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Mrs. Feelgood by Steffi Kammerer | 3. Dezember 2021 | Personalities

Ihre Wirkung gleicht einem Gute-Laune-Cocktail. Sie backt und singt und tanzt, auf Instagram wollen das 11,4 Millionen Fans sehen. Während der Pandemie eroberte sie müde Herzen mit ihrem Film „Yes Day“. Aber Jennifer Garner ist nicht nur der fröhlichste Hollywood-Superstar. Als Bio-Farmerin verfolgt sie eine Mission: Kinder und deren Ernährung.

Girl-next-door und A-List-Hollywoodstar. Diesen Spagat schafft Jennifer Garner, weil ihre Lebensfreude echt ist. Ansteckend ist sie auch, das wissen 11,4 Millionen Menschen, die auf Instagram verfolgen, wie sie ihre Tage bunt macht. Nun hat die Supermom noch eine parallele Karriere als Bio-Unternehmerin gestartet. Die Rolle ist ihr auf den Leib geschrieben.

Auf Instagram zeigt sie sich Ende September in Latzhose und Gummistiefeln. Sitzt da im Schneidersitz, den Schoß voll Kürbisse, die sie liebkost, als seien es Babys. Aufgenommen wurde die Szene in Oklahoma. Auf einer Farm, die einst ihren Großeltern gehörte. Ein Stück Land, das Garner 2017 zurückgekauft hat und das nun ihr Onkel bewirtschaftet. Er baut einen Teil von dem Obst und Gemüse an, das „Once Upon a Farm“ verwertet. Jenem Unternehmen, in das die Neu-Farmerin vor vier Jahren einstieg; es ist auf biologische Baby- und Kindernahrung spezialisiert. Kürbis, Blaubeeren, Grünkohl, Kakibäume, Süßkartoffel – alles wird im großen Stil angepflanzt, dann unter Hochdruck so haltbar gemacht, dass Nährstoffe und Vitamine bewahrt werden. Zucker? No way.

Jennifer Garner ist die Außenministerin des Ganzen. Ihr Vertrag sah vor, dass sie auf Social Media aktiv werden musste. Es wird sie immense Überwindung gekostet haben, sie schützt ihr Privatleben sehr. 2013 erst hatte sie – gemeinsam mit ihrer Kollegin Halle Berry – erfolgreich für ein härteres Paparazzi- Gesetz in Kalifornien gekämpft, Kinder von Prominenten dürfen seither nicht mehr fotografiert werden. Aber sie nahm ihre neue Rolle ernst und gab sich einen Ruck: Wenige Tage, bevor sie ihren Einstieg bei „Once Upon a Farm“ bekanntgab, hatte die Schauspielerin ihr Instagram- Debut.

Inzwischen folgen ihr da 11,4 Millionen Menschen. Ihr Kanal macht beste Laune, sie kann rasend komisch sein – dabei lacht sie, und das ist in ihren Kreisen selten, am liebsten über sich selbst. Kommt vom Zahnarzt und versucht, mit immer noch betäubtem Mund Zungenbrecher aufzusagen. Präsentiert sich weintrinkend zwischen Bergen schmutziger Wäsche oder neben Vogelscheuchen. Mal liest sie ihrem Hund Birdie geduldig Kinderbücher vor, dann ist zu sehen, wie sie zu Westernmusik ein Tauchbecken zusammenzimmert, dann wieder tanzt sie mit ihrer Freundin, einer New Yorker Primaballerina, im Garten vor ihrem Hühnerstall im Duett. Tiere hat sie reichlich: Außer den Hühnern gibt es im Haus Garner einen Hund, eine Katze und gleich einen ganzen Bienenstock. Sehr zu empfehlen ist auch ihre „Pretend Cooking Show“, da vergisst sie schon mal, den Deckel des Mixers zu schließen, das Püree spritzt durch die halbe Küche. Aber: Hier kommt keine Hausangestellte, um das Malheur zu beseitigen, so etwas erledigt sie selbst.

