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Vom Selbstversuch zum Millionenimperium by Julia Dettmer | 3. Dezember 2021 | Personalities

Englands beliebteste Food-Influencerin Ella Mills begeistert mit pflanzlicher Küche und lässiger Natürlichkeit eine ganze Generation. Die bedient sie mit Büchern, Apps, einem Restaurant und gesunden Snacks. Im Interview erlaubt die Food-Visionärin einen seltenen Blick hinter die Kulissen von Deliciously Ella.

Für Fans gesunder Ernährung ist sie ein Superstar. Ihre immense Gefolgschaft entwickelte sich aus einem Blog. Den begann sie 2012 zu schreiben, ziemlich unbedarft: „Ich war wirklich krank, orientierungslos und total unambitioniert, als ich das erste Rezept für unsere damalige Website schrieb“, beschreibt Ella Mills im Interview mit GG ihre damalige Situation.

Sie wollte zunächst nichts weiter, als ihre Ernährungsumstellung zu dokumentieren und im Internet zu teilen. Der Grund für die nötige Veränderung war die Nervenkrankheit POTS (Posturales Tachykardiesyndrom). Die war bei Ella, die damals noch den Nachnamen Woodward trug, im zweiten Studienjahr an der schottischen Universität St Andrews diagnostiziert worden, Monate hatte sie im Krankenhaus verbracht. Medikamente blieben wirkungslos, die 21-Jährige nahm Steroide und Betablocker, nichts half. 18 Monate lag sie im Bett und schaute Trash-TV, mental und physisch am Boden. Eines Tages beschloss sie: So konnte es nicht weitergehen. Sie begann, über die Bedeutung der richtigen Nahrung für den Körper nachzulesen. Beschäftigte sich mit Menschen, die durch veränderte Essgewohnheiten gesundet waren. Sie verbannte Zucker, Gluten und tierische Produkte aus ihrer Küche. „Ich hatte nichts zu verlieren, indem ich etwas anderes ausprobierte“, erzählt sie.

Für gesunde Ernährung hatte sie sich bis dahin nie interessiert, Grünkohl so wenig probiert wie Quinoa. Die Ella von damals hat sie selbst mal als „Haribo- und Ben-&-Jerry’s-Junkie“ bezeichnet. Sie war auch sonst nicht sonderlich vorbereitet, verrät sie: „Ich konnte nicht kochen, also startete ich eine Rezept-Website, um meine Experimente zu dokumentieren.“ Das Ganze war gedacht als persönliches Projekt. Ihr neues Hobby faszinierte sie aber schnell so sehr, dass sie immer mehr Rezepte online teilte. „Vier Jahre später hatten wir 130 Millionen Seitenaufrufe – jetzt war es kein persönliches Projekt mehr“, sagte sie vor zwei Jahren auf einem Podium.

Ella traf mit ihren Kreationen den Nerv einer ganzen Generation kochinteressierter Millennials. Das veränderte nicht nur deren Leben, sondern auch Ellas – Deliciously Ella war geboren. Vegan und glutenfrei, das klingt nach wenig Spaß: keine tierischen Produkte (dazu zählt übrigens sogar Honig), kein Weizenmehl, kein Zucker. Auf den ersten Blick rutscht da fast alles vom Speiseplan, was einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Wenn man sich dann ein bisschen mit den fleischlosen Alternativen befasst, eröffnet sich eine bunte Welt aus neuen Produkten. Ella hilft, sie zu entdecken.

Doch was fasziniert die Zielgruppe – und das sind heute allein zwei Millionen Instagram-Follower – so sehr an der Influencerin? Was unterscheidet sie von bekannten TV-Köchen oder anderen Food-Bloggern? Ella genießt durch ihre Geschichte eine besondere Glaubwürdigkeit. Vom erkrankten Zucker-Junkie zur vitalen Koch-Queen, die keine Tabletten mehr braucht – ein modernes Märchen, das wahr geworden ist.

