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Monumente mit Geschichte by Helen Barrett | 6. Dezember 2019 | Personalities

David Adjaye gehört zu den erfolgreichsten Architekten der Gegenwart. Gefällig ist er nicht, die öffentlichen Bauten, die er schafft, sind komplex. Sein Ziel: menschliche Erfahrungen und Erinnerungen in Stein zu gießen. Derzeit plant er einen Komplex in Abu Dhabi, der drei Weltreligionen an einem Ort vereint.

Sir David Adjaye erinnert sich an ein frühes Projekt: ein bescheidenes Haus in Ost-London. Heute einer der fantasievollsten und gesuchtesten Architekten der Welt, zuckt er zusammen, als er an das „stumpf gewalttätige“ Scharmützel mit Londoner Stadtplanern zurückdenkt. „Man hat mich gezwungen, die Fassadenverkleidung niederzureißen.“ Er ist noch immer außer sich wegen der Art und Weise, wie die Ambitionen seines jüngeren Ichs – so empfindet er es – niedergeboxt wurden. „Das System reagiert und versucht, dich in kindischer Manier zur Ordnung zu rufen, statt Verständnis dafür aufzubringen, dass du etwas vorangebracht hast.“

Ob es nun um ein Privathaus geht oder ein großes öffentliches Bauvorhaben: Für Architekten, so sagt er, „sind Kontroversen Normalität“. Adjaye, der 2017 von Prinz William zum Ritter geschlagen wurde, schreckt weder vor Kontroversen noch vor Komplexität zurück. Der 52-jährige Brite ghanaischer Herkunft – selbstsicher und schlank im schwarzen Hoodie unterm schwarzen Blazer – wurde im Frühjahr 2019 drei Monate lang im Londoner Design Museum gefeiert. Die Ausstellung „David Adjaye: Making Memory“ zeigte sieben seiner bedeutenden öffentlichen Bauten und umriss seine vielseitige Arbeitsweise.

Zwischen den präsentierten Projekten und Familiendomizilen in Ost-London liegen Welten. Zu Ersteren gehört das viel gerühmte National Museum of African American History and Culture in Washington, D. C., Teil der Smithsonian Institution an der National Mall. Es war von Barack Obama eröffnet worden, kurz vor Ende seiner Präsidentschaft. Und es gehört die neue – und eher umstrittene – Nationale Kathedrale von Ghana dazu. Zu sehen waren auch Adjayes Entwürfe für eine Holocaust Gedenkund Aufklärungsstätte in unmittelbarer Nähe der Parlamentsgebäude in London. Die Ausstellung macht den argumentativen Ansatz des Architekten beim Erinnern an die Vergangenheit deutlich. Adjaye spricht vom „Narrativen“, wenn er beschreibt, wie er in seiner Arbeit auf Geschichte, Kunst, Anthropologie und Erinnerungen zurückgreift. Immer in der Hoffnung, menschliche Erfahrung in Form eines Gebäudes zu kristallisieren. Die Kenotaphe, Statuen und Gedenkstätten, die den öffentlichen Raum übersäen, sollten der Vergangenheit überlassen werden, das legt die Ausstellung nahe. „Die Zeiten von Monumenten mit Gedenktafeln, von Objekten, die eine Art steinernen Beweis darstellen sollen – die sind vorbei“, sagt Adjaye. „Es geht nicht darum, etwas exakt abzubilden, sondern um Erfahrungen.“

Die Smithsonian-Konstruktion, 2017 zum Beazley Design of the Year gekürt, ist ein gutes Beispiel dafür. Das Gebäude versucht, den afroamerikanischen Beitrag zur US-Geschichte durch eine Gitterwerk-Fassade aus Metall herauszuarbeiten. Die verweist auf die schmiedeeisernen Architekturelemente, die kreolische afroamerikanische Sklaven einst in New Orleans und Charleston schufen. Die dreigeschossige Struktur des Gebäudes spiegelt die Krone wider, die eine Figur von Olowe of Ise trägt, dem berühmten Yorùbá-Bildhauer aus Nigeria.