Jennifer Garner — der Superstar von nebenan. Ohne Allüren, mit Pferdeschwanz und Grübchen. Eine alleinerziehende Mutter, die nach dem Lockdown erleichtert postet, dass ihre Kinder wieder zur Schule gehen können, die sich ihren Followern mit strubbeligen Haaren und ungeschminkt zeigt. In der Late-Night- Show von Jimmy Fallon hat sie vor Jahren mal erzählt, dass die Kinder und sie Läuse hatten. Eine Situation, in die alle Eltern früher oder später einmal geraten. Nur dass Garner mit dem Läusezeug im Haar das Haus verließ und ausgerechnet auf George Clooney traf.

Der Spionage-Thriller „Alias“ war ihr großer Durchbruch, über fünf Staffeln brillierte sie als Doppelagentin, die Rolle brachte ihr einen Golden Globe und vier Emmy-Nominierungen ein. Als die Serie im Mai 2006 endete, war sie 34 und eine der gefragtesten Schauspielerinnen ihrer Generation. Im Jahr zuvor hatte sie Ben Affleck geheiratet, da war sie im dritten Monat schwanger mit ihrem ersten Kind, Violet. Die ist heute 16 Jahre alt, sie hat zwei jüngere Geschwister, Seraphina,12, und Samuel, 9.

Ein Jahrzehnt lang galten Garner und Affleck als Traumpaar, in Hollywood eine halbe Ewigkeit. Dann, im Juni 2015 — einen Tag nach dem zehnten Hochzeitstag — teilten sie mit, dass sie sich scheiden lassen würden. Bis das tatsächlich passierte, dauerte es noch drei Jahre. Sie sagte auch nach der Trennung, er sei die Liebe ihres Lebens. Und er erklärte im Februar 2020 der „New York Times“, was er im Leben am meisten bereue, sei diese Scheidung. Was nie passierte, war eine öffentliche Schlammschlacht. Was sie zu regeln hatten, taten sie diskret und mit gegenseitiger Wertschätzung. Und eine Familie blieben sie trotzdem: Gemeinsame Weihnachten. Sonntagsspaziergänge mit den Kindern.

Garner stand ihrem Ex-Mann auch zur Seite, als der gegen seine immer schlimmer gewordene Alkoholsucht kämpfte, sie war es, die ihn im Sommer 2018 in eine Entzugsklinik nach Malibu fuhr. Vorher verscheuchte sie die wartenden Fotografen. Wie es ihre Art ist, tat sie das ausgesucht höflich: „Können Sie mir einen Gefallen tun?“, fragte sie. „Können Sie bitte zur Seite gehen? Aus Respekt?“ Sie hat ihre Haltung zur ewig wartenden Meute vor dem Haus mal sehr sachlich so beschrieben: „Es gibt morgens zwei Möglichkeiten: Die eine ist, die Brotdosen deiner Kinder zu befüllen. Die andere ist, dich für die Paparazzi anzuziehen. Ich weiß, wofür ich mich entscheide.“

Während andere Schauspielerinnen in ihrem Alter über ausbleibende Rollen klagen konzentrierte sich Garner auf ihre Kinder und deren Erziehung. So sehr, dass ihr Agent ihr vor etwa einem Jahrzehnt ein Ultimatum stellte: in Pension zu gehen oder die Rolle der Ärztin in „Dallas Buyers Club“ anzunehmen. Sie entschied sich für die Karriere, der Film wurde mehrfach ausgezeichnet. In wenigen Monaten nun wird sie 50 und ist gefragt wie nie. Im März 2021 landete sie einen Mega-Erfolg mit „Yes Day“, einem Feel-Good-Movie, der in der Corona-Dürre mit all ihren Beschränkungen einen Nerv traf: Die Netflix-Produktion war ihre Idee, sie hat den Film auch produziert. Es geht um eine Mutter und einen Vater, die aus ihrem strengen Alltag ausbrechen, die mal 24 Stunden lang die Kinder regieren lassen.

