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Viva con Agua by Michaela Cordes | 4. Juni 2021 | Personalities

Soziales Engagement mit Spaß – mit dieser Haltung gründete der Ex-Fußballprofi Benjamin Adrion vor 15 Jahren die Non-Profit-Organisation Viva con Agua. Seitdem konnten bereits 3,6 Millionen Menschen erreicht werden. In Südafrika startet der Vater von zwei Kindern mit der ersten Villa Viva jetzt in das nächste Erfolgskapitel.

Benjamin Adrion war gerade mal 25, als er nach einer Kuba-Reise beschloss, die Profifußballschuhe an den Nagel zu hängen und sich nur noch einem Ziel zu widmen: allen Menschen den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen. 15 Jahre und ein Bundesverdienstkreuz später hat er mit Viva con Agua eine weltweite Bewegung geschaffen, die mit aktiven Organisationen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Uganda sowie rund 15.000 ehrenamtlichen Unterstützer*innen aktiv ist. Mit der Eröffnung der Villa Viva in Kapstadt startet der Sozialunternehmer jetzt in eine internationale Zukunft.

„Vor 15 Jahren waren wir zu zweit, heute werden wir von 15.000 Menschen unterstützt.“ BENJAMIN ADRION

Vor ziemlich genau 15 Jahren haben Sie einen mutigen Schritt gewagt und Ihr Leben komplett umgekrempelt. Statt einen neuen Vertrag zu unterschreiben, stiegen Sie aus dem Profifußball aus und gründeten Viva con Agua, damals noch ein kleiner, gemeinnütziger Verein. Können Sie sich gefühlsmäßig zurückversetzen: Wie hat sich das damals angefühlt?

Das war natürlich schon ein einschneidender Moment. Sechs Jahre lang hatte ich so mein Geld verdient. Mit zehn oder spätestens zwölf habe ich angefangen, leistungsorientiert Fußball zu spielen. Mit 14 kam ich in die Nationalmannschaft. Mit 18 hatte ich auch schon mal neun Monate aufgehört, Fußball zu spielen, weil mir dieser ständige Trott begann, gegen den Strich zu gehen. Ich spürte, dass ich mich häufiger mit der Frage beschäftigte: Wann beginnt das Leben nach dem Fußball? Ich bin deutscher Meister geworden, habe beim VfB Stuttgart gespielt, beim deutschen Serienmeister der Jugend. Das war damals schon alles ernsthaft. Von daher gab es nie das Gefühl: Ach, ich hab ja voll früh aufgehört, sondern eher: Im ersten Drittel meines Lebens habe ich viel Zeit mit Fußball verbracht.

Wie kamen Sie damals ausgerechnet auf das Thema Sauberes Trinkwasser für alle?

Das Wasser kam zu uns wie eine glückliche Fügung. Die erste Idee war eigentlich, das Netzwerk rund um meinen damaligen Verein, den FC St. Pauli, zu nutzen, um einen anderen, freudvollen und mit viel Spaß verbundenen Zugang zu sozialem Engagement zu ermöglichen. Die Idee war: Netzwerk, Community und jetzt Rock ’n’ Roll für das Gute in der Welt! Und zwar All-Profit, weil Non-Profit klingt so freudlos. Eigentlich ging es mir zu Beginn um das Movement, um die Plattform, um das Zusammen-können-wir-was-schaffen. Dafür steht das „Viva“, und das zeigt sich ja auch 15 Jahre später: Viva con Agua, Villa Viva, unser neues Begegnungshaus und Headquarter mitten in Kapstadt, es bleibt alles Viva. Es geht vor allem um die Verbindung, um die Freude am Leben und an der Sache. Das Engagement für sauberes Trinkwasser ergab sich dann mit dem richtigen Partner. Nach dem Trainingslager in Kuba kam der Kontakt zur Welthungerhilfe zustande – und die hatten ein Wasserprojekt vor Ort. Eine glückliche Fügung, denn Wasser ist essenziell für alles Leben, das kann jeder nachvollziehen. Aber es ging mir am Anfang nicht um das Wasser allein, sondern auch um die starke Message: Hey, wir haben so viel Überschuss und so viele Möglichkeiten, es kann doch nicht wahr sein, dass wir nicht die Welt in Bewegung setzen, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.