Die kulinarische Autodidaktin positioniert sich nicht streng missionarisch wie viele andere Influencer, die sich dem Veganismus verschrieben haben, sondern ganz entspannt. Ihr Name und ihr Gesicht formen ihre Marke, und sie präsentiert die Ella-Rezepte mit sympathischer Lässigkeit. Trotzdem sind die mittlerweile rund 170 Videos professionell produziert, Ella unterlegt sie mit selbst eingesprochenen Erklärtexten. Die treue Community liebt es, diese Ideen nachzukochen, und schenkt jedem neuen Video schon in den ersten Stunden Tausende von Klicks.

Natürlich hilft es, dass die Markenbotschafterin äußerst attraktiv ist. Ella verzichtet auf viel Make-up und tritt ganz natürlich vor die Kamera. Sie suggeriert, dass es gar nicht schwer ist, es ihr nachzutun: Willst du aussehen wie ich, ernähre dich wie ich. Eine Botschaft, die in der heutigen Zeit zwischen Selbstoptimierung, Gesundheitswahn und Body Positivity bestens ankommt.

Die Community wuchs rasant. Schon bald waren aus ein paar Blog-Lesern Tausende von Fans geworden, die nach Kochkursen und Workshops verlangten. Ella reagierte und steckte die Einnahmen gleich in die Entwicklung ihrer Deliciously- Ella-App. Diese kletterte über Nacht auf Platz eins der iTunes-Charts und verwandelte Ella von heute auf morgen von der Hobby-Bloggerin in eine Unternehmerin.

Ihr Erstlingswerk „Deliciously Ella: Genialgesundes Essen für ein glückliches Leben“ war das Kochbuch im Vereinigten Königreich, das sich in der ersten Woche am schnellsten verkaufte. Der Grund für den Erfolg ihrer Bücher: Sie sind keine lieblose Aneinanderreihung von Rezepten, sondern richtige Nachschlagewerke für die vegane Küche. Zu jedem Rezeptkapitel gibt es einige Seiten Erklärung, sodass man beim Nachkochen versteht, was in den Lebensmitteln steckt.

Der Coup mit ihrem Erstlingswerk motivierte Ella, die eigene Marke konsequent weiter auszubauen. Wie man sich selbst vermarktet und was Geschäftssinn bedeutet, konnte sie schon von ihren Eltern lernen. Ihr Vater Shaun Woodward ist ein bekannter Politiker, ihre Mutter Camilla Sainsbury ist Erbin einer der größten britischen Supermarktketten. Und so schließt sich ein Kreis – bei Sainsbury’s, mit seinen 600 Filialen im ganzen Land, finden sich heute die Produkte von Delicously Ella: Müslis, Gemüsekräcker und Snacks, sie liegen auch in den Regalen von Tesco und Waitrose. Und natürlich bekommt man sie über die Ella-Webseite.

Ihre Erfolge feiert Ella nicht allein. Ehemann Matthew Mills, CEO der gemeinsamen Firma, ist an ihrer Seite seit ihre Karriere so richtig ins Rollen kam, 2016 haben die beiden geheiratet. Immer wieder postet die heute 31-Jährige Familienfotos mit Matthew und ihren Töchtern Skye (2) und May (1).

„Wir haben all unsere Kräfte – physisch und emotional – ins Unternehmen gesteckt.“ ELLA MILLS

Klar, die Fans lieben es zu sehen, dass die Millionärin auch ein ganz normales Familienleben führt. Das macht die Businessfrau noch sympathischer. Doch das Unternehmen und die Familie unter einen Hut zu bekommen kostet auch viel Anstrengung, gibt Ella zu: „Es ist Chaos, aber absolut großartiges. Wir haben früh gelernt, dass es immer eine Herausforderung sein würde, klare Grenzen zwischen Arbeit und Zuhause zu ziehen, also verschwimmen diese Grenzen bei uns. Unsere Arbeit ist in vielerlei Hinsicht unser Leben, und unsere Mädchen bedeuten uns absolut alles. Man kann nicht alles haben. Dieses Kapitel unseres Lebens ist dem Beruf und der Familie gewidmet, da gibt es keinen Platz für viel mehr.“

Ein Beispiel für Ellas Streben nach Weiterentwicklung ist ihre App. Anhand des Nutzer-Feedbacks wurde diese komplett überarbeitet und im Herbst im neuen Look präsentiert. „Die App verfolgt einen ganzheitlichen Gesundheitsansatz, der meiner Meinung nach der effektivste und nachhaltigste Weg ist, um mich am besten zu fühlen – mit pflanzlichen Lebensmitteln, Bewegung, Achtsamkeit und Schlaf“, erklärt die Erfinderin. Von der nahrhaften 20-Minuten- Pasta bis zu Salaten und Brownies, von 15-minütigen Cardiokursen, die man vor der Arbeit in seinen Morgen quetschen kann, bis zu längeren verjüngenden Yoga-Flows – hier wird jede und jeder fündig. Passend zur nun erweiterten Mission wurde die App von Deliciously Ella in „Feel better – by de“ umbenannt.