62 Millionen Haushalte weltweit haben die Komödie in den ersten vier Wochen nach Erscheinen gesehen, ein Netflix-Rekord unter den Familienfilmen. Wenige Monate später gab Garner bekannt, dass sie einen weiteren Vertrag mit Netflix unterzeichnet habe: für eine ganze Reihe neuer Produktionen, bei denen sie die weibliche Hauptrolle spielen und produzieren wird. Teil des Deals ist eine Fortsetzung von „Yes Day“. Das Konzept des Alles- ist-erlaubt-Tages basiert auf einem Buch von 2009, das Garner ihren Kindern oft vorgelesen hat, ein jährlicher Yes Day hat in ihrer Familie seither Tradition. Überhaupt, es muss schön sein, Kind bei Jennifer Garner zu sein. Der Moderatorin Ellen DeGeneres hat sie mal erzählt, wie ihr Haus zwischen Halloween und Ostern eigentlich permanent dekoriert ist. Das geht los mit Spinnweben und selbst gebastelten Fledermäusen, die von der Decke hängen, manchmal fabriziert sie den Kindern eigenhändig Kostüme.

Sowieso backt sie ständig irgendwelche Kuchen, sonntags geht sie mit den Kindern in die Kirche. Dass Garner so völlig anders ist als andere Hollywood-Menschen, hat mit ihrer Herkunft zu tun. Sie ist in West Virginia aufgewachsen, sehr behütet in der historischen Hauptstadt Charleston. Mit Bluegrass Bands und Geistergeschichten, die man sich hier in den Bergen erzählt. Die mittlere von drei Töchtern, ihre Mutter war Englischlehrerin, der Vater Chemieingenieur. Sie trug Overalls, die ihre Mutter genäht hat und die zuerst ihrer älteren Schwester gehörten, spielte Saxofon in der Schulband, über viele Jahre hatte sie Ballettunterricht. 2007 wurde sie von der „Sunday Gazette-Mail“ zum „West Virginian of the Year“ gewählt. Als es hier 2016 starke Überschwemmungen gab, kam Jennifer angeflogen, um den Betroffenen Mut zu machen, bei einem Fundraiser für Flutopfer sagte sie: „Die Menschen hier haben mich geformt, durch und durch.“ 1990 hat sie in Charleston ihren Highschool-Abschluss gemacht. Studierte zunächst Chemie, schwenkte dann um zu Schauspiel.

Sie hat oft erzählt, wie irritiert sie die New Yorker anschauten, als sie ihnen auf der Straße winkte. Da wo sie herkommt, da macht man das so. Sie singt die Hymne ihres Staates aus dem Stegreif, kann Fakten über ihre Heimat so enthusiastisch herunterrasseln, als arbeite sie für die örtliche Tourismusbehörde. Zur National Library Week postet sie eine Hommage an die Bibliothekarin ihrer Grundschule, Mrs. McCann. Bei ihr, so schreibt Jennifer Garner, verbrachte sie jede freie Schulminute. Als Kind hat sie ein Buch geschrieben über einen Bären, der zum Mars reist, das die Bibliothekarin säuberlich abgetippt hat. „Sie hat es ins Büchereiregal gestellt und eine Karteikarte erstellt zum Ausleihen.“ Kreativität braucht immer jemanden, der sie erkennt und fördert, und die Schauspielerin zeigt ihre Dankbarkeit offen: „Ich hab dich lieb, Mama McCann“, schreibt sie auf Instagram.

Seit 2008 arbeitet Jennifer Garner für Save the Children, eine Organisation, die sich weltweit darum bemüht, das Leben von Kindern zu verbessern. Seit sieben Jahren sitzt sie im Kuratorium. Sie hat auch vor dem amerikanischen Kongress gesprochen. Den Politikern erzählte sie, wie sie aufgewachsen sei neben Kindern aus armen Verhältnissen. „Damals konnte ich ihnen und ihren Familien nicht helfen, aber ich kann es jetzt.“ Das Thema Armut ist ihr vertraut, ihre beiden Eltern sind so groß geworden, dass jeder Cent dreimal umgedreht werden musste, durch gute Bildung haben sie es geschafft, ihr und ihren Geschwistern andere Chancen zu bieten.

Garners besonderes Interesse gilt Kindern vom Land. Zunächst wollte sie sich dafür nur in Schulen engagieren. „Aber ich fand schnell heraus, wie wichtig Angebote bis zum fünften Lebensjahr sind, bei denen man junge Mütter zu Hause besucht“, berichtete sie mal. „Die jungen Frauen, die ich da treffe, die schieben nicht plaudernd einen Kinderwagen, die sind oft alleine in einem Trailer und haben niemanden, mit dem sie sich über die Mutterrolle unterhalten können.“ Das Programm zeige ihnen, wie sie ihre Kinder so unterstützen können, dass sie gut entwickelt in den Kindergarten kommen.