Ihr erstes Projekt erfolgte ein Jahr vor der offiziellen Gründung Ihrer Organisation. In Kooperation mit der Welthungerhilfe bauten Sie ab 2005 an 153 Kindergärten Trinkwasserspender. Heute engagieren sich rund 15.000 Ehrenamtliche für Viva con Agua. Das reicht von Deutschland, Österreich, Schweiz und den Niederlanden bis nach Uganda. Vergangenes Jahr wurde Viva con Agua South Africa neu gegründet. Woher kommt das große Interesse am sozialen Engagement – sind Sie damit groß geworden?

Das kann ich nicht so sagen. Ich bin in Stuttgart aufgewachsen, als ältester von drei Geschwistern. Mir fiel es immer schon leicht, eine Führungsrolle in der Gruppe einzunehmen, als Klassensprecher oder Mannschaftskapitän im Fußball. Ein großes Thema war auch immer mein Gerechtigkeitssinn. Ich merke das bis heute, sogar wenn mein Sohn einen abfälligen Kommentar zu seinem Kumpel macht, da geht bei mir die Alarmglocke an.

Gab es einen bestimmten Auslöser, einen Moment, der den Anfang für Ihr heutiges soziales Engagement repräsentiert?

Auf der Rückfahrt von einer Reise nach Jamaika, dieser besonderen Insel mit ihrem ursprünglichen Vibe und der Rasta-Kultur, blieben wir einen Tag und eine Nacht in Miami Beach. Abends sind wir zum Ocean Drive und standen plötzlich inmitten von Stretchlimos und sehr vielen schönheitskorrigierten Menschen. Die sahen alle so aus, als wären die auf einer richtig coolen Party, aber wenn man genauer hinguckte, sah man: alles Plastik, von innen hohl, keine Qualität, Trash! Das war ein so starker Kontrast zu Jamaika, ein echter Schock. Alter, dachte ich nur, und das soll jetzt Fortschritt sein? Das wird uns als erstrebenswert verkauft? Das bezeichnen wir als Entwicklung? Eine äußere Schale, die aber mit dem, was essenziell ist, nichts zu tun hat. Ich war 23, und mir wurde zum ersten Mal klar, wie sehr unsere Prioritäten aus dem Ruder gelaufen sind. Ein augenöffnender Moment. Heute halte ich es für sehr empfehlenswert, sich ab und zu in Ländern aufzuhalten, in denen nicht der westliche Standard herrscht, wo die eigene Perspektive geradegerückt wird und man feststellt, wie privilegiert wir sind.

„Es gibt fast 600 Millionen Menschen,die keinen Zugang zu Trinkwasser haben. Das spornt mich an!“ BENJAMIN ADRION

Seit Gründung von Viva con Agua hat sich die weltweite Trinkwassersituation verbessert. Waren vor 15 Jahren noch 1,2 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser, ist es heute nur noch die Hälfte. Das klingt nach einem großen Erfolg. Hat sich die Not halbiert?

Ja, einerseits macht das Mut. Auch dass die Vereinten Nationen 2010 den Zugang zu sauberem Wasser und sicheren Sanitäranlagen als Menschenrecht anerkannt haben. Und dass Viva con Agua über seine Projekte die Lebensbedingungen von 3,6 Millionen Menschen verbessern und die Aufmerksamkeit für das Thema stetig erhöhen konnte. Andererseits gibt es immer noch fast 600 Millionen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben – das sind mehr Menschen, als in der gesamten EU leben – und über zwei Milliarden sind ohne Zugang zu einer funktionierenden Sanitärversorgung. Insgesamt steuern wir auf eine Wasserkrise zu. Denn nur zehn Prozent des Wasserbedarfs gehen auf das Konto des privaten, persönlichen Konsums. Die übrigen 90 Prozent gehen für die Industrie und Landwirtschaft weg – und der Bedarf wird weiter steigen. Hinzu kommt der Klimawandel. Die wahre Nachricht ist daher: Super – mehr Menschen haben einen Zugang, gute Entwicklung, weitermachen! Aber gleichzeitig darf man sich nicht in Sicherheit wiegen.

