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Wasser Kunst by Martin Tschechne | 4. Juni 2021 | Personalities

Die Verschmutzung der Weltmeere mit Plastikmüll wird zur zunehmenden Bedrohung. Experten sagen voraus, in 30 Jahren werde es mehr Mikroplastik in den Ozeanen geben als Fische. Diese Fakten reichen bisher nicht, damit wir umdenken. Deshalb werden nun Künstler aktiv.

Bis 2050 wird mehr Plastik durch die Ozeane wirbeln, als Fische darin schwimmen.

Kann Kunst die Ozeane retten? Bestimmt kann sie Augen öffnen. Und vielleicht wird auf diese Weise endlich deutlich, wie sehr unser Lebensstil den Planeten gefährdet. Es wäre eine schöne Hoffnung.

Das Zeug lag zwischen Algen und Muscheln am Strand. Leuchtend blau und orange, fremd und gruselig in dieser Umgebung, aber irgendwie auch toll. Chris Herms-Glang war mit ihrer Tochter aus Hamburg an die Nordsee gefahren. Ein bisschen Wind durch die Haare pusten lassen, Sand unter den Fü.en spüren. Was man eben so tut in St. Peter-Ording.

Die Strandgängerin lief zum Auto, holte ein paar Plastiktaschen und stopfte sie voll mit den Schnüren und Knoten, aufgeribbelt und verfilzt, dazwischen Federn, Muschelsplitter und Seetang. Später füllte sie alte Kopfkissen damit und steckte alles zusammen in die Waschmaschine. Und noch später – die nun sauberen, aber immer noch störrischen, vom Salzwasser gehärteten Knäuel lagen zu Hause auf ihrem Arbeitstisch – lernte sie, dass es sich um zerfetzte, verwirbelte Fischernetze handelte, dass sie einen viel zu schönen, beinahe poetischen Namen tragen, nämlich Geisternetze. Und dass eine riesige Menge davon herrenlos im Meer herumschwappt.

Die Idee mit den Perücken kam ihr einfach so. Die gelernte Grafikdesignerin hatte nach Jahren im Beruf ein Studium an der Kunsthochschule aufgesattelt; Performance faszinierte sie, die Idee einer Verbindung von Kunst und Körper, die Auseinandersetzung mit ungewohnten, eigenwilligen Materialien. Und sahen die Bündel nicht schon fast von alleine aus wie pompös auftoupierte Frisuren irgendwo zwischen Rokoko und Pop-Art?

Künstlerin oder Umweltaktivistin, so ganz festlegen mag sie sich nicht: „Es reizt mich“, sagt sie, „ein noch neues Material für die Kunst zu erkunden.“ Die formalen Möglichkeiten, die Farben, die Ästhetik, auch die Banalität des Alltags, die dem Stoff anhaftet, seine Fähigkeit, ganz beiläufig vom Zustand der Zivilisation zu erzählen – das sind Themen künstlerischer Erkundung. Dann greift sie in ihre Handtasche und zieht ein kleines grünes Buch hervor, „Plastik“ von Pia Ratzesberger. Sie blättert es auf und tippt auf eine skizzierte Karte der Weltmeere. In den Neunzigerjahren, so erläutert sie, und plötzlich klingt ihre Stimme anklagend und scharf, sei zwischen Hawaii und Kalifornien ein riesiger Strudel aus Plastikmüll entdeckt worden, viermal so groß wie Deutschland: der Great Pacific Garbage Patch. Heute gebe es weltweit fünf solcher Müllstrudel.

Fischernetze, PET-Flaschen, Einkaufstüten, Trinkhalme, Spielgeräte, Kaffeebecher, Benzinkanister, Bierkästen, Einmalgeschirr. Mehr als fünf Millionen Tonnen landen pro Jahr im Meer. Oder acht oder 13, je nach Schätzung von WWF, dem Alfred-Wegener-Institut oder den Vereinten Nationen, genau weiß es keiner. Jedes Jahr verenden 135.000 Meeressäuger und eine Million Seevögel, von den Fischen gar nicht zu reden. Und nicht zu reden vom Mikroplastik, das über die Fische und Vögel sehr schnell auch auf unsere Teller gelangt. Bis 2050, so sagen Umwelt- und Meeresforscher voraus, wird mehr Plastikabfall durch die Ozeane wirbeln oder sich auf dem Grund abgesetzt haben, als Fische darin schwimmen.

Das Entsetzen packt alle, die sich näher mit dem Thema befassen. Ob sie, wie Chris Herms-Glang, zunächst vom spröden Charme des Materials gefangen waren oder ob sie unvermittelt auf die tödliche Gefahr stoßen – etwa durch Bilder von Schildkröten, die am Plastik erstickt waren, oder von strangulierten Robben, Delfinen und Silbermöwen. Oder dem Wal, der verhungern musste, weil sein Magen von achtzig Einkaufstüten verstopft war. Für viele war es von da nur noch ein kleiner Schritt zu der Frage: Wie führt man diese Zusammenhänge denen vor Augen, die für all das Elend verantwortlich sind? Nämlich uns allen.

