht das ganz einfach über einen 3-D-Scan.“

Auch die Herstellung in den chinesischen Fabriken habe sich in den letzten Jahren verändert, sagt sie. „Ganz eindeutig. Alle Fabriken, mit denen wir in China arbeiten, sind zertifiziert und nutzen erneuerbare Energien. Die chinesische Regierung drängt dazu sehr auf die Nutzung von grünen Technologien. Wie etwa die Fabrik, von der wir die biologische Seide beziehen. Alle benachbarten Farmen zogen nach, nachdem sie das Beispiel sahen, weil sie erkannt haben, dass der regenerative Anbau auch lukrativer ist.“ Dazu gebe es jetzt auch globale Initiativen, die weltweit Fabriken unterstützten – auch in China. Die größte US-Organisation sei der Natural Resources Defense Council (NRDC). Mit ihrem „Clean by Design“-Programm hilft die Organisation auch Fabriken in China mit einem 10-Schritte-Programm, etwa auf LED-Beleuchtung umzusteigen und so genau verfolgen zu können, wie viel Energie sie bei ihrer Produktion verbrauchen. Mit besserer Isolierung der Gebäude und cleveren Alternativen, wie man mit dem Abwasser nachhaltiger umgeht, lernten die Fabriken auch, dass sie schon innerhalb eines Jahres sparsamer produzieren können. Ihr Ziel? „Es geht mir weniger um das Geldverdienen, vor allem um Sinnhaftigkeit.“

IssueGG Magazine 02/21
City/CountryNepal
PhotographyVictoria Tang-Owen