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Von Düsseldorf in die Museen der Welt by Martin Tschechne | 2. März 2018 | Personalities

Anselm Kiefer, Andreas Gursky und Gerhard Richter – sie alle haben eins gemeinsam: Studienjahre an der Kunstakademie Düsseldorf. Martin Tschechne über eine 200 Jahre alte Traditionsschule, die verlässlich und immer wieder neu Künstler von Weltruf hervorbringt. Das liegt an vielem, vor allem aber an starken und anspruchsvollen Lehrern.

Herbst 1984, Halle 13 auf dem Messegelände in Düsseldorf. Ein paar prominente Vertreter der internationalen Szene – von Marina Abramović bis Andy Warhol – lockten das Publikum an, aber vor allem waren es junge Künstler aus der Stadt selbst, die mit der zweimonatigen Ausstellung ihrer Gemälde und Skulpturen, Fotografien und Installationen ankündigten, dass die Welt noch von ihnen hören sollte. Und so kam es.

Bis heute zählen sie zu den großen Namen der zeitgenössischen Kunst; ihre Werke gehören zu den Highlights der wichtigen Sammlungen und Museen weltweit. In den Galerien und Auktionshäusern von New York bis Schanghai erzielen sie Spitzenpreise: Gerhard Richter und Markus Lüpertz, Katharina Sieverding oder Jörg Immendorff. Mag sein, dass so eine Messehalle ein eher spröder Ort ist. Aber der Titel der Ausstellung signalisierte Aufbruch auf breitester Front: „Von hier aus“.

Warum Düsseldorf? Weil erstens schon in den Wirren der napoleonischen Kriege der Verlust der einst kurfürstlichen Sammlung eine Wunde geschlagen hatte, die nie wieder ganz verheilen sollte. Für viele der alten Meister endete die Odyssee in München, heute bilden sie dort eine Säule der weltberühmten Pinakotheken – aber am Rhein hatte man aus der schmerzlichen Erfahrung eine wichtige Lektion gelernt: Kunst ist Identität. Die Erkenntnis wirkt bis heute nach. Düsseldorf, weil zweitens der Wohlstand der boomenden Wirtschaftsmetropole einen guten Nährboden geben sollte, um Neugier zu wecken und wach zu halten. Die Stadt hat Tradition als ein Ort, an dem Neues sich auf den Weg macht; der Gewinn dabei kommt beiden Seiten zugute. Und Düsseldorf drittens, weil solcher Respekt vor den immer neuen Einfällen der Kunst auch Förderer und Sammler hellwach hält: Ein Werner Schmalenbach baute die Kunstsammlung NRW zu einem Umschlagplatz für die Ideen der modernen und zeitgenössischen Kunst aus. Das Haus K20 mit seiner schwarz glänzenden, markant geschwungenen Fassade genießt Weltgeltung. Eine Julia Stoschek dokumentiert in ihrer Kollektion die Entdeckungen der allerjüngsten Kunst quasi in Echtzeit. Das Wesen der Kunst liegt im Aufbruch, die Sammlungen der Stadt bestätigen es auf Schritt und Tritt. So viele sind von hier aus aufgebrochen.

Die Maler Peter von Cornelius und Friedrich Wilhelm von Schadow etwa: Aus ihrem Wirken als Direktoren sollte sich die kurfürstliche Kunstakademie im 19. Jahrhundert zu einem geistigen Zentrum der deutschen Romantik und des Klassizismus entwickeln. Düsseldorfer Schule – die Kunstgeschichte widmet ihr ein eigenes Kapitel. Tatsächlich dauerte es nicht lange, und die Künstler vom Rhein berührten und begeisterten mit ihren Landschafts- und Genrebildern ein Publikum von Moskau bis Chicago. Ganz nebenbei verbreiteten sie damit auch den Ruf einer Ausbildung, wie es sie ernsthafter und anspruchsvoller kaum geben konnte. Und über Generationen haben Maler und Bildhauer aus der ganzen Welt genau hier gelernt, dass die Freiheit der Kunst immer wieder neu erkämpft werden muss. Das Vorbild dazu liefern starke Professoren, die mit ihrer Arbeit als Künstler die Studenten dazu herausfordern, neue und eigene künstlerische Positionen zu entwickeln. Kunst kommt von Kunst. In Düsseldorf wissen sie das seit mehr als 200 Jahren. Und handeln danach. Von hier aus öffneten Lehrer wie Norbert Kricke, Ewald Mataré oder Karl Otto Götz in den Jahren nach dem Krieg der jungen Kunst Perspektiven, deren Kühnheit alles andere übertraf – von strengster Konzeptkunst bis zu den Befreiungsschlägen einer ganz und gar entfesselten Abstraktion. Von hier aus stellte eine junge Avantgarde die gesamte Begrifflichkeit der Kunst zur Debatte. Von hier aus wuchsen Initiativen wie ZERO, Fluxus oder Aktionskunst zu künstlerischen Bewegungen heran, die das Bild einer neuen Zeit prägten.