„Es gab da diesen Moment, in dem ich mich fragte: Wann beginnt das Leben nach dem Fußball?“ BENJAMIN ADRION

Sie meinen die virtuelle Wasserproblematik. Die Menge Wasser, die tatsächlich zur Herstellung eines Produktes gebraucht wird?

Genau. Es ist ja kein Geheimnis, dass etwa Rindfleisch in der Produktion sehr viel Wasser verbraucht (Für die „Produktion“ von nur einem Kilogramm Rindfleisch werden bis zu sieben Kilogramm Futtermittel und 15.300 Liter Wasser benötigt, Anm. d. Red.). Auch Kaffee, Avocado oder Baumwolle haben einen sehr hohen Wasserfußabdruck – und unser Konsum steigt stetig. Früher gab es bei uns einmal in der Woche den Sonntagsbraten. Heute gibt es in der westlichen Welt Fleisch zum täglichen Verzehr. Diese Entwicklung kommt jetzt verzögert auch in anderen Ländern an. Beispiel Südafrika: In ländlichen Gegenden gibt es sehr selten Fleisch, es ist die Ausnahme zu Festtagen. Aber bereits in Kapstadt ist das anders. Aus meiner Sicht ist das eine natürliche Entwicklung, nicht nur auf den Fleischkonsum bezogen. Jede*r strebt nach dem Bestmöglichen, nach einem Eigenheim, jede*r will ein Auto, jede*r will diese Entwicklung, die wir in der westlichen Welt vorgemacht haben. Das Problem ist: Was wir vorgelebt haben, ist nicht nachhaltig.

… Sie meinen, erst wenn ein gewisser Wohlstand erreicht ist, fängt man an, darüber nachzudenken, dass das gar nicht funktionieren kann?

Ja, irgendwann stellen wir fest: Das ganze Geld auf meinem Bankkonto macht mich gar nicht glücklich. Das neue Auto bringt zwei Wochen Spaß, und danach habe ich mich daran gewöhnt. Hinzu kommt eben, dass wir eine nicht nachhaltige Vorlage geliefert haben und jetzt nicht hingehen und sagen können: „Ja, für uns war das okay, aber für euch gilt das nicht.“ Dementsprechend ist der Druck auf die Wassersysteme nach wie vor enorm und eigentlich stetig steigend. Das gilt auch für andere Bereiche: Vor Kurzem habe ich einen Bericht gelesen, in dem stand, dass es jetzt zum ersten Mal mehr von Menschenhand hergestellte Masse als Biomasse auf diesem Planeten gibt.

Gibt es aus Ihrer Sicht Hoffnung, dass sich durch Corona das Bewusstsein geändert hat? Vielleicht weil die Menschheit durch die Pandemie zum ersten Mal gespürt hat, dass wir uns einen Planeten teilen und unsere Aktionen Auswirkungen auf andere haben?

Ich glaube, es gibt den Teil. Aber es gibt auch einen Trend, der zeigt, das einzelne Länder sich plötzlich doch sehr auf sich selbst fokussieren. In Deutschland zum Beispiel fällt mir auf, dass sich darüber beschwert wird, wie katastrophal die Impfsituation sei, weil die Bevölkerung nicht bis Juli, sondern erst im September oder, wenn es dumm läuft, im Oktober durchgeimpft sein wird. Dass über 100 Länder auf diesem Planeten noch nicht eine einzige Packung Impfstoff gesehen haben, interessiert nur am Rande. Dazu sehe ich mit Sorge, wie die Schere zwischen Arm und Reich in der Pandemie noch größer geworden ist.

„Corona war ein Schlag in die Magengrube – viele Spendenaktionen sind einfach weggebrochen.“ BENJAMIN ADRION

Wie haben Sie die Corona-Krise zu spüren bekommen?