2019 hielt Jennifer Garner die Abschlussrede an ihrer ehemaligen Uni, der Denison University. „Ihr könnt euch glücklich schätzen, wenn euer Leben zu 65 Prozent glücklich ist“, gab sie den Studenten da mit auf ihren Weg. Eine gegriffene Zahl, natürlich. Aber es ist eine pragmatische Haltung, mit der man gut durchs Leben kommt. So ist sie erzogen worden. Tüchtig sein, nicht jammern. Und mit dem Grundsatz: „Iss, was du pflanzt“, so hat sie es in der Talkshow „Hoda & Jenna“ erzählt. Einen großen Garten hatte sie deshalb immer. „Und meine Mutter hat sonntags Brot gebacken, also backe ich auch Brot.“ Einfallsreich ist sie außerdem: Einmal, da war sie noch verheiratet, stellte sie fest, es gab Ratten auf ihrem Grundstück in Los Angeles. Da hat sie 120 Ziegen gemietet, die eilig das ganze Efeu auffraßen, von dem sich die Ratten ernährten. Die Fotos von der Ziegenherde im Garten schickte sie ihrem Ehemann ans Set.

Garner ist fit, sie hat reichlich Action-Heldinnen gespielt, aber für Körperkult ist sie viel zu bodenständig: „Ich kann noch so hart arbeiten – ich werde immer wie eine Frau aussehen, die drei Kinder zur Welt gebracht hat, sagte sie im Podcast „Happy mom, happy baby“. Sie trainiert fünfmal die Woche mit ihrem langjährigen Coach. Und wenn es die Rolle verlangt, dann legt sie noch ein paar Gewichte drauf. Für „Peppermint“, einen Film der vor drei Jahren ins Kino kam, hat sie sich in eine Kampfmaschine verwandelt, mit Armen wie eine Profi- Boxerin. Sie spielt eine Mutter, die ihre ermordete Tochter rächen will.

Parallel baut sie ihre neue Rolle aus: „Farmer Jen“. Unter diesem Namen hat ihr Bio-Label Once Upon a Farm nun schon zwei Limited Editions herausgebracht. Quetschies mit einem brünetten Zeichentrick-Mädchen mit Latzhose drauf. Innen Sü.kartoffel-Pie oder Kürbis-Haferflocken-Keks – Garnersche Familienrezepte. Für jedes verkaufte Produkt spendet Once Upon a Farm 25 Cent an Save the Children. Das Unternehmen ist nämlich eine Partnerschaft mit Garners Lieblings-Hilfsorganisation eingegangen. Bis 2024, darauf haben sie sich festgelegt, wollen sie eine Million Mahlzeiten an Kinder in ländlichen Gebieten der USA verteilen.

2015 war Once Upon a Farm von zwei jungen Enthusiasten gegründet worden, im Herbst 2017 stießen Jennifer Garner und der Naturkost- Veteran John Foraker hinzu. Seither ging es steil nach oben, auch mit der Zahl der Verkaufs- Standorte: aus 300 wurden 8.500. Heute bekommt man Bio-Apfelmus und Smoothies  des Labels unter anderem bei Walmart, Target und Whole Foods und online über die Firmen- Website. In einer Finanzierungsrunde haben die vier Macher vor drei Jahren 20 Millionen Dollar Wagniskapital eingesammelt. „Ich bin stolz auf das innovative Unternehmen, das wir aufgebaut haben“, sagte Garner damals.

Ihr Privatleben hält sie privat. Nach ihrer Scheidung war sie zwei Jahre mit dem kalifornischen Tech-Unternehmer John Miller zusammen, es scheint, als sei sie wieder Single. Sicher ist, dass sie umziehen wird. Sie baut ein neues Haus für sich und die Kinder in Brentwood, im Mai besichtigte sie die Baustelle mit ihren Eltern. Das Anwesen in Pacific Palisades, in dem sie vor der Scheidung gelebt haben, das hat sie verkauft.

IssueGG Magazine 01/22
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