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Silvia Earle by Steffi Kammerer | 4. Juni 2021 | Personalities

Sylvia Earle ist ein Glück für unsere Ozeane. Deren Schutz ist das Lebensziel der berühmten Meeresbiologin. Mit 85 Jahren kämpft sie noch immer unermüdlich. Ihre Botschaft: The time is now! Es geht um unser Überleben.

„Behandeln Sie den Ozean so, als hinge ihr Leben davon ab. Denn genau so ist es.“ SYLVIA EARLE

Sie ist eine hochdekorierte Wissenschaftlerin, aber auch – und diese Kombination ist selten – eine gute Erzählerin. Eine, die ihre Botschaften in einprägsame Sätze verpackt, die haften bleiben wie Slogans.

„No water, no life. No blue, no green“, bringt Sylvia Earle es in ihren Reden auf den Punkt. „Wo kein Wasser, da kein Leben, ohne Blau kein Grün.“ Und noch kürzer: „No ocean, no us.“ Wenn sie etwas weiter ausholt, sagt sie es so: „Behandeln Sie den Ozean so, als hinge Ihr Leben davon ab, denn genau so ist es.“ Einfach weil die Meere über die Hälfte des Sauerstoffs liefern, den wir atmen, weil nirgendwo mehr CO2 abgebaut wird als in ihrer Tiefe. Weil kaum mehr Zeit bleibe!

„Schwertfische zu essen ist, als würde man die letzten Bengalischen Tiger verspeisen.“ SYLVIA EARLE

Und dann legt sie nach: dass in den letzten 50 Jahren mehr als 90 Prozent der großen Fische aus den Meeren verschwunden seien, wie lebenswichtig aber etwa Haie für das Ökosystem sind. Wie zentral auch Korallenriffe seien. „Aber die Hälfte der Riffe haben wir weltweit verloren.“ Sie sagt, welch unglaubliche Zerstörung wir in nur einer Generation angerichtet haben. Earle kann es beurteilen wie kaum jemand sonst, sie hat mit eigenen Augen gesehen, wie sich das Leben unter Wasser in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Schwertfische, beklagte sie mal, würden nicht einmal mehr ihr Brutalter erreichen: „Diese Fische zu essen ist, als würde man die letzten Bengalischen Tiger verspeisen.“

Ihre klare Sprache kam den Ozeanen im Jahr 2006 zu Hilfe. Da nämlich fand sich die Amerikanerin – berühmteste Meeresforscherin ihrer Generation – bei einem Abendessen neben dem damaligen Präsidenten George W. Bush wieder. Sylvia Earle nutzte ihre Chance. Und George W. Bush, der sich bisher so gar nicht als Umweltschützer hervorgetan hatte, hörte ihr zu. Sie sagte: „Wenn die Fischer überleben wollen, brauchen sie Fische.“ Und die eben bräuchten Schutzräume, sonst gäbe es bald keine mehr. Bald darauf verblüffte Bush nicht nur seine Kritiker: Er schuf das damals weltgrößte Marinereservat vor der Küste Hawaiis, das Papahanaumokuakea Marine National Monument. Der Präsident sagte bei der feierlichen Unterzeichnung, Earle habe ihm einen „ziemlich guten Vortrag über das Leben gehalten“. Es ging um 140.000 Quadratmeilen. Oder, wie Bush selbst sagte, eine Fläche, hundertmal größer als der Yosemite National Park. 2009, in seinen letzten Tagen im Amt, fügte er knapp das Anderthalbfache der Fläche hinzu. Und sieben Jahre später vervierfachte Barack Obama, sein Nachfolger, das geschützte Gebiet.

Sylvia Earle wusste früh, dass sie Wissenschaftlerin werden wollte. An der Duke University promovierte sie über Algen. Heute ist sie 85 Jahre alt. Weit über 7.000 Stunden ihres langen Lebens hat sie unter Wasser verbracht – mehr als neun Monate. Fand sich schon mal umzingelt von Dutzenden von Haien und hatte trotzdem immer nur den Wunsch: wieder hinab in den unerforschten Ozean, noch tiefer in die Dunkelheit, dorthin, wo nie jemand vor ihr gewesen war. „Onward and downward“, so fasst sie ihre Sehnsucht zusammen. 1979 stieg sie mit einem Tauchanzug, der aussieht, als sei er für den Mond gemacht, in über 381 Meter Tiefe hinab, ohne angeleint zu sein. Ein Weltrekord bis heute, zwei Stunden lang blieb sie allein auf dem Meeresboden.