Bei uns sind von einem Tag auf den anderen viele Möglichkeiten weggebrochen, um Spenden zu sammeln, und nur durch die finanzieren wir uns. Viva con Agua arbeitet ja vor allem auf Veranstaltungen, an Orten, wo viele Menschen zusammenkommen: wie zum Beispiel Festivals, Konzerte und in Fußballstadien. Corona war deshalb für uns ein Schlag in die Magengrube und in den Kernbereich von Viva con Agua. Umso erstaunlicher, dass wir trotzdem gut durch das letzte Jahr gekommen sind, vor allem mit dem Verein in Deutschland. Der hat 2020 insgesamt nur drei Prozent weniger Umsatz gemacht als 2019 – und wir konnten mehr Spenden in die Wasserprojekte weiterleiten als je zuvor. Über drei Millionen Euro – Rekord! Das hängt auch damit zusammen, dass wir durch Kurzarbeit und weniger Ausgaben recht sparsam waren. Das ist erfreulich und zeigt, dass Viva con Agua mittlerweile so flexibel ist, dass wir gestärkt aus so einer Krise hervorgehen können. Durch Druck entstehen Diamanten – so ist es auch bei uns. Nur bei der Wasser GmbH sieht es nicht ganz so erfreulich aus. Weil die Gastronomie geschlossen hatte, haben wir statt knapp 40 Millionen geplanter Flaschen nur 27 Millionen verkaufen können.

Mit dem Viva con Agua Mineralwasser kann man Sie ganz einfach unterstützen: Es lässt sich in der DACH-Region bei vielen Getränkehändlern beziehen. Gleichzeitig ist das Mineralwasser ein starkes Marketing-Tool. Auf dem Etikett macht Viva con Agua auf sein Engagement aufmerksam. Sämtliche Gewinne nutzen Sie für Ihre Projekte. Wie funktioniert das genau?

100 Prozent der Gewinne aus den Lizenzgebühren fließen zurück in den sozialen Kreislauf. 60 Prozent bekommt Viva con Agua, 40 Prozent die Gesellschafter, die das Geld in neue soziale Geschäftsmodelle investieren. Es wird also alles, was zusätzlich reinkommt, für soziale Zwecke reinvestiert.

Mittlerweile ist aus dem Hamburger Verein Viva con Agua eine international tätige Organisation geworden. Gibt es Überlegungen, sich jetzt mit Persönlichkeiten wie etwa Bill Gates zusammenzuschließen, die ähnliche Ziele verfolgen?

Bill Gates hat noch nicht angerufen, aber ich warte täglich drauf (lacht). Mit der Bill & Melinda Gates Foundation hat es bereits Berührungspunkte gegeben, da die ja auch Wasserprojekte fördern. Unser Ziel für die nächsten 15 Jahre ist ganz klar: einen noch internationaleren Ansatz zu finden. Die Villa Viva in Kapstadt, die von befreundeten Investoren finanziert wurde und die wir als südafrikanisches Headquarter etablieren wollen, war die letzten 30 Jahre ein Ziel für Backpacker. Da kamen Gäste aus der ganzen Welt: aus Brasilien, Norwegen oder Kenia. Das soll gerne so bleiben. Kapstadt ist ein radikaler, internationaler Start für uns!

Erreicht man als ehemaliger Profifußballer das Tor leichter? Inwiefern hat Ihre Profifußball-Karriere Sie auf die heutige Tätigkeit mit Viva con Agua vorbereitet?

Es gibt tatsächlich viele Parallelen in Bezug auf die Gesellschaft oder Organisationen. Die Grundwerte beim Fußball sind universell: Fair Play. Du behandelst mich gut, ich behandle dich gut. Es gibt dieses Zitat von Thomas Müller, nachdem Bayern München ja noch nie so gut Fußball gespielt hat, wie in der vergangenen Champions-League-Saison. Er hat gesagt: „Wir streiten uns darum, wer dem anderen am ehesten helfen kann.“ Wenn du dieses Mindset in deinem Team hast, dann wirst du erfolgreich sein. Das gilt nicht nur beim Fußball. Mal schauen, vielleicht schreiben wir darüber irgendwann mal ein Buch.

Eine letzte Frage: 2009 wurde Ihnen vom ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Zur Verleihung nahmen Sie Ihre Eltern mit – sind die stolz auf ihren Sohn?

Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern und merke durchaus, dass die gut finden, was wir machen.

IssueGG Magazine 03/21
City/CountryCape Town, South Africa
PhotographyAndrin Fretz