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Die Wiedergeburt der Miss Gray by Jörg Zimmermann | 4. März 2016 | Personalities

Knapp 22 Millionen Euro erzielte Eileen Grays „Drachensessel“ 2009 bei einer Versteigerung – bis heute der teuerste Stuhl des 20. Jahrhunderts. Die irische Designerin hat das nicht mehr erlebt, sie starb 1976 mit 98 Jahren in Paris. Warum das Werk der ungewöhnlichen Architektur-Autodidaktin plötzlich so gefeiert wird und die Geschichte der Villa E.1027, die sie in den Zwanzigerjahren am Cap Martin errichtete.

Wir lieben diese Orte. Magische Orte, wo sich Leben und Liebe, Leidenschaft und Verlust, Ruhm und Legende geradezu dramatisch ineinander verstricken. Orte, die Geschichte und Geschichten schreiben. Orte, die aus der Vergangenheit schöpfen, um in der Gegenwart zu leuchten. Orte, wie Roquebrune am Cap Martin einer ist, eine eindrucksvolle Bühne vor der Kulisse der französischen Ri­viera. Hier hat die Villa E.1027 ihren großen Auftritt – und mit ihr ihre Schöpferin Eileen Gray.

Auf dem Spielplan der Moderne markiert die direkt am Meer gelegene Villa eine bedeutende Szene, in einem Stück, das Eileen Gray bis heute die weibliche Hauptrolle gewährt. Sie gilt als eine der Wichtigsten unter den Möbeldesignern und Architekten des frühen 20. Jahrhunderts, als einflussreichste Protagonistin dieser Periode überhaupt. Lange Zeit waren ihr Name und ihr Wirken fast vergessen, bis am Ende des 20. Jahrhunderts das Interesse an ihren großartigen Entwürfen wieder geweckt wurde und die Preise für Originale bei Auktionen in schwindelerregende Höhen stiegen. Die
Geschichte von Eileen Gray ist ein Stück Geschichte der Moderne und zugleich die Story einer unabhängigen Persönlichkeit (mehr dazu im Buch „Eileen Gray“ von Peter Adam, Schirmer Mosel Verlag).

„Jeder Bewohner des Hauses soll eine friedliche Ecke zum Entspannen finden.“ Eileen Gray

Als Eileen Gray im Jahr 1900 mit ihrer Mutter zur Weltausstellung nach Paris reist, öffnet sich für die 22-jährige Irin endgültig der Blick in die moderne Welt. Zunächst hatte sie als eine der ersten Studentinnen die Slade School of Fine Art in London besucht, nun zieht die französische Hauptstadt sie in ihren Bann. Die Weltausstellung präsentiert die Verheißungen des aufziehenden Jahrhunderts, die anstehende Zeitenwende in Technik, Gesellschaft und Kultur ist nicht zu übersehen. Die Welt und Paris quellen über vor Inspiration, mit Begeisterung geht Eileen Gray ans Werk. Sie saugt die vielfältigen Einflüsse auf, doch in den Arbeiten dominieren zunächst noch Elemente des Art nouveau und des besonders in Frankreich angesagten Japonismus. Die junge Designerin lernt die Techniken der japanischen Lackkunst von Seizo Sugawara und kunsthandwerkliche Fertigkeiten in der Möbelwerkstatt D. Charles in London. Seit 1910 stellt sie lackierte Wandschirme her. Mit dem „Brick Screen“ erschafft sie später eines ihrer begehrten Meisterstücke.

Anfang der 1920er-Jahre lernt Eileen Gray den Architekten Jean Badovici kennen. Der junge Rumäne ist Herausgeber der einflussreichen Architekturzeitschrift „L’Architecture Vivante“ und pflegt intensiven Umgang mit angesagten Kreativen wie Gerrit Rietveld, Fernand Léger und Le Corbusier. Die beiden werden ein Liebespaar und Gray partizipiert an dem inspirierenden Umfeld. Die neuen Einflüsse zeigen Wirkung, allmählich ändert sich ihre Formensprache. Die Entwürfe werden in den Formen klarer, Material und Linienführung rücken zusammen. Industriell produzierte Materialien wie Stahlrohr und Glas korrespondieren mit einfachen geometrischen Grundformen. Eileen Grays Gestaltung zeigt eine Nähe zum angesagten „International Style“, doch sie findet eine unabhängige formale Position.