„Mich interessieren Klienten, die einen seltsamen Baugrund haben, einen, der eine Schwierigkeit aufweist.“

DAVID ADJAYE

Die 100-Millionen-Dollar-Kathedrale in der ghanaischen Hauptstadt Accra ist problematischer. Sie zieht christliche Architektur und Akan-Motive heran und wurde auf Grund errichtet, den die Regierung gespendet hat. Kritiker beschuldigten Ghanas Präsidenten Nana Addo Dankwa Akufo-Addo, die Rolle von Kirche und Staat vermischt und Christen über Ghanas muslimische Bevölkerung gestellt zu haben. Die Debatte illustriert zwei Probleme, die Adjayes narrativer Ansatz mit sich bringt: Geschichten widersprechen einander und sie ändern sich mit der Zeit. Wie entscheidet er, welche kulturellen Bezüge Eingang in ein öffentliches Bauvorhaben finden – und welche außen vor bleiben?

„Ja, ich editiere. Und Sie könnten einwenden, was gibt mir das Recht zu editieren?“, sagt er. „Meine Klienten haben jedes Recht, nein zu sagen und mich zu jedem Zeitpunkt zu feuern. Aber mein Job besteht darin, sicherzustellen, dass ich Formen schaffe, die für sie Sinn ergeben, und dass ich viele Möglichkeiten aufzeige.“ Adjaye räumt ein, dass er es nicht jedem recht machen könne. „Unmöglich. Selbst mit dem Smithsonian kann ich nicht jeden glücklich machen. Aber wonach sie alle suchen, das ist ein Intellekt, der Sinnzusammenhänge herstellt.“ Das zu liefern ist das Beste, was er hoffen kann, sagt er. „Ob es gelingt oder nicht, das ist meine Bürde.“ Sein nächstes Großprojekt entsteht derzeit in den Arabischen Emiraten und ist einzigartig: Adjaye baut eine Moschee, eine Synagoge und eine Kirche auf einer Abu Dhabi vorgelagerten Insel, die Eröffnung ist für 2022 geplant.

Er wollte immer Werke für die Öffentlichkeit schaffen. Adjaye begründete seinen Ruf in den 1990ern und 2000ern, mit Domizilen für Klienten wie Ewan McGregor oder Alexander McQueen. „Als junger Architekt bekommt man kein öffentliches Bauvorhaben, bevor man nicht eine gewisse Reputation erworben hat.“ Seine ambitioniertesten Wohnhäuser weisen frühe Spuren seines narrativen Prozesses auf. Etwa das „Dirty House“ der Künstler Sue Webster und Tim Noble in Shoreditch mit seinen nackten und geschwärzten Fenstern aus dem Jahr 2002. Die Idee zu dem Haus entstand aus einer langen Diskussion mit den Klienten „über das Schaffen von Schönheit aus den Trümmern der Straße“.

Wie wählt er Projekte aus? „Wenn Sie etwas ausgesprochen Geschmackvolles, Elegantes wollen, kommen Sie nicht zu David Adjaye“, sagt er. „Mich interessieren sehr Klienten, die einen ungewöhnlichen Baugrund haben, der besondere Schwierigkeiten aufweist. Solche Projekte ziehen mich an, und das sind die Klienten, die ich anziehe.“

Nachdem er es mit vielerlei Herausforderungen und verfestigten Interessenlagen bei großen öffentlichen Aufträgen zu tun hatte, spricht er heute über seine kleinkalibrigen Planungs-Scharmützel als intellektuelle Herausforderungen – „Puzzles“, die gelöst werden müssen, nicht so sehr traumatische Zusammenstöße wie früher. Er erwähnt ein Projekt der jüngsten Vergangenheit, bei dem er mit der Londoner Verwaltung zusammenarbeitete, um ein Haus in einer Baulücke zu bauen. „Inzwischen kommen sie zu mir, um Rat zu holen.“

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