Günther Uecker überzog Stühle, einen Fernsehapparat oder ein Klavier mit wogenden Feldern aus Zimmermannsnägeln. Seine Nagelbilder gelten heute als Ikonen. Heinz Mack und Otto Piene überließen Licht und Feuer die Regie über ihre Farbspektren und beweglichen Installationen. Und Joseph Beuys bedeckte sein Haupt mit Blattgold und Honig, stieg auf eine Bühne der Avantgarde-Galerie Schmela und erklärte einem toten Hasen die Kunst. Doch, es ging schon lustig zu in jenen wilden Düsseldorfer Jahren. Daniel Spoerri lud seine Künstlerfreunde zu Tisch, und was vom Essen mit Wein und Kaffee und vollen Aschenbechern übrig blieb, hängte er als Bild an die Wand und erfand damit die Eat-Art. Gabriele Henkel, die Industriellengattin, Mäzenin und Sammlerin, tat es ihm nach, irgendwie: dekorierte ihre Tafel für alles, was Geld oder Witz oder Talent, eine tolle Figur oder eine gute Geschichte zu erzählen hatte, lud zu Soirees, Diners, Partys, Orgien und Happenings, brachte zusammen, vernetzte, entdeckte, förderte und feierte, um sich selbst mittendrin als Königin der High Society feiern zu lassen. Und wenn ein Galerist wie Hans Mayer die Stars der internationalen Szene – Andy Warhol, Robert Rauschenberg oder Roy Lichtenstein – in einer Ausstellung präsentierte, dann ließen zur Vernissage die Hard-Rocker von The Who ihre Gitarren krachen, und der Kunsthistoriker Werner Spies hatte seine liebe Not, dagegen anzudozieren. Oder es gab Elektroklänge von Kraftwerk. Die kamen sogar noch aus Düsseldorf. An Lokalstolz mangelt es dem aus Schwaben zugewanderten Galeristen Mayer nicht: „Seit den 60er- und 70er-Jahren“, sagt er, „steht Düsseldorf in der jungen Kunst auf Augenhöhe mit Metropolen wie New York oder Paris.“ Vor zwei Jahren feierte er das 50-jährige Bestehen seiner Galerie, und bis heute ist er fast ununterbrochen unterwegs zwischen Hongkong und Miami Beach, Paris, Madrid, Hamburg, Köln und New York, um Sammlungen aufzubauen und zu betreuen und auf den bedeutenden Kunstmessen zu zeigen, dass in Düsseldorf ineinandergreift und zusammenwirkt, was in anderen Metropolen der jungen Kunst nur jeweils einzeln zu haben ist: eine Schule, ein Umfeld aus Wohlstand und gelernter Offenheit, das Trauma eines Verlusts, das immer noch nachwirkt, ein dichtes Netz großartiger Sammlungen und ein Publikum, das kaum erwarten kann, was die nächste Ausstellung bringen mag. „Sagte ich Augenhöhe?“, fragt der Galerist und blinzelt ein bisschen kokett. „Na, aber mindestens!“