Durch Verführung. Durch Ästhetisierung. Durch Provokation. Auch durch Unterhaltung. Weil all das so unendlich mehr bewirkt als mahnende Reden und traurige Zahlen. Wer gelernt hat, wegzuschauen, auszublenden – der muss eben aus der Reserve gelockt werden. Mandy Barker leistet solche Übersetzungsarbeit seit Jahrzehnten. Die vielfach preisgekrönte englische Fotografin schließt sich wissenschaftlichen Expeditionen an, vom Eismeer bis zum Pitcairn-Archipel im Südpazifik; sie dokumentiert, was sie dort im Wasser treibend oder an den Stränden vorfindet, und komponiert daraus Universen von perfekter Schönheit. Losgelöst von Zeit und Erdenschwere schweben da Plastikflaschen, Kunstblumen oder Kinderspielzeug durch den Raum; selbst abgeschrubbte Zahnbürsten und platt getretene Fußbälle bekommen auf den gestochen scharfen Prints so etwas wie eine Ehrfurcht gebietende Aura. Steckt Ironie dahinter? Ein dramaturgischer Verzögerungseffekt? Die Bedrohung der Erde durch Meere von Müll erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Dann aber nachhaltig.

Was der Mexikaner Alejandro Durán dagegen an den Traumstränden seiner Heimat zusammengetragen hat, braucht keine weitere Bearbeitung am Computer. Die Dinge wurden ja produziert, so argumentiert der Künstler, um gesehen zu werden. Um Kauflust zu wecken. Der optische Lärm ist eine Bedingung ihrer Existenz. Also sammelt er dottergelbe Butterdosen aus Haiti, schwarze Shampoo-Flaschen aus Südkorea oder azurblauen Toilettenreiniger aus Norwegen. Um den Abfall dann in seinen Land-Art-Installationen nach Farben sortiert auf Felsen zu drapieren oder zwischen dem Strandgras der karibischen Halbinsel Yucatán leuchten zu lassen.

Der besondere Hohn: Die Region Sian Ka’an wird wegen ihrer Schönheit zum Weltnaturerbe der UNESCO gerechnet – doch gerade hier hat Durán Plastikmüll aus 58 Ländern dokumentiert. Der Künstler ist hier geboren. Er wünscht, irgendwann möge ihm das Material ausgehen. Sehr zuversichtlich ist er aber nicht.

Auch Tess Felix findet das Material ihrer Arbeit gleich vor der Haustür. Ein Orkan vor elf Jahren legte es vor. „Hinterher“, so berichtet die Kalifornierin, „war vor lauter Plastikmüll der Strand nicht mehr zu sehen.“ Seither sammelt sie auf, was in der Bay Area von San Francisco so angespült wird: Schraubverschlüsse, Plastikschläuche, Nylonschnüre, Brotdosen. Dann aber entzieht die Künstlerin den Fundstücken jeden Rest ihrer alten Bedeutung.

Sie lässt sie gelten allein als Material ihrer Porträts von Freunden, Popstars, Pin-up-Girls und Umwelthelden – und setzt damit um, was Roland Barthes dem Plastik einst attestiert hatte: Es sei, so schrieb der französische Philosoph 1957 in seinen „Mythen des Alltags“, nicht einfach eine Substanz, sondern „die Idee ihrer unendlichen Transformation“. Zahnpastatuben zu Kunstwerken? Genau! Wer mag, entdeckt in den Porträts von Tess Felix also auch so etwas wie Optimismus: Kein Stoff ist so gering, dass sich nicht noch ein höherer Sinn darin finden ließe.

Über solche semantischen Erörterungen ist Benjamin Von Wong erhaben. In seinem Studio setzt der kanadische Fotokünstler Licht, schminkt Models zu Meerjungfrauen und türmt Plastiktrinkhalme zu haushohen Wogen oder breitet leere Wasserflaschen aus zu schimmernden Ozeanen – in ihrer Ästhetik kaum zu unterscheiden von den Südseeträumen der Werbung. Und wie in der Werbung ist Vorsicht geboten, denn doch bleibt es Plastik. Auf Überwältigung folgen aber sehr bald Zweifel: Moment mal, sind es nicht genau diese Verlockungen, die uns dahin gebracht haben, wo wir gelandet sind? Das Artensterben, die Verschmutzung der Meere, der Klimawandel.

Wenn es der Sinn von Kunst ist, betrachtet und erkannt zu werden, dann eröffnet Chris Herms-Glang ihrer Botschaft neue Foren. Sie inszeniert. Sie stellt Videoclips ins Netz. Vor zwei Jahren trat sie mit ihren störrischen Perücken sogar an der Oper in Oslo auf. Es sei eine Kunst, die bleiben wird, sagt die Hamburgerin, und auch in diesem Satz steckt schillernde Doppeldeutigkeit. „Ich garantiere ihnen eine Haltbarkeit von 300 Jahren.“

IssueGG Magazine 03/21
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