Ein zentraler Baustein der neuen App ist der Bereich Achtsamkeit. Dafür hat Ella zum Beispiel eine Sleep Section gelauncht, die sich dem Thema Schlaf widmet. „Die Community wünschte sich Hilfe, um im Alltag mehr Ruhe und Klarheit zu finden und ihre Schlafqualität zu verbessern“, so die Macherin. Auch Tools wie Schlafgeräusche, Einschlafmeditationen und Yoga-Flows fehlen nicht. Zusätzlich gibt es nun auch eine Desktopversion der App, sodass man auf einem größeren Bildschirm besser mit den Rezepten und Kursen arbeiten kann.

Neben sechs Bestseller-Kochbüchern, der App, der Website, dem Podcast und den selbst entwickelten Produkten führt Ella seit Sommer ihr Restaurant „Plants by de“ in London. Es liegt in einer ruhigen Gasse nahe der Oxford Street in einem typischen Londoner Backsteinhaus. Wenn man es betritt, spürt man sofort den Ella- Spirit, unaufdringlich und authentisch. Alles ist in natürlichen Farbtönen gehalten, das Interieur besteht größtenteils aus Holz, das Geschirr ist aus Steingut. Hier kann man Ellas Delikatessen für zu Hause kaufen und saftigen Schokoladenkuchen essen, natürlich ohne Ei.

Die Coronakrise hat Ella in ihrem Tatendrang ziemlich eingebremst und vor einige Herausforderungen gestellt: „Ich war neun Wochen schwanger, als es anfing, und unsere ältere Tochter Skye war erst neun Monate alt, also hatten wir wirklich alle Hände voll zu tun! Wir mussten unser Café schließen (es befand sich am gleichen Ort, wo vor einem halben Jahr das Restaurant aufgemacht hat, Anmerkung der Redaktion), der Verkauf unserer Lebensmittelprodukte lief schlechter, weil die Läden geschlossen waren, wir mussten internationale Markteinführungen absagen und eine Buchpräsentation samt Tour verschieben.“

Im Großen und Ganzen habe sie aber Glück gehabt, denn sie habe ihr Unternehmen mit einer klareren Vision aus der Krise geführt. Außerdem sei die Zeit mit der Familie unvergesslich schön gewesen. „Sich auf jeden einzeln Tag zu konzentrieren, anstatt in die Zukunft zu blicken, hat wirklich geholfen“, findet Ella.

Und siehe da, die schwierige Zeit hat Deliciously Ella stärker gemacht, denn Ende August verkündete das Ehepaar Mills auf Instagram einen Meilenstein in der Unternehmensgeschichte: „Heute haben wir unsere Investoren aus unserem Unternehmen herausgekauft, was bedeutet, dass Deliciously Ella seit wenigen Minuten wieder ein hundertprozentiges Familienunternehmen ist“, schrieben sie. Ein Befreiungsschlag.

Als Nächstes stehen Markteinführungen im

Einzelhandel in ganz Europa auf dem Plan. Im Interview fügt sie stolz hinzu: „Es fühlt sich an wie der Beginn unseres nächsten Kapitels. Wir haben all unsere Kräfte – physisch und emotional – in das Unternehmen gesteckt. Zu wissen, dass seine Zukunft jetzt vollständig in unseren Händen liegt, fühlt sich unglaublich an.“ Heutzutage würden so viele Unternehmen gegründet, um verkauft zu werden, um schnelles Geld zu verdienen. Ihr Mann und sie würden die altmodische Weise bevorzugen und ihre Firma als etwas Langfristiges betrachten. Als Lebenswerk.

IssueGG Magazine 01/22
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