Berlin wurde Hauptstadt, in Köln lebt es sich, nun ja, ein bisschen lockerer vielleicht. Aber Düsseldorf hat seine Akademie und eine Geisteshaltung, die aus ihr hervorgegangen ist und bis heute das Denken bestimmt. Ulrich Rückriem, Katharina Fritsch und Klaus Rinke, Gotthard Graubner und Sigmar Polke, Rosemarie Trockel, Gregor Schneider, A. R. Penck und Felix Droese, Nan Hoover, Imi Knoebel und Thomas Demand: Die Liste der erfolgreichen, ja berühmten Absolventen und Dozenten will einfach kein Ende nehmen. Viele von ihnen brachen von hier aus auf, eroberten sich ein Publikum, Museen und Sammler in der ganzen Welt – und machten irgendwann als Lehrer weiter, wo sie als Schüler aufgehört hatten: Düsseldorfer Schule eben. Keine ernst zu nehmende Ausstellung zur Kunst der vergangenen 20, 30, 40 Jahre, keine Biennale, documenta oder größere Museumsschau kommt ohne sie aus. Und weil Kunst nun mal immer von Kunst kommt, schreibt sich die Reihe nahtlos fort: Peter Doig und Marcel Odenbach, Richard Deacon und Katharina Grosse, Tony Cragg, Rita McBride und Eberhard Havekost. Joseph Beuys war der Berühmteste. Der Auffälligste, Umstrittenste, derjenige, der engagiert wie kein Zweiter darum kämpfte, die Formen und Rituale der etablierten Kunst zu überwinden – und der doch fest am Düsseldorfer Prinzip der Lehre durch gute und strenge Lehrer festhielt. Von hier aus schenkte er der Welt die Fettecke und den Filzanzug, von hier aus erklärte er direkte Demokratie und Volksabstimmung zu künstlerischen Techniken und erhob kurzerhand jeden zu einem Künstler. Als er mit seinen neuen Konzepten Ernst machte und das Sekretariat der ohnehin hoffnungslos überbelegten Hochschule mit abgewiesenen Studienplatzbewerbern besetzte, warf der Ministerpräsident persönlich, Johannes Rau, den unbotsamen Professor aus dem Amt. Die Szene hatte ihren Skandal, der Diskurs über die Kunst war nachhaltig befeuert. Ein Jahr später, im Oktober 1973, hüllte Beuys sich in einen alten Armeemantel und ließ sich in einer theatralischen Aktion über den Rhein zurückrudern. Aufrecht stehend wie ein Eroberer in einem Einbaum, den sein Schüler Anatol aus dem Stamm einer Pappel geschnitzt hatte. Stärkere Bilder konnten auch die Maler alter Schule nicht produzieren. Der Koreaner Nam June Paik brachte mit seinen Installationen aus Videoschirmen voll zappelnder Bilder von hier aus die Medienkunst auf den Weg. Fast 20 Jahre war er Professor an der Akademie. Und bis heute kommt keiner an Düsseldorf vorbei, der erleben will, wie Kunst ihre Grenzen erweitert und sich neue Medien erschließt. Bernd und Hilla Becher begründeten mit ihren strengen, atemberaubend disziplinierten Serien von Dokumentaraufnahmen eine Schule der Fotografie, deren Absolventen – Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff oder Thomas Struth – seit Jahrzehnten in ihrem Metier weltweit ganz oben stehen. Und natürlich auch längst ebenfalls Lehrer sind.

Wenn also die Düsseldorfer Schule ein Ort ist, an dem eine große Geschichte lebendig geblieben ist, dann lohnt es sich, durch den bescheidenen, seitwärts gelegenen Eingang den langen und stillen Flur zu betreten und einen Moment lang das Gewicht dieser Geschichte zu ahnen. Schon zum Ende des 19. Jahrhunderts, in der Kaiserzeit, wussten die Düsseldorfer, was sie an ihrer Akademie hatten: Sie bauten ihr einen Palast. Der noble Neubau im Stil der Renaissance mag der Stadt mit ihren Kneipen und Galerien, den grandiosen Kunstsammlungen und dem Kunstverein die Rückseite zukehren. Aber dafür haben die Ateliers der großen Lehrer hinter der lang gezogenen Gebäudefront ein Nordlicht, kühl und mild, das jeden traditionsbewussten Künstler jubeln lässt.

Wenn die Akademie aber ein Ausbildungsmodell ist, dann lohnt es sich immer, den Nachwuchs im Auge zu behalten. 45.000 Besucher tun das jedes Jahr im Februar, wenn sich die Ateliertüren der Schüler und Lehrer zum öffentlichen Rundgang öffnen. Manches Museum für moderne Kunst würde sich freuen, solche Besucherzahlen im ganzen Jahr zu erreichen. Wer also wissen möchte, was Kunst ihrer Gegenwart zu sagen hat, der findet in Düsseldorf reichlich Antwort: im Gedränge um die jeweils neuesten Talente und auch bei jenen, die ihre Positionen schon erfolgreich in Galerien zur Debatte stellen. Etwa der bosnischen Medienkünstlerin Danica Dakić mit ihrer Suche nach Heimat und Identität oder Sven Kroner mit seinen ironisch gefärbten Landschaftsbildern. Sie alle haben einen Ort, von dem aus sie die Welt der Kunst erobern können: von hier aus.

IssueGG Magazine 02/18
City/CountryDüsseldorf/ Germany
Photography
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