„Um Neues zu schaffen, muss man alles infrage stellen.“ Eileen Gray

Mit der Liebe kommt die Leidenschaft, bei Eileen Gray diejenige für die Architektur. Ermutigt durch Jean Badovici wendet Eileen Gray sich diesem Thema zu. 1926 kauft sie in seinem Namen ein Grundstück an der Côte d’Azur und macht sich mit Skizzen und Modellen an die Arbeit. Ihr Mentor Badovici lässt Gray in der Umsetzung ihrer Ideen freie Hand. Direkt vor Ort entwirft sie ein Gebäude, in dem sich ihre Vorstellungen von Design, Innenarchitektur und Architektur auf faszinierende Weise verbinden. Es dauert drei Jahre, dann erstrahlt die Villa E.1027 in blendendem Weiß. Der Name des Hauses kodiert die Namen von Gray und Badovici, das Haus selbst gibt sich minimalistisch und offen. Eileen Gray hat ihr Manifest gebaut.

Auf einer Grundfläche von 120 Quadratmetern erstreckt sich der L-förmige Bau mit dem Flachdach über zwei Etagen. Raumhohe Fenster geben den Blick auf die Umgebung frei – auf das Grün der Pinien, aber vor allem auf das tiefblaue Mittelmeer. Beim Entwurf steht für Eileen Gray die menschliche Erfahrung im Mittelpunkt; die Frage, wie sich die Wirkung von Raum und Raumfolgen addieren. In ihrer ganzheitlichen Vorstellung von Design und Architektur entwirft Eileen Gray gleich die komplette Möblierung der Villa. Vielfältig nutzbare Einbaumöbel, aber auch Solitäre wie Beistelltische, Sessel und Leuchten.

„E.1027 ist ein virtuoses Stück  Architektur.“ Oliver Holy, Classicon

Dann erfolgte 1932 die Trennung von Jean Badovici. Eileen Gray baut weitere Häuser, in der Villa E.1027 ist nun öfter Le Corbusier zu Gast. Mit Badovicis Zustimmung fertigt Le Corbusier 1938 und 1939 sieben Wandgemälde an, zwei davon an den Außenwänden. Eileen Gray empfindet die Malereien als Affront, als eine Respektlosigkeit gegenüber ihrem Werk. Nie wieder betritt sie ihr architektonisches Vermächtnis.

Nach dem Tod von Jean Badovici wird das Haus 1960 an einen Verwandten von Le Corbusier verkauft. In den Folgejahren geht das Anwesen durch mehrere Hände. Ein Mord geschieht, Drogen und Exzesse kratzen am Ruf. Die Möbel werden teilweise versteigert, viele Einbauten unwiderruflich zerstört. Das Architekturjuwel verfällt. Die Rettung kommt im Jahr 1999 durch die „Conservatoire du littoral“. Die staatliche Einrichtung erwirbt das Gebäude, nach ersten Notarbeiten wird von 2006 an renoviert. 2015 ist es geschafft: Die Villa E.1027 erstrahlt in frischem Glanz. Ab Sommer 2016 sollen Gelände und Gebäude dann vollständig der Öffentlichkeit zugänglich sein.

Und auch die Möbel der Villa, die heute als Ikonen des modernen Designs gelten, sind nicht ganz verloren. Historische Originale von Eileen Gray werden weiterhin von Sammlern gesucht und geschätzt. Erschwinglicher sind die Re-Editionen. Wenige Jahre vor ihrem Tod 1976 hatte Gray die Rechte an ihren Entwürfen an Aram Designs Ltd., London, übertragen. Heute produziert das Unternehmen Classi­Con die Entwürfe in Lizenz. Den „E 1027 Adjustable Table“ von 1927 beispielsweise, der leicht höhenverstellbar Grays Schwester das Lesen und Essen im Bett erleichtern sollte. Auch der Sessel „Bibendum“ aus dem Jahr 1929 ist bei ClassiCon im Programm. Das Original hatte seinen Platz in der Villa E.1027, als Ort für den entspannten Blick auf die blaue Weite des Meeres. JZ

IssueGG Magazine 02/16
City/CountryRoquebrune-Cap-Martin / France
PhotographyBernard Touillon