Earle war drei Jahre alt, als sie das erste Mal mit dem Ozean in Berührung kam. Damals war sie mit den Eltern und ihren Brüdern in New Jersey am Strand. Eine Welle erfasste sie. Den Schreckmoment hat sie so beschrieben: „Damit hatte das Meer meine Aufmerksamkeit.“ Als sie 12 Jahre alt war, zog die Familie nach Florida, der Golf von Mexiko wurde ihre Spielwiese. Über 100 Expeditionen hat sie im Laufe ihrer Karriere angeführt, mehr als ein Dutzend Bücher hat sie geschrieben, Pionierin war sie dauernd. Zeit für ein Privatleben nahm sie sich außerdem, sie war dreimal verheiratet und hat drei Kinder.

1964 fand sie sich als einzige Frau auf einer Expedition mit 70 Männern wieder. Sechs Jahre später blieb sie zwei Wochen unter Wasser: führte eine Gruppe von fünf Frauen an, die in einem Labor in 15 Metern Tiefe forschten. Eine Premiere, weibliche Aquanauten hatte es bis dahin nie gegeben, auch Astronautinnen wurden erst acht Jahre später ausgebildet. Die Medien stürzten sich auf die Frauen-Crew, tauften sie „Aquababes“, „Aquachicks“, oder „Aquanaughties“. Chicago feierte sie nach ihrer Rückkehr mit einer Konfettiparade.

Als erste Frau wurde Sylvia Earle Chef-Wissenschaftlerin der nationalen Ozeanografiebehörde in Washington, D. C. 2017 nahm sie das „Time Magazine“ aufs Cover. „Mission Blue“, die Netflix-Dokumentation über ihr Leben und ihren Einsatz für die Meere, haben Millionen gesehen. Für junge Aktivisten und Wissenschaftler ist Sylvia Earle ein Idol. Heute lebt sie in Oakland, in der Bucht von San Francisco. Sie taucht noch immer, spricht vor Schülern und UN-Delegationen, twittert und mahnt. Neugierig wie sie ist, hat sie auch einen Instagram-Account. Über 13.000 Menschen folgen ihr, auch wenn sie nur fünf Beiträge gepostet hat. Zwei Firmen hat sie gegründet, die letzte ist bald 30 Jahre alt und baut Mini-U-Boote. Als Taucherin weiß Earle selbst am besten, wie ein mechanischer Greifarm beschaffen sein muss, damit er ihr in der dunklen Tiefsee nutzt. Mit ihrem Ex-Mann, dem britischen Ingenieur Graham Hawkes, entwickelte sie das U-Boot „Deep Rover“, das es bis zu 1.000 Meter in die Tiefe schafft.

2009 hielt Sylvia Earle einen viel beachteten TED Talk. Da sagte sie, das kommende Jahrzehnt würde über die nächsten 10.000 Jahre entscheiden. Sie gewann den jährlichen TEDPreis, damals dotiert mit 100.000 Dollar. Ausgezeichnet wird dabei ein Wunsch, der die Welt verändern könnte. Ihrer war: Der Ozean solle genauso beschützt werden wie das Land. Mit dem Preisgeld gründete sie eine Stiftung, Mission Blue, und begann, mit mehr als 200 Partnern sogenannte Hope Spots zu bestimmen. Schutzzonen in den Ozeanen, die helfen sollen, dass sich das Meer und seine Bewohner regenerieren können. Es sind Gebiete, die sich durch besondere Artenvielfalt auszeichnen, etwa 17.000 Kilometer Küstenlinie vor Neuseeland. Heute gibt es weltweit mehr als 130 solcher Hope Spots.

Als Earle vor über zehn Jahren ihren TED Talk gab, war nur ein Prozent der Meere geschützt. Heute sind es immerhin knapp sechs – mithilfe ihrer Hope Spots sollen es 30 Prozent werden. Dieses Ziel hat sich die Retterin der Meere für 2030 gesetzt.

IssueGG Magazine 